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Ein kaiserliches Kunstlabyrinth

 ·  Man kann dieses Museum so oft besuchen, wie man will, man wird immer nur einen winzigen Ausschnitt seiner unermesslichen Bestände zu sehen bekommen. Nicht einmal der Direktor der St. Petersburger Ermitage, der polyglotte und weltgewandte Michail B. Piotrowski, hat nach eigenem Bekunden wirklich einen Überblick ...

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Man kann dieses Museum so oft besuchen, wie man will, man wird immer nur einen winzigen Ausschnitt seiner unermesslichen Bestände zu sehen bekommen. Nicht einmal der Direktor der St. Petersburger Ermitage, der polyglotte und weltgewandte Michail B. Piotrowski, hat nach eigenem Bekunden wirklich einen Überblick über die 2,8 Millionen Exponate seines Hauses, von denen nur ein Bruchteil permanent ausgestellt wird. Als im Sommer 2006 im Rahmen einer Inventur der Verlust von zweihundertelf Exponaten bekannt wurde, schockierte das zwar ausländische Museumsdirektoren. Kenner der russischen Museumsszene indes überraschte diese Nachricht nur wenig.

Die Museen des Landes waren in den vergangenen Jahrzehnten in einem bejammernswerten Zustand. Selbst die Ermitage, das Prestigehaus des Landes, hatte keine ausreichenden Sicherheitsanlagen, keine Feuchtigkeitskontrollen und auch keine Klimaanlage. Das Rückgrat des Hauses waren stets die "Ermitaschniki", die Angestellten, vom Gärtner oder Nachtwächter bis zum Direktor. Im Winter konnte man sie sehen, wie sie in dicken Strickjacken und Filzstiefeln ihren Dienst versahen. Selbst hochqualifizierte Wissenschaftler bekamen Gehälter, die oft kaum zum Leben reichten - und wären doch nie auf die Idee gekommen, ihren Schreibtisch in der Ermitage aufzugeben.

Die Geschichte der Ermitage beginnt in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts als Privatsammlung der Kaiserin Katharina II. Ihr Schicksal bleibt zwei Jahrhunderte an das des jeweiligen Zaren gebunden, kein wirklich öffentliches Museum, sondern ein Bestandteil des Hofes. Das hat der Sammlung nicht immer gutgetan. So kunstsinnig Katharina gewesen war, so uninteressiert waren einige ihrer Nachfolger. Doch die kaiserlichen Sammlungen wuchsen trotzdem und erforderten immer mehr Platz.

Heute unterscheiden die Besucher kaum noch die verschiedenen Gebäudeteile am Ufer der Newa. Die "Kleine Ermitage", Katharinas Schatzhaus, das zwischen dem Komplex des Winterpalais und den Gebäuden der Alten und der Neuen Ermitage liegt. Der Zarenpalast selbst, heute das Herzstück des Museums, wurde erst nach der Revolution zum Museum umgewidmet, und zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts greift die Direktion nach den riesigen Gebäuden jenseits des Schlossplatzes, die einst den Generalstab beherbergt haben.

Ein Verdienst der Darstellung von Marianna Butenschön ist die detaillierte Auflistung der Verluste des Museums genauso wie der ständigen Zugänge. Wer heute aufmerksam durch die National Gallery in Washington streift oder das Armand Hammer Museum in Los Angeles besucht, wird dort auf zahlreiche Inkunabeln der Weltkunst stoßen, die einst zum Stolz der Ermitage gehört haben. Der amerikanische Finanzminister Mellon und der Rohstoffhändler Hammer nutzten die finanziellen Schwierigkeiten der jungen Sowjetunion weidlich aus, um von den Bolschewiki erstklassige Kunstwerke, vorzugsweise aus der Ermitage, zu kaufen. Mellon, der später seine Sammlung in eine Stiftung einbrachte, nachdem er Schwierigkeiten mit der Steuer bekommen hatte, sicherte sich unter anderem das Bild "Papst Innozenz X." von Velazquez und einige der wichtigsten Rembrandts aus St. Petersburg.

Die Ermitage wiederum erhielt als kaiserliche Privatsammlung Bilder, deren Besitzverhältnisse umstritten waren. So hatte Napoleon aus der weltberühmten kurfürstlichen Gemäldesammlung in Kassel deren größten Teil rauben lassen. Ein Konvolut landete bei Napoleons geschiedener Frau Josephine Beauharnais im Schloss Malmaison. Während der Kurfürst den größten Teil seiner Sammlung zurückerhielt, gelangten die Bilder aus Josephines Sammlung in die Ermitage. Zar Alexander I. hatte sie von Josephines Kindern gekauft, ohne die Vorgeschichte zu kennen oder ihr Bedeutung beizumessen. Immerhin war er bereit, die Bilder an den Kurfürsten zurückzugeben, gegen Erstattung seiner Auslagen. Dazu aber war der sparsame Kurfürst Wilhelm I. nicht bereit, und so befindet sich diese frühe "Beutekunst" noch heute in der Ermitage.

Was die spätere Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg angeht, so verhielt sich Ermitage-Direktor Piotrowski sehr viel geschickter und flexibler als seine Kollegin am Moskauer Puschkin-Museum. Piotrowski veranstaltete Ausstellungen aus seinen geheimen Depots und lud deutsche Kollegen zur Mitarbeit ein. Die Ausstellungen wurden ein großer Erfolg, und die Arbeiten aus deutschen Museen und Privatsammlungen werden heute in St. Petersburg weitgehend korrekt bezeichnet.

Marianna Butenschöns Buch ist so voll von Geschichten und Daten, dass man angesichts dieser Fülle in ähnliche Rezeptionsverlegenheit kommt wie in der Ermitage - wo man sich immerhin an die herausragenden Bilder halten kann, seien es nun die Niederländer mit Rembrandt an der Spitze, die Italiener mit den beiden Leonardos oder die Spanier mit Velazquez als Anziehungspunkt.

Im voluminös geratenen Buch werden diese Werke allerdings fast erdrückt von der faktenreichen Geschichte des Museums selbst. Auf einige Details hätte die Autorin wohl doch besser Verzicht geleistet. Aber es sollte ja auch kein Führer durch die Ermitage sein, sondern durch ihre Geschichte, und die wird mit bewunderungswürdiger Kenntnis aufgeblättert. Hilfreich ist dabei die journalistisch geschulte, präzise und unprätentiöse Sprache der Autorin. Manchen Leser werden Umfang und reichlich angebrachte Fußnoten wohl abschrecken. Aber Enthusiasten und Liebhaber unter den Kunstfreunden werden ihr Buch zu schätzen wissen.

HANS-PETER RIESE

Marianna Butenschön: "Ein Zaubertempel für die Musen". Die Ermitage in St. Petersburg. Böhlau Verlag, Köln 2008. 411 S., Abb., br., 29,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2009, Nr. 17 / Seite 28
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