11.08.2006 · Caravaggio legt den Finger in die Wunde: Glenn Most erzählt von einem guten Mißverständnis
Wohl im Jahr 1602 hat Caravaggio sein spektakuläres und heute in der Gemäldegalerie von Schloß Sanssouci aufbewahrtes Gemälde vom ungläubigen Thomas vollendet. Es fällt nicht schwer, jene Gründe zu benennen, die dieser gemalten Interpretation des zweifelnden und erst durch die Berührung des Leibes Christi zum Glauben findenden Jüngers eine enorme Bekanntheit sichern sollten. Das von Thomas ausgesprochene Begehren nach Berührung hat Caravaggio in einen Akt drastischer Penetration gesteigert. Dabei hat er, innerhalb seines OEuvres nahezu unvergleichbar, den seiner Malkunst eigenen Naturalismus eingesetzt, um den sich mit dieser Szene abspielenden Skandal deutlich vor Augen zu rücken. Mit seinem vor Dreck starrenden Zeigefinger dringt Thomas tief in die Seitenwunde Christi ein. Die sich dabei auf der Stirn des Jüngers abzeichnenden Furchen geben etwas von der Anstrengung zu erkennen, mit welcher ein solch ehrfurchtsloser Schritt überhaupt nur möglich scheint. Noch nicht aufgegebener Zweifel und sich einstellender Glauben scheinen sich in dem hier meisterhaft eingefangenen Moment unauflösbar die Waage zu halten.
Es erstaunt daher kaum, daß auch in der jüngsten Monographie "Doubting Thomas" des Gräzisten Glenn Most schon auf dem Titelblatt Caravaggios Gemälde vom ungläubigen Thomas abgebildet ist. In seiner aufgrund ihres Facettenreichtums äußerst eindringlichen Betrachtung beschreibt Most dieses Bild als eine herausragende und in ihrer Komposition einzigartige Adaption jener Erzählung, von der das zwanzigste Kapitel des Johannesevangeliums berichtet. Ein solcher Befund klingt, insbesondere angesichts der in den zurückliegenden Jahrzehnten florierenden Caravaggio-Forschung, eher nüchtern und ist gewiß alles andere als überraschend.
Provokant jedoch ist jene Frage, von der Mosts detaillierte Untersuchung ihren Ausgang nimmt: Könnte es sein, daß Caravaggios Gemälde das Ergebnis einer Fehllektüre des Johannesevangeliums und damit zuletzt der Höhepunkt eines über eineinhalb Jahrtausende wirksamen produktiven Mißverständnisses ist? Diese Frage wiegt vor allem deshalb schwer, da gerade anhand der Figur des ungläubigen Thomas bereits in den Evangelien die Frage nach dem Zusammenhang von Sehen und Glauben verhandelt worden ist. Der Zweifel des Jüngers Thomas, schreibt Most, scheint kulturell so produktiv geworden zu sein, da er Gegenstand von Interpretation, von Fehlinterpretation und zuletzt von Negation des biblischen Textes geworden ist.
Für den Nachweis einer solchen These beweist Most, daß zu den Tugenden des Philologen nicht allein die minutiöse Betrachtung dessen gehört, was geschrieben steht, sondern auch eine Analyse all dessen, was ungeschrieben und damit für den Leser - zunächst - unsichtbar bleibt. Folgerichtig zieht er das Hauptargument seiner kontroversen Lektüre aus der Untersuchung einer Lücke im Text und reicht damit wie nebenbei, dreißig Jahre nach Erscheinen der rezeptionsästhetischen Grundlagenwerke, einen essentiellen Beleg für Wolfgang Isers "Leerstellen"-Theorie nach. In Frage steht hierbei die Kohärenz jenes Dialogs, den Christus und Thomas in Johannes 20, 25-28 miteinander führen. Thomas, der seine Finger in die Nägelmale und seine Hand in die Seitenwunde Christi zu legen begehrt, wird hierzu von Christus aufgefordert. Doch berichtet das Evangelium an dieser Stelle gerade nicht von der tatsächlichen Erfüllung dieses Wunsches. Statt dessen richtet Thomas im Text unmittelbar hierauf an den ihm erschienenen Heiland sein Glaubensbekenntnis "Mein Herr und mein Gott!".
Most nimmt sich einhundert Seiten Platz, in ausführlichen Analysen die sich an diese Szene knüpfende theologische, vom gnostischen Schrifttum bis zu den reformatorischen Theologen reichende Debatte darzustellen. Zwei Fragen sind es, die dabei wesentlich sind: Benötigte Thomas tatsächlich die Berührung des Leibes Christi, um sich seines Glaubens sicher zu werden? Und: Hätte er den Leib des Auferstandenen überhaupt berühren können? Hat er also, oder hat er nicht?
Most schließt sich der Meinung des gnostischen Schrifttums an, in der Thomas eine herausragende Bedeutung spielt, und konstatiert: Thomas hat nicht. Bereits die freimütige Aufforderung des Heilands, ihn zu berühren, zeuge von der Göttlichkeit Jesu. Diesen göttlichen Leib tatsächlich zu berühren wäre einem Sakrileg gleichgekommen. Nicht haptisch, sondern nur visuell nehme Thomas vom Leib Jesu Besitz. Auch nur so ist das sich hierauf anschließende Wort "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" verständlich.
Vor allem aber die zweite Frage besaß in der verzweigten theologischen Debatte enorme Brisanz. Wenn Thomas den Leib des auferstandenen Christus tatsächlich berührt haben sollte, dann muß er ihn auch berührt haben können. Ist der Leib des Auferstandenen also noch von irdischer oder bereits von höherer Art gewesen? Und, hiermit verbunden, von welcher Art werden am Jüngsten Tag die Leiber der Auferstandenen sein? Most amüsiert sich sichtlich über solche Sorgen, indem er eine solche Kontroverse in zwei wesentlichen Fragen anschaulich werden läßt: "Wozu ist die Auferstehung eigentlich gut, wenn ich meine Tante Betty nicht wieder umarmen kann? Und wie soll ich sie überhaupt erkennen können, wenn sie dann nicht mehr diesen Leberfleck auf ihrer rechten Wange hat?"
Vor allem die ikonographische Tradition der bildenden Kunst geht an solchen Fragen, zu Recht oder nicht, vorbei. Von Andrea del Verrocchio bis Martin Schongauer, von Cima da Conegliano bis Peter Paul Rubens, von Albrecht Dürer bis, gewiß nicht zuletzt, Michelangelo Merisi da Caravaggio waren sich alle Künstler sicher: Er hat! Tradition, so seufzt Most an einer Stelle seiner inspirierten Studie, ist eben machtvoll.
STEFFEN SIEGEL
Glenn W. Most: "Doubting Thomas". Harvard University Press, Cambridge, Mass., London 2005. 267 S., 29 S/W-Abb., geb., 27,95 $.
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