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Am Rand der Wörter wuchern seltsame Chimären

22.02.2010 ·  Im Herbst 1961 wurde die damals fünfundvierzigjährige Unica Zürn ins Pariser psychiatrische Krankenhaus Sainte-Anne eingewiesen. Es war ein Rückfall, und Hans Bellmer, dem sie einige Jahre zuvor nach Paris gefolgt war, wusste um die akute Gefährdung. Er verständigte Bekannte und Künstlerfreunde, ...

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Im Herbst 1961 wurde die damals fünfundvierzigjährige Unica Zürn ins Pariser psychiatrische Krankenhaus Sainte-Anne eingewiesen. Es war ein Rückfall, und Hans Bellmer, dem sie einige Jahre zuvor nach Paris gefolgt war, wusste um die akute Gefährdung. Er verständigte Bekannte und Künstlerfreunde, konsultierte Ärzte - und er bat jenen Mann um Beistand, der auf merkwürdige Weise zu einem Fixpunkt der in den Wahn abgleitenden Phantasiegespinste von Unica Zürn geworden war und sich gleichzeitig wie sie zwischen Literatur und Malerei bewegte: Henri Michaux.

Man ahnt, wie unangenehm dem auf äußerste Diskretion bedachten Michaux dieser Umstand sein musste. Aber Bellmer bat nicht vergeblich: Michaux besuchte die Kranke, ließ seine guten Beziehungen zu einigen Psychiatern spielen, setzte sich dafür ein, dass in Jean Hugues Galerie "Le Point Cardinal" - zu deren Künstlern er selbst ein paar Jahre später zählen würde - eine Ausstellung von Zeichnungen Unica Zürns zustande kam, brachte ihr auch ein Skizzenheft nach Sainte-Anne, mit einer Widmung auf dem ersten Blatt, das sie mit Zeichnungen füllte.

Die Briefe Bellmers an Michaux liegen nun zum ersten Mal in einer schönen kleinen Edition vor. Sie enthält auch eine Reproduktion des Einladungsleporellos zur Ausstellung bei Jean Hugues, zu der Max Ernst drei wunderbare Seiten graphische "Prosa" beisteuerte. Das vollständig reproduzierte Skizzenheft, das zuerst bei Michaux, dann wieder bei Zürn landete, die sich 1970 das Leben nahm, findet man dagegen in einem stattlichen, von Erich Brinkmann exzellent eingerichteten Band, der die selbstgefertigten - und auch die zwei zu Lebzeiten gedruckten - Bücher und Zeichenhefte Unica Zürns versammelt; nicht vollständig zwar, wie der Herausgeber vermerkt, aber doch mit ingesamt dreihundert Abbildungen, fast alle bis dahin unveröffentlicht. Eine Bildersammlung, die an die schon vorliegende große Ausgabe der "Schriften" anschließt.

Das Heft, das Michaux mit seiner Widmung versah - "Heft der unberührten weißen Ausdehnungen/Seen in denen die Verzweifelten/besser als die anderen in Stille zu schwimmen wissen/und sich abseits auszustrecken und wiederaufzuleben . . . /Für Unica" -, ist eines von mehreren Alben, die Unica Zürn während des Aufenthalts in Saint-Anne verwendete. Nicht immer waren es dabei leere Blätter, auf denen sie zeichnete und manchmal collagierte. Auch ein Partituralbum ist darunter, so wie sie einige Jahre zuvor schon eine beim Trödler erstandene Partitur von Bellinis "Norma" mit Tusche und Tempera übermalt hatte. Seltsam sehe das aus und manchmal schön, hatte sie damals an Freunde geschrieben, zumal der Rhythmus des Notengraphismus manchmal mit den Zeichnungen "zufällig" glücklich zusammengehe.

Unsere Abbildung zeigt ein Blatt des Albums aus Sainte-Anne, in dem sich Zeichnungen und ausgeschnittene Fotos über die Noten von Robert Schumanns "Original-Compositionen für Pianoforte zu 4 Händen" legen.

HELMUT MAYER

Unica Zürn: "Alben". Bücher und Zeichenhefte. Herausgegeben von Erich Brinkmann. Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 2009. 330 S., geb., 120,- [Euro].

"Pour Unica Zürn". Lettres de Hans Bellmer à Henri Michaux & autres documents". Ypsilon Éditeur, Paris 2009. 78 S., br., 22,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2010, Nr. 44 / Seite 28
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