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Kunst im Internet Die Macht im Cyberspace

12.04.2007 ·  Mit rund 14 Millionen Klicks täglich ist Charles Saatchis Website „Your Gallery“ der größte virtuelle Kunstmarkt für Künstler und Galeristen. Der Sammler-Tycoon ist überzeugt davon, das entscheidende Medium im globalisierten Kunstmarkt erobert zu haben.

Von Swantje Karich
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„18.205.977“ zeigt der Zähler auf der Website www.saatchi-gallery.co.uk an - das bedeutet aktuell mehr als achtzehn Millionen Klicks dort innerhalb der vergangenen 24 Stunden. Diese Seite beherbergt den größten virtuellen Kunstmarkt für Künstler, Galeristen und Museen überhaupt, ganz ohne geographische Grenzen. Erst vor knapp einem Jahr wurde dieses Netzwerk namens Your Gallery ins Leben gerufen, vom wohl einflussreichsten und zugleich umstrittensten Mann der internationalen Szene: von Charles Saatchi.

Wer mitmachen will, kann sich registrieren lassen und dann kostenlos eine Galerie mit eigenen Werken erstellen, die digitalen Bilder seiner Kunst selbst hochladen und hoffnungsfroh auf Entdeckung warten - oder einfach das Bilder- und Informationsuniversum auf der Website durchforsten: 30.000 Künstler zeigen hier mittlerweile ihre Werke, werben für sich. Außerdem hat Charles Saatchi seine interaktive Galerie mit diversen Zwischenebenen versehen: Wettbewerbe werden ausgeschrieben, virtuelle Ausstellungen kuratiert und Diskussionsforen eröffnet.

Weites Korrespondentennetz

Das Your Gallery Magazine wird täglich mit Nachrichten, Vorschauen und Besprechungen, mit Essays, aber auch Partyfotos aktualisiert. Zur Chefredakteurin wurde Rebecca Wilson ernannt, die beim Londoner Kunst-Magazin „Art Review“ war, bevor sie in die Dienste Saatchis trat; ihre Korrespondenten sitzen in New York, London, Madrid, Berlin und Peking. Dort werden Anregungen dazu gegeben, wie man selbständig eine eigene Sammlung aufbauen kann, werden Bücher besprochen und Blogs geführt.

Jeden Montag wird ein Künstler von Saatchis Mitarbeitern ausgewählt und in Your Gallery ausführlich vorgestellt. Auf der Plattform Stuart präsentieren Kunststudenten ihre Arbeiten, 7500 sind bereits dabei. Videos von Ausstellungseröffnungen werden gezeigt, und in der Sektion „crits“ darf sich jeder als Kritiker betätigen. In den Chat-Räumen wird über Kunst, Künstler und Kunstmarkt diskutiert. Die Beiträge zeigen, dass sich die Nutzer viel Mühe geben: Plant man zum Beispiel den Besuch in einem bestimmten Museum, lässt sich hier die Meinung von gleich einem Dutzend Künstlern, aber auch Galeristen und Kuratoren einholen.

In ständiger Bewegung

Schwierigkeiten bereitet nur der ungeheure Datenfluss, da sich dieses Netzwerk in ständiger Bewegung befindet: Hat man einmal einen Button angeklickt und will dann doch wieder einen Schritt zurück, haben sich inzwischen die vorherige Seite und die Kunst auf ihr schon wieder verändert, Kommentare sind hinzugekommen und andere verschwunden. Da hilft nur die Registrierung und dann der Klick auf „Add to Favourites“, damit die Datenmenge nicht unkontrollierbar wird.

Charles Saatchi selbst und seine Mitarbeiter haben die Macht in diesem artistischen Cyberspace; sie sind die Einzigen, die alles sichten können und den Durchblick behalten. Sie versuchen, diese Masse an Informationen einer Hierarchie zu unterwerfen, indem sie Wettbewerbe veranstalten: Im Showdown treten Künstler gegeneinander an. Jeder Besucher kann da nur einmal pro Kunstwerk abstimmen. Auf einer Skala von eins bis zehn ist das Werk zu beurteilen; jeweils zwei Künstler kommen ins Finale. Die Sieger der ersten beiden Runden heißen Laurie Lipton und Alice McMahon White: Saatchi will sie im Sommer in seiner neuen Saatchi Gallery ausstellen, dem ehemaligen Haus des Duke of York im Londoner Stadtteil Chelsea.

Gleichberechtigung des digitalen Bildes

Saatchi unternimmt mit Your Gallery den grundsätzlichen Versuch, die Rollen auf dem Kunstmarkt neu zu verteilen und zu zeigen, wie Kunst zukünftig gehandelt werden könnte, wie über sie global diskutiert werden kann. Das hochaufgelöste, digitale Bild wird dabei zum ernst genommenen Repräsentanten des Originals: Werke werden in Your Gallery - bis in den sechsstelligen Bereich hinein - lediglich nach Ansicht auf dem Bildschirm verkauft.

Saatchi ist der Mann, der es beherrscht, die Massen zusammenzuführen: Gemeinsam mit seinem Bruder gründete er im Jahr 1970 die Londoner Agentur Saatchi & Saatchi, die binnen zwei Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Werbekonzerne der Welt avancierte und für Margaret Thatcher die Slogans im Wahlkampf schrieb. Charles Saatchi erkannte so früh wie kein anderer, dass sich die Nachfrage nach Gegenwartskunst durch das Prestige der Museen anheizen lässt: Er benutzt das Museum und seine eigenen Galerien als Durchgangsstation auf dem Weg zum (Wieder-)Verkauf, selbst als Händler oder in Auktionen. Nach seiner fulminanten Schau „Sensation“ 1997/98, der Vermarktung der „Young British Artists“, seiner Wendung zur Malerei mit „The Triumph of Painting“ erobert er für sich nun das entscheidende Medium im globalisierten Kunstmarkt der Zukunft: das Internet.

Quelle: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite K4
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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