26.08.2010 · Österreichische Galerien leiden unter Umsatzverlusten bei einem „irren Wettbewerb“, und besonders die Preise für junge Künstler stehen unter Druck. Aufhören will deswegen aber niemand.
Von Michaela SeiserÖsterreich ist eine der reichsten Volkswirtschaften in Europa. Das Land versteht sich als Kulturnation. Doch hat die jüngste globale Krise auch auf dem Kunstmarkt ihre Spuren hinterlassen. Während die Auktionshäuser über Rekordergebnisse jubeln, wie die Halbjahresbilanz auf der vorigen Seite zeigt, herrscht bei den Galeristen eine gewisse Tristesse. Zwar verdankt Österreich den ersten Platz in der Rangliste aus Maastricht („The International Art Market 2007 - 2009“) nur dem Alphabet - mit einem Anteil von 1,2 Prozent an den global erzielten Auktionsumsätzen fiele das Land sonst zurück. Jedoch schlug die kleine Volkswirtschaft mit im vergangenen Jahr in rund 620 Versteigerungen erwirtschafteten 153,2 Millionen Euro immerhin Länder wie die Schweiz, Belgien, Dänemark, Spanien, Holland, Schweden, aber auch Japan.
Der durchschnittliche Zuschlagspreis bei Kunstauktionen lag mit 8205 Euro über dem Schnitt in der Europäischen Union. Diese Leistung gründet zum einen in der charakteristischen Konstellation, wonach der Sekundärmarkt in Österreich hauptsächlich die Binnennachfrage bedient. Zum anderen dürfte die recht konstant - und 2009 stärker als zuletzt - nachgefragte Mittelware im vergangenen Jahr sogar das Zünglein an der Bilanzwaage gewesen sein.
Ab fünfzehntausend Euro muss der Käufer sich ausweisen
Otto Hans Ressler, Geschäftsführer des Wiener Auktionshauses Im Kinsky, hatte im Vorjahr größte Bedenken: „Wir haben ein Crash-Szenario entwickelt. Tatsächlich gab es mit einem Umsatzzuwachs von sieben Prozent auf zwanzig Millionen Euro das zweitbeste Ergebnis seit der Gründung vor sechzehn Jahren.“ Das Im Kinsky ist - neben dem Dorotheum natürlich - das wichtigste Kunst-Auktionshaus Österreichs. Das Gros der Verkäufe liegt dort in einer Preisklasse zwischen 5000 und 35.000 Euro. Dieses Segment beschreibt Ressler als erstklassig nachgefragt: „Kunst wird für einen sicheren Anker gehalten.“ Notverkäufe gebe es in Österreich nicht.
Das Im Kinsky führt eine Datei mit 35.000 Kunden. Davon kaufen, den Angaben des Hauses zufolge, tausend regelmäßig zeitgenössische Kunst. Im Gegensatz zu anderen Fachleuten auf dem österreichischen Markt hält Ressler durchaus Schwarzgeld für ein Thema in dieser verschwiegenen Branche; er spricht von kulturbeflissenen Schwarzgeldbesitzern, „allerdings muss sich ein Käufer von einem Preis von 15.000 Euro an ausweisen.“ Das werde im Kunsthandel sonst eher leger genommen, hat Ressler beobachtet: „Hierzulande wird nicht ganz so heiß gegessen wie gekocht. Ein Problem, das uns griechische Zustände bescheren könnte.“
Ein hartes Jahr
Anders als das Auktionshaus spüren viele Galeristen die Auswirkungen der Krise. Ursula Krinzinger, Eigentümerin der gleichnamigen Galerie in Wien, berichtet von einem Umsatzknick von zwanzig Prozent: „Ich glaube, dass die junge Kunst am meisten verliert, weil Sammler auf Qualität und Karriere schauen. Jetzt denkt man bei den Jungen schon über ein paar hundert Euro nach.“ Fast drei Viertel des Umsatzes macht sie mit internationalen Kunden, nur ein Viertel mit österreichischen Käufern. Messen sind der Hauptumsatzbringer, doch auch dort merkt sie die Flaute: „Wir haben früher immer eine zweite und dritte Hängung mitgehabt. Das geht heute nicht mehr.“ Ihr Angebot bewegt sich in einer Preisklasse von 300 bis 100.000 Euro. Krinzinger ist überzeugt, dass die österreichischen Galeristen inzwischen über die Grenzen hinaus punkten: „Die Galerienlandschaft überrascht jeden, der hierherkommt.“
Ungeachtet dieser verstärkten Impulse ist auch für Gabriele Senn, die Sprecherin des Österreichischen Galerieverbands, die Krise angekommen: „2010 ist ein richtig hartes Jahr. Man muss mehr arbeiten, damit es funktioniert. Man spürt, dass Leute an der Börse Geld verloren haben.“ Sie bietet Werke von tausend bis 150.000 Euro an; am mühsamsten zu verkaufen sei derzeit Kunst in der Kategorie zwischen 30.000 und 100.000 Euro.
Mehr als hundert Galerien allein in Wien
Für Ernst Hilger dagegen hat sich der Markt gut gehalten: „Wir schlagen uns besser als andere. In Wien haben die Galeristen bewiesen, dass es ein Hinterland gibt. Berlin ist hingegen eine Luftblase.“ In der Hauptstadt ist Hilger ein Platzhirsch und lebt vor allem vom Projektgeschäft; für Siemens Österreich betreut er seit zwei Jahrzehnten die KUnstsammlung des Unternehmens. Er beschäftigt neun Mitarbeiter und gehört, nach eigener Einschätzung, zu den zehn größten Kunsthändlern in Österreich.
Als einer der wenigen Galeristen redet er über seine Ertragskraft, die in diesem Jahr gerade eine schwarze Null unter dem Strich sein werde. Hilger spricht von einem „irren Wettbewerb“ zwischen den Galerien. Deren Anzahl ist in den zurückliegenden Jahrzehnten enorm gewachsen. Mittlerweile gibt es in Wien mehr als hundert Galerien, wobei zwei Dutzend maßgebliche Akteure das Geschehen prägen. Der Jahresumsatz dieser Unternehmen beträgt im Durchschnitt etwa 215.000 Euro, so schätzt das Institut für Höhere Studien in Wien.
Einen guter Standort kostet viel
In der Regel sind neben dem Galeristen nur ein bis zwei Mitarbeiter beschäftigt. Aus Sicht Hilgers hat sich die Menge an Sammlern in den zurückliegenden vier Jahren verzehnfacht. Grund dafür sei aber nicht, „dass die Leute zehn Mal reicher sind als damals“. Vielmehr habe die Kunst im Wettbewerb mit anderen Sparten wie Theater, Musik und Literatur gewonnen. Dazu trägt die private Kunstförderung bei: Seit 1989 haben sich die Investitionen der Wirtschaft in Kunst und Kultur nach Berechnungen der Initiative Wirtschaft für Kunst versechsfacht; die derzeitigen Mittel werden in Österreich auf 43 Millionen Euro geschätzt. Etliche Unternehmen - von Banken bis zu Industriekonzernen - haben sich eine eigene Kunstsammlung geschaffen, zudem dürfte Kunst vermehrt als Anlageform gesehen werden.
„Der Sammler ist zwar kein Spekulant, will aber eine Weiterentwicklung sehen“, sagt Hilger. Manfred Lang, auf Zeichnungen spezialisierter Galerist, hält die Selbstausbeutung seiner Spezies für so hoch, dass keine Marktbereinigung zu erwarten sei: „Wir machen weiter. Krise hin oder her, jeder macht sein Ding.“ Er betreibt seine Galerie in bester Innenstadtlage, allein die Miete für 180 Quadratmeter kostet im Monat 11.000 Euro.
„Mehr als drei Prozent Reingewinn ist nicht drin“, berichtet er über die wirtschaftliche Lage. „Wir versuchen, bei jungen und unbekannten Künstlern so günstig wie möglich anzubieten - gerade damit wir die Reizschwelle des Künstlers nicht berühren. Bei mittleren Formaten liegt der Einstiegspreis zwischen 300 und 600 Euro.“ Lang anerkennt die Entwicklung der österreichischen Kunstlandschaft, bemängelt jedoch eine gewisse Rückständigkeit: Im Vergleich zum angelsächsischen Raum sei das Kapital nicht da. Als Besonderheit der österreichischen Sammlerszene wertet Lang deren retrospektive Ausrichtung: „Klimt, Schiele, Kokoschka - der österreichische Sammler ist sicher rückwärtsgewandter und weniger mutig.“
Zunehmende Bedeutung von Auslandsverkäufen
Rosemarie Schwarzwälder, Inhaberin der Galerie nächst St. Stephan, berichtet von einer Umsatzdelle von 25 Prozent im Krisenjahr 2009. Sie hat bemerkt, dass viele internationale Käufer abgesprungen sind, die sich im spekulativen Markt engagiert hatten. Hingegen könne man in Österreich auf die Sammler zählen: „Ich habe auch dank des österreichischen Markts überlebt“, sagt die Doyenne der Wiener Szene, die mit sechs Mitarbeitern zwanzig Künstler in einer Bandbreite zwischen 1500 und einer halben Million Euro vermarktet. Generell habe sich die Abhängigkeit vom Ausland gemildert, berichtet Schwarzwälder; während früher vier Fünftel ihres Umsatzes im Ausland erzielt wurden, sind es jetzt zwei Drittel.
Ob Kunst mehr als Anlageform nachgefragt werde und nicht mehr das Werk um seiner selbst willen, darüber herrscht Dissens unter den Galeristen. Der Preis spiele eine Rolle, heißt es, Beständigkeit sei ein Thema. Zwar zieren sich die Galeristen, Kunst als reine Anlageform zu sehen. Doch befürwortet etwa Gabriele Senn, dass man Vermögen aufteilt, und dabei sollte Kunst nicht zu kurz kommen, denn: „Es ist vernünftiger, Geld in Kunst zu stecken als in Schmuck oder Klamotten. Kunst braucht man. Kunst befriedet.“
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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