Wenn von der Anziehungskraft Berlins für Künstler die Rede ist, werden auch die billigen Mieten angesprochen. Für Leipzig gilt das noch viel mehr. Dort siedeln sich derzeit die Designer an - in der Stadt selbst und im benachbarten Halle. Zudem gibt es seit einigen Jahren im Herbst in Leipzig eine zweigleisige Schau für alles, was Gestaltung betrifft. Sie sucht mittlerweile bundesweit ihresgleichen und besteht aus der traditionsreichen Grassi-Messe im Museum für Angewandte Kunst und den jungen
„Designers' Open“. Seit 2005 finden beide Messen parallel am letzten Oktoberwochenende statt. Die Grassi-Messe, 1920 von dem Leipziger Museumsdirektor Richard Graul ins Leben gerufen und bis zur Kriegszeit das wichtigste deutsche Schaufenster für moderne Produktgestaltung, wurde 1997 von Grauls aktueller Amtsnachfolgerin Eva Maria Hoyer wiederbelebt. Seit 2007 findet sie sogar wieder in den restaurierten Räume des kriegsbeschädigten Grassi-Museums statt.
Zwei Jahre zuvor hatten die jungen Gestalter Jan Hartmann und Andreas Neubert für den ortsansässigen Nachwuchs, die bei der weltweit ausgeschriebenen, jurierten Auswahl der Grassi-Messe keine Chance hatten, die „Designers' Open“ begründet - anfangs in enger Kooperation, dann bei wachsendem Erfolg auch in gewisser Rivalität zum Vorbild. Die mediale Aufmerksamkeit richtete sich vermehrt auf die „Designers' Open“, weil sie nicht nur ein jüngeres und mittlerweile auch größeres Publikum anzieht, sondern durch enge Kontakte mit Hochschulen auch die frischesten Tendenzen zeigt.
In diesem Jahr haben sich beide Messen so profiliert, dass sie sich wieder ergänzen: Auf der Grassi-Messe steht das Künstlerische im Mittelpunkt, die „Designers' Open“ setzen auf Produktgestaltung. Erstmals ist dazu die jedes Jahr an wechselnden Orten stattfindende Nachwuchsmesse räumlich zweigeteilt worden: Im einstmals berühmten, heute aber verfallenen Hôtel de Pologne in Leipzigs Innenstadt ist auf drei Etagen der DO/Market angesiedelt, auf dem 65 Aussteller ihre Produkte anbieten; in Kretschmanns Hof, einem kurz vor Abschluss der Sanierung stehenden typischen Leipziger Messehaus, das mit dem Hotel durch eine Passage verbunden ist, hat DO/Industry ihren Platz gefunden, als Forum für Entwickler, deren Designentwürfe bereits Serienreife haben.
Auch ein Schaulaufen fürs größere Geschäft
Diese Professionalisierung hat den „Designers' Open“ gut getan, weil das Nebeneinander aus Liebhaberstücken und aufwendiger Industriegestaltung gelockert wurde. Unter sächsischen Designern regte sich jedoch Kritik, weil sich die bereits vorhandenen Institutionen nicht angemessen beteiligt fanden. Ein gutes Zeichen dafür, dass die Messe ernst genommen wird. Allerdings beklagten sich auch einige der kleinen Designwerkstätten, für die diese Messe gegründet wurde: Sie merken an, dass sich das Publikum so gewandelt habe, dass der Erfolg für sie ausbleibe. Die „Designers' Open“ sind auch ein Schaulaufen fürs größere Geschäft geworden
Mit Ausstellungen, Vorträgen und Workshops sowie Satellitenstationen in der ganzen Stadt ist die Veranstaltung noch einmal gewachsen, und die Grassi-Messe wird dadurch allmählich zum Begleitphänomen. Wenn die Entwicklung aber mit einem solchen Publikums- und Verkaufserfolg wie diesmal einhergeht, ist die reduzierte Rolle leicht zu verkraften.
Zumal auch bei ihr die Hochschulen jetzt eingebunden sind, vor allem die Burg Giebichenstein aus Halle, die für starken Nachwuchs sorgt: Yi Cong Lu, dieses Jahr mit dem Culturtraeger-Preis für das beste Diplom ausgezeichnet, war auf beiden Messen vertreten. Die Grassi-Messe und die „Designers' Open“ haben scheinbar erkannt, dass sie ihre Kräfte bündeln müssen. Dann kann der Raum Leipzig zu einem Designzentrum aufsteigen, für das es in Deutschland durchaus Bedarf gibt.