29.05.2010 · Warum sollten nicht auch Künstler Derivate verkaufen? Der Konzeptkünstler Tom Saunders macht sich in London an die Arbeit. Die erste Staffel ist bereits vergriffen.
Von Lisa ZeitzSich mit Finanzen auszukennen hat noch keinem Künstler geschadet, man denke nur an Tizian oder Damien Hirst. Die Weltwirtschaft zu durchschauen scheint jedoch heutzutage geradezu unmöglich. Sogenannte Subprime-Hypotheken, Termingeschäfte und der Handel mit Derivaten, ja in kleinerem Rahmen auch die seltsame Praxis des „unwiderruflichen Gebots“ im Auktionsgeschäft haben die Wirtschaft zu einem undurchsichtigen globalen Wust anschwellen lassen, den nicht einmal mehr Experten zu entwirren vermögen.
Doch das Derivat an sich ist nicht böse, und nun hat es auch seinen Platz in der Kunst: Hat sich doch der dreiundzwanzigjährige Konzeptkünstler Tom Saunders, der vergangenes Jahr seinen Abschluss am Camberwell College of Arts in London gemacht hat, nun entschieden, ungelegte Eier zu verkaufen.Verwettet er damit seine eigene Zukunft? Nicht ganz. Für läppische 2000 Pfund kann man heute das Recht erwerben, in zehn Jahren eine seiner zukünftigen Produktionen für dann nur ein Pfund zu erwerben. Bei Derivaten mag man an Rohöl denken, aber hier geht es um Kunst.
Noch dazu um besonders umweltfreundliche, nämlich Konzeptkunst, bei der oft nicht einmal Materialien verwendet werden, sondern bloße Ideen, die in ihrer Rohform bekanntlich eine erfreuliche CO2-Bilanz aufweisen, weitaus erfreulicher als zum Beispiel Werke von Banksy, die aus der Spraydose kommen. Saunders' Handel mit Derivaten, der über die Londoner Galerie murmurART abläuft, wird von einem juristisch ausgetüftelten Vertrag begleitet, einem „emerging artist derivative contract“, kurz EADC, der als Versicherung dient: Falls sich seine künstlerische Karriere in Luft auflöst, soll dem Käufer kein Schaden entstehen, denn die Versicherung deckt Schaffenskrisen und Todesfall ab. Die erste Staffel der Derivate ist auch schon ausverkauft. Einer der Käufer soll leitender Angestellter in einer großen Bank sein.
„Meine Gedanken über Kunst und meine Gedanken über Derivate haben mich zu dieser konzeptuellen Synthese geführt“, schreibt Saunders selbst über den Vertrag. „Die Finanzmärkte haben mich schon lange fasziniert. Sie sind ein Schlachtfeld, eine Serie von Hieroglyphen. Wie Programmiersprachen schienen sie mir als eine Ebene der Realität, die außerhalb der funktionierenden Welt lag. Beides, Finanzmärkte und Hieroglyphen, scheinen Codes zu sein, die man knacken kann, was wiederum sehr attraktiv für den Teil meines Hirns ist, der sich mit Problemlösung beschäftigt.“
Mit seinem System vermeide er außerdem eine typische Fallgrube für den „aufstrebenden Künstler“, weil es die Produktion und den Konsum unausgegorener Ausschussware verhindere. Besonders schön klingen die Hoffnungen des jungen Mannes, sich mit dem erwirtschafteten Geld ohne kommerzielle Zwänge ganz seiner Kunst widmen und an seinen Ideen arbeiten zu können.