07.09.2010 · Das „Porträt eines Mädchens“ von Camille Corot, das auf rund 1,5 Millionen Dollar geschätzt wird, ist verschwunden. Ein New Yorker war nachts in Manhattan betrunken mit dem Gemälde unterwegs. Als er in den frühen Morgenstunden nach Hause kam, war das Bild weg.
Von Lisa ZeitzEs ist kein Scherz. Ein New Yorker namens James Haggerty war nachts in Manhattan mit einem Gemälde unterwegs, er trank einen über den Durst und kam in den frühen Morgenstunden ohne das Bild nach Hause. Nun behauptet er, er habe keine Ahnung, wo es sein könnte. Das Problem ist nun, dass es sich nicht um irgendein Bild handelt, sondern um das „Porträt eines Mädchens“ von Camille Corot, das schon in Museen in San Francisco, Buffalo, Paris, Tokio und Peking ausgestellt war und auf rund 1,5 Millionen Dollar geschätzt ist.
Außerdem gehörte es nicht Haggerty. Kein Wunder, dass die Besitzerin, Kristyn Trudgeon, ihn verklagte. Den Gerichtsakten ist zu entnehmen, dass Trudgeon das Werk zusammen mit einem Herrn namens Tom Doyle gehört. Die beiden wollten es verkaufen und trafen sich am 28. Juli mit einem Interessenten, dem Londoner Kunsthändler Offer Waterman, in Doyles Büro im Empire State Building. Waterman bat darum, das Gemälde mit ultraviolettem Schwarzlicht untersuchen zu dürfen. Zu diesem Zweck schickte Doyle besagten Haggerty noch am gleichen Abend mit dem Bild ins schicke Mark Hotel an der Madison Avenue Ecke 77th Street, wo er Waterman treffen sollte.
Lieber in Schweineschinken, statt in Ölschinken investieren
Ab da wird es verworren: Videos des Hotels zeigen Haggerty dort kurz vor 23 Uhr mit dem Gemälde an einem Tisch. Sechs Minuten später bringt er das Bild an die Rezeption und geht mit Waterman in die Hotelbar. Waterman sagt übrigens aus, dass er sich geärgert habe, dass Haggerty dort aufgetaucht sei, ohne vorher mit ihm einen Termin auszumachen. Um 23.30 Uhr verlassen die beiden Männer die Bar, holen das Bild von der Rezeption und unterhalten sich in der Lobby des Hotels. Zwar habe er den Corot für echt gehalten, aber die Sache sei ihm komisch vorgekommen, und er habe abgelehnt, sagte Waterman der New Yorker Zeitung „Daily News“. Haggerty deponiert das Bild daraufhin wieder an der Rezeption und erscheint um kurz vor eins, um es abzuholen - jetzt anscheinend betrunken. Er wankt mit dem Bild auf die Straße, wo ein Doorman des Hotels ihn noch fragt, ob er ihm ein Taxi rufen solle. „Nein, ich habe ein Auto“, habe Haggerty geantwortet.
Was in den nächsten zwei Stunden passierte, liegt noch im Dunkeln. Hat sich Haggerty betrunken verfahren? Hat er seine Trunkenheit nur vorgespielt? Haggerty kam um 2.30 Uhr nach Hause. Ohne Bild. Am Morgen soll er Doyle vom Verlust informiert haben, er könne sich allerdings nicht erinnern, wo das Bild gelandet sei. Als sei die Geschichte nicht schon abstrus genug, ist sie jetzt noch komplizierter geworden. Kristyn Trudgeon wurde ein Polizeifoto eines gewissen Thomas Doyle vorgelegt, der vor einigen Jahren wegen schweren Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und erst im Dezember auf Bewährung entlassen wurde. Er hatte eine Bronze von Edgar Degas im Wert von rund 600 000 Dollar aus der Wohnung eines New Yorker Sammlers entwendet. Trudgeon hat den Mann als den Co-Eigentümer des Corot identifiziert und hat die Klage gegen Haggerty zurückgezogen. Es wäre seltsam, wenn nicht auch bald gegen Doyle ermittelt würde. Beschwerden gegen Tom Doyle kommen nun auch von anderen Seiten: Das Auktionshaus Doyle New York lässt verlauten, dass sich ein gewisser Tom Doyle schon öfters als Teilhaber des Auktionshauses ausgegeben habe - jedoch hat er keinerlei Verbindung zu der Firma. Falls Kristyn Trudgeon ihr Geld jemals wieder sieht, sollte sie es vielleicht nicht mehr in Ölschinken, sondern in Schweineschinken investieren. Die können auch extreme Wertsteigerungen erfahren. Letzte Woche wurde ein Schinken beim traditionellen Kentucky Ham Breakfast in Louisville, Kentucky, für 1,6 Millionen Dollar versteigert. Kein Scherz.