27.10.2005 · Wolfgang Wilke, Finanzexperte bei der Dresdner Bank und Kunstliebhaber, sprach mit uns über Passion und Profit im Kunstmarkt, dessen Entwicklungen er seit zwanzig Jahren analysiert.
Wer Bilder sammelt, tut dies aus Leidenschaft. Gibt es denn Investment Collectors, die Kunst als reine Geldanlage betrachten?
Gewiß, nur arbeiten sie verdeckt. Sammler bezeichnen sich offiziell nicht als Investoren. Dabei liegen Sammeln und Investieren dicht beieinander. Schon die alten Römer raubten nicht umsonst Kunstwerke im Ausland und schleppten sie nach Rom. Das waren nicht nur Trophäen, sondern unschätzbare Werte. Man sollte Kunst und Investition also nicht voneinander abgrenzen. Zumal die Tätigkeit des Sammlers als Investor zunehmen wird. Das hat indes weniger mit der Kunst zu tun als mit der Suche nach Anlagealternativen. Der Börsencrash 2000 hat den Leuten gezeigt, daß Aktienkäufe keine Einbahnstraße sind. Ich wehre mich aber dagegen, Kunst als reines Investment zu betreiben. Weil Kunst eine eigenwillige Sache ist, Kenntnisse verlangt, Hintergründe, Marktbeobachtung und eben nicht, wie die Aktienanalyse, innerhalb von ein bis zwei Jahren zu erlernen ist.
Ist der Kunstmarkt überhaupt vergleichbar mit anderen Märkten?
Bereiche wie der Edelmetall- oder der Aktienmarkt sind, wie man finanztechnisch sagt, effizient. Das heißt: Alle Einflüsse, die auf diesen Markt wirken, finden sich direkt in den Preisen wieder, und man hat keinen Vorteil. Das ist der entscheidende Unterschied zum Kunstmarkt, der nach wie vor ineffizient ist. Hier herrscht das Gesetz des Spezialwissens. Hier können regionale Unterschiede genutzt werden. Hier können Marktkenntnisse eingesetzt werden, und kunsthistorisches Wissen ist unbedingt von Vorteil. Es gibt zwei Sammlertypen: Den kurzfristigen Investor, der unter pekuniären Gesichtspunkten sammelt und versucht, kurzfristige Trends auszunutzen; das ist überwiegend die angelsächsische Art zu sammeln, die sich in Mitteleuropa bisher nicht durchgesetzt hat. Der langfristige Sammler aber geht antizyklisch vor: Er sucht vernachlässigte Gebiete, von denen er glaubt, daß dort die Preise in den nächsten Jahren steigen werden; er kauft günstig, um dann - wenn seine Prophezeiung eintritt - mit Gewinn zu verkaufen. Die langfristige Investition ist in der Regel erfolgreicher, weil sich der Kunstmarkt im Investorverhalten von anderen Bereichen abhebt. Anders als bei Aktien oder Gold, wo man kurzfristig reagieren kann, ist dieses Verhalten im Kunstmarkt riskant, weil bestimmte Bereiche über drei bis vier Jahre explodieren, um dann innerhalb kürzester Zeit zu implodieren.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Bei Oldtimern wechseln die Moden innerhalb kürzester Zeit. In ein bis zwei Jahren steigen bestimmte Modelle raketenartig und fallen dann wieder zurück. Ein anderes Beispiel ist die Fotografie, der ich langfristig große Chancen einräume, aber da stimmen seit einiger Zeit die Relationen zu anderen Gebieten nicht mehr. Wenn ein Altmeister der zweiten Garde preiswerter ist als eine Fotografie, muß man sich vorsehen. Die sprunghaften Entwicklungen in der Fotografie sind aber typisch für ein junges Gebiet, das seine Bewertungsmuster erst noch erarbeiten muß. Glück hatte natürlich derjenige, der das Potential der Fotografie früh genug erkannt hat. Kurzfristig sind hier hohe Gewinne mitzunehmen.
Läßt sich für einen Finanzexperten das Verhältnis zwischen ideellem und Marktwert von Kunstwerken bestimmen?
Es gibt keinen objektiven Wert für Kunst. Der Jugendstil wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kitsch abgetan. In den Achtzigern war er
Gibt es finanztechnische Regeln, die der Sammler beachten sollte?
Man muß sich Gebiete suchen, die bezahlbar sind, oder man muß antizyklisch kaufen, was schwer ist, weil man dafür oft belächelt wird. Da wird einem mangelnder Kunstverstand unterstellt. Vor allem aber muß man wissen, was man mit der Sammlung bewirken will. Will man die Eitelkeit befriedigen? Dann kauft man mit dem Trend. Das ist seit Jahrhunderten beliebt, weil Kunst viel mit Prestige zu tun hat. Viele Leute interessieren sich deshalb für zeitgenössische Kunst, weil sie chic ist und widerspiegelt, was die Menschen berührt. Sehr viel mehr Sammler beschäftigen sich allerdings mit älterer Kunst, was oft übersehen wird, weil sie in der Regel nicht so kokettieren. Diese beiden Sammlergruppen unterscheiden sich nicht nur inhaltlich voneinander, sondern auch in ihren Marktmotiven: In Gegenwartskunst zu investieren ist riskanter, weil natürlich niemand weiß, ob der Künstler eines Tages wirklich Erfolg hat. Bei älterer Kunst kennt man die Preise; sie hängt in Museen, wird allgemein geschätzt und ist deshalb, wie man im Aktienbereich sagt, ein Blue Chip - also ein konservatives Papier, womit sich besser schlafen läßt. Der größte Vorteil der Kunst gegenüber anderen Anlageobjekten aber ist, daß man sich an ihr erfreuen kann. Die Befriedigung der Passionen steht bei der Kunst vor allem andern. Es wäre entsetzlich, ein Werk zu kaufen, das man nicht versteht, nur weil es eine bestimmte Werthaltigkeit hat. Der Wert kann schwanken, aber die Freude an einem Werk dauert auch dann noch an, wenn der Preis nicht steigt.
Gibt es denn preisbedingteWechselwirkungen zwischen einzelnen Gattungen?
Die zeitgenössische Kunst ist der empfindlichste Markt für Konjunkturschwankungen. Sie hängt enger an den Aktienmärkten, weil hier schnell verdientes Geld schnell umgesetzt wird. Der Einbruch Anfang der neunziger Jahre ging deshalb von den Zeitgenossen aus. Gleichzeitig haben sich Bereiche wie die Altmeistergraphik diesem Abwärtssog entzogen, die niemals in dem Maße zurückgefallen ist wie die Gegenwartskunst. Neben solchen Unterschieden gibt es auch signifikante Parallelentwicklungen: Fayencen zum Beispiel liegen seit Jahrhunderten gleichauf mit Altmeistergemälden und alten Waffen, wohl deshalb, weil es sich um eine Sammlergemeinde mit ähnlicher Kaufkraft und gleichen Interessen handelt. Da beflügelt sich der Kunstmarkt, die Aktienhändler sagen dazu: Geht Butter, geht Käse. Dann aber kommen Aspekte ins Spiel wie etwa der Zeitgeist, der in den pazifistischen siebziger und achtziger Jahren dazu führte, daß niemand mehr Waffen sammeln wollte. Da löste sich dieser Bereich aus dem Parallellauf.
Welchen Einfluß haben äußere Einflüsse, etwa die Spekulationen der Japaner in den achtziger Jahren, auf den Kunstmarkt?
In Japan wurde seinerzeit an den Aktienmärkten sehr schnell sehr viel Geld verdient und zum Teil in Kunst investiert. Damals glaubte man, daß der Kunstmarkt mit dem Aktienmarkt mitläuft. Heute weiß man, daß das nicht stimmt. Im Gegenteil: Die beiden Märkte existieren getrennt voneinander, nicht signifikant, aber doch leicht gegenläufig. Die Einflüsse durch die Spekulationsphase der Japaner waren indes so vehement, daß sie auch den Kunsthandel mitriß. Dann kam es nach dem Aktienkrach 1990 zu heftigen Einbrüchen, weil Investoren Liquiditätsprobleme bekamen und ihre Werke verkaufen mußten. Preise haben sich teilweise innerhalb von zwei Jahren gedrittelt. Daß die achtziger Jahre das goldene Jahrzehnt der Kunstmärkte waren, hängt direkt mit der japanischen Investorentätigkeit zusammen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn fachfremdes Publikum den Markt erreicht.
Gibt es momentan eine ähnliche Gefahr?
Im Augenblick ist der Markt nicht spekulativ überfrachtet, es gibt Investoren, aber in der Breite des Markts dominiert der Sammler. Das ist wichtig; denn die Preise bewegen sich nur nach oben, wenn das Verhältnis zwischen den Möglichkeiten der Sammler und den Preisen stimmt.
Deutschland ist wirtschaftlich angeschlagen. Welche Chancen geben Sie dem Kunstmarkt vor diesem Hintergrund?
Der Kunstmarkt ist in den letzten Jahren, vor allem nach dem Aktiencrash 2000, erstaunlich stabil gewesen. Er hat sich von den Aktienmärkten abgekoppelt, ist nicht eingebrochen, sondern im Gegenteil nicht nur auf hohem Niveau verharrt, sondern angestiegen. Das erstaunliche ist, daß sich dies bei einer schwachen Wirtschaft abspielt. Es scheint eine neue Qualität ins Spiel zu kommen: ein Interesse für Kunst aus anderen als rein wirtschaftlichen Gründen. In schwachen Zeiten ist zwar wenig Geld da, aber die Leute neigen dazu, sich zu verwirklichen - zum Beispiel mit Kunst. So war es auch in der Biedermeierzeit, einer Hochzeit des Sammelns. Wer Geld hatte, kaufte Gemälde, wer keines hatte, sammelte Schmetterlinge. Kommt es bei uns zum Aufschwung - und das wird gewiß der Fall sein -, könnte das für den Kunstmarkt große Gewinne bedeuten. Wir stehen womöglich am Boden einer langfristigen Aufwärtsentwicklung.Der Kunstmarkt hat eine große Zukunft - nicht nur als Passion, sondern auch als finanzieller Wert.