Der Großvater der Künstlerin hatte die antike Kristallkugel - ein altes Einauge - einst im Trödel entdeckt; jahrelang lag es auf seinem Schreibtisch, vielleicht auch, als der Wissenschaftler an der Entwicklung der Atombombe, am Manhattan-Project, arbeitete.
Carol Bove hat das Einauge in einen goldenen Reif gefaßt und an vier zarten Ketten aufgehängt. Fast unsichtbar schwebt die augapfelgroße Linse „Mirror Abstraction“ (10 000 Euro) exakt in der Mitte des Hauptsaals der Düsseldorfer Galerie Dennis Kimmerich. Wer hindurchblickt, dem verschwimmen die beiden sich gegenüberliegenden Wände schemenhaft vor den Augen zu graubraun gewölbten Formen.
Auf beiden Seiten des Raums hat die fünfunddreißigjährige Kalifornierin, die in New York lebt, ihre Installation „Das Energie“ (35 000 Euro) verteilt: auf der einen die gerahmte Magazinseite mit dem Antlitz der jungen Mia Farrow, die aus großen Augen auf das Wandregal auf der anderen Seite blickt, ein schlankes Sechziger-Jahre-Designmöbel, auf dem Carol Bove ein paar Bücher ausstellt, eine Pfauenfeder, einen antiken Spiegel und, die Materialliste benennt es genau, ein Pamphlet.
Vollgesaugt mit Vergangenheit
„Meiner Ansicht nach hat sich die Geschichte in Objekten eingeschrieben“, hat Carol Bove einmal in einem Interview gesagt. „Ich mag Colin Wilsons Charakterisierung dieses Phänomens, laut der Menschen über den physischen Kontakt zu alten Dingen Zeiten durchschauen können.“
Die Geschichte der sechziger und siebziger Jahre sammelt die Künstlerin mit Flohmarkt-Fundstücken, alten Magazinen und Zeitungen ein, um daraus skulpturale Verhältnisse zu destillieren: Vergilbte „Playboy“Centerfolds tuscht sie als Aquarell nach, schichtet Zeitgeist-Bibeln zu Türmen wie Minimal-Skulpturen, kauft im Antiquitätengeschäft einen alten Spiegel, dessen Form an Zero erinnert, oder hämmert aus winzigen Nägelchen und Fädchen eine Faden-Graphik an die Wand wie „Stella“ (7000 Euro). Was aussieht wie ein Readymade, ist kontaminiert mit Vergangenheit, vollgesaugt mit ehemaligen Blicken oder Leseerlebnissen.
Sterne am Berliner Himmel
Unaufdringlich wie eine etwas angestaubte Möblierung oder die Auslage eines Ladengeschäfts umfängt die Ausstellung „Moonspikes and Vedas“ den Betrachter. Doch enthält die Präsentation die ganze Dramatik der verblichenen Utopien, des Stils, der sich im Design genauso abbildet wie in der Kunst oder der populären Musik: Geschichte ist den Aufbauten eingezogen wie ein Rückgrat.
Im zweiten Saal hat Dennis Kimmerich einer Installation von Carol Bove eine kleine Kammer eingerichtet, deren Titel erzählt, daß diese Skulptur Anfang des Jahres in Berlin zuerst installiert war. Hätte man damals bei der Vernissage die Decke des Ausstellungsraums entfernt, hätten sich die Sterne am Berliner Himmel so gezeigt, wie sie nun als bronzefarbene Punkte abgebildet sind. Wie auf einem Tisch sind Miniaturobjekte ausgebreitet, befunkelt von Bronze-Stäbchen die als goldener Regen von der Decke hängen (45 000 Euro).