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Gegenwartskunst „Eigentlich suche ich noch ein ausgestopftes Krokodil“: Die Sammlung Olbricht im Leverkusener Museum Morsbroich

06.12.2005 ·  Thomas Olbricht besitzt eine der größten Sammlungen zeitgenössischer Kunst - mit scharfem Profil. Nach der Vernissage zu der Ausstellung „Yes Yes Yes Yes. Differenz und Wiederholung in Bildern der Sammlung Olbricht“ erzählte er von seinen klaren Vorstellungen über den Umgang mit den Werken.

Von Catrin Lorch
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Auf diese Ausstellung muß das zum Museum modernisierte Schloß gewartet haben: zeitgenössische Kunst, die sich in den Gängen, Fluren und Sälen ausbreitet wie eine klassische Ahnengalerie.

Ein Kabinett verdienstvoller Nobelpreisträger aus der Dunkelkammer des Fotografen Otto Steinert folgt auf einen Saal mit den klassischen Porträts von August Sander - die Maler, Bankiers, Studenten, Bauern, Journalisten, all die Typen, deren Abbilder der Fotopionier Anfang der zwanziger Jahre zum Panorama der deutschen Gesellschaft zusammensetzen wollte. „Die Jungen“ schließen sich an, Leinwände in konzeptuellem Schwarzweiß, die Künstler als junge Männer zeigen, manche unverkennbar (Picasso, Kippenberger), andere identifiziert allein der Name (Richter, Pollock, Van Gogh): Der Pole Marcin Maciejowski malte sie kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag.

In der Beletage folgen Aufnahmen der „Brown Sisters“, vier amerikanische Schwestern, die Nicholas Nixon seit mehr als drei Dekaden alljährlich zum Fototermin bittet - in der Abfolge der Gruppen-Porträts sind die Lebensalter aufgehoben wie in einem Schauglas, und diese angehaltene Zeit kontrastiert wirkungsvoll mit den anachronistischen „Film-Stills“, für die Cindy Sherman während der achtziger Jahre im Gewand einer Nachkriegs-Kinoästhetik posierte.

Das Ja-Wort eines halbnackten Teenagers

Die Ausstellung „Yes Yes Yes Yes“ gilt dem Thema „Differenz und Wiederholung in Bildern der Sammlung Olbricht“. Das Einladungsplakat deutet als Collage die Spannbreite und das Niveau einer der international wichtigsten Kollektionen zeitgenössischer Kunst an: Die titelgebende Gouache von Louise Bourgeois - sie malte das Wort „Yes“ zwölfmal in hell-gebrochenen Rosa- und Blautönen - verschmilzt mit einem halbnackten Teenager, den Larry Clark mit einem Revolver auf dem Bettlaken posieren ließ. Der Essener Thomas Olbricht hat die Ausstellung auf Einladung des Museumsdirektors Gerhard Finckh gemeinsam mit seinem Kurator Wolfgang Schoppmann entwickelt - nach der Vernissage steht er inmitten der Ikonen, die seine Sammelleidenschaft ihm beschert hat, und ist überrascht, was alles sichtbar wird.

Der Sammler Olbricht, der sich verpflichtet fühlt, seine Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, zeigt in seiner Auswahl (wie auch im Katalogbuch „Most Wanted“, erschienen im Verlag Walther König) viel vom eigenen Profil. Es ist offensichtlich, daß er eine drastische Farbigkeit schätzt und Kompositionen, die dicht und erfüllt sind, ob sie von Menschen und Historie erzählen wie die rehabilitierten Todeskandidaten einer Taryn Simon, ob sie erotisch-satt überkodiert sind wie die Malerei eines Richard Phillips oder als klirrend versplitterte Farbmosaike von Thomas Scheibitz Bildwelten entlang der Realität fügen.

Ausnahmen, wie die brauntonigen und schlichten Leinwände eines Norbert Schwontkowski, setzen da nur einen Akzent. Die Freude am Experiment, mit der Thomas Olbricht im Katalogbuch „some recent acquisitions“ miteinander in Reibung bringt, statt paßgenaue Bildstrecken zu entwerfen, belegt seine mutige Neugier - im Gegenüber erscheinen die Werke nicht als museal-argumentierende Abfolge, sondern als kaleidoskopische Gesamtheit, getragen von einem äußerst individuellen Begehren.

Zu Tisch mit Gerhard Richter

Die Kunstwelt ist ihrerseits neugierig auf diesen Sammler, der erst seit fünfzehn Jahren sein Interesse an Zeitgenössischem pflegt, inzwischen aber Ausstellungen bestückt, als sei sein Depot unerschöpflich. Ob es um das druckgraphische Werk von Gerhard Richter im Kunstmuseum Bonn geht oder ein finnisches Ausstellungshaus aktuelle japanische Malerei vorstellen möchte - aus der Kollektion läßt sich sowohl die jüngere Kunstgeschichte wie auch die internationale aktuelle Szene in seltener Dichte und Qualität abbilden.

Zwei Hängeregister in seinem Büro können die Anfragen nach Ausleihen kaum fassen; Thomas Olbricht liest sie auch als Bestätigung einer Auswahl, die sich ganz auf das Objekt konzentriert. Denn während seine Kollegen mit der Kunst auch die Nähe zur Szene einkaufen, vermeidet Olbricht eine zu enge Bekanntschaft lieber; sie könnte den Blick trüben. Einen ganzen Winterurlaub lang teilte er den Speisesaal mit Gerhard Richter - doch er wollte sich in dieser intimen Feriensituation dem Maler nicht als Sammler vorstellen.

Die Leidenschaft des Internisten

Dabei ist Thomas Olbricht ein engagierter Gesprächspartner. Der schlanke alterslose Mann kann nicht nur erzählen, sondern auch unterhalten. Er berichtet vom Unternehmersohn, der Anfang der fünfziger Jahre als Schulkind die Briefmarken von der Geschäftspost aus Übersee ablöst, sich für Bierdeckel begeistert und als Grundschüler einen gammeligen Kellerschrank in einen mit Samt ausgeschlagenen Schrein verwandelt.

Der Medizinstudent macht dann selbst Kunst - während andere in diesem Alter Graffiti an Hauswände sprühen, zersägt Thomas Olbricht Metall, überzieht die Formen mit glänzendem Lack und verkauft das Resultat an Nachbarn und Freunde. Jugendstilglas ist die nicht unmodische Leidenschaft, die der Internist während der siebziger Jahre pflegt, doch der Sammler wurde schließlich erwachsen: Briefmarken kommen nicht mehr blöckeweise ins Haus, sondern ergänzen Stück für Stück die auf Bayern und die Deutsche Reichspost ausgerichteten Alben, und das rare Pâte de verre eines Gabriel Argy-Rousseau, mehr Plastik als Hausrat, darf die beleuchteten Vitrinen im Wohnzimmer einnehmen: graue Krebse, schlammfarbige Lurchwesen, tellergroße Tümpel in lichtschluckendem Türkis.

Kunst wird im Museum ramponiert

Als er Professor für Endokrinologie in Essen ist, hängt in seiner Wohnung die rheinische Nachkriegszeit; Olbricht besitzt herausragende Werke von Nay, Winter, Baumeister, auch Informel. Über eine erste Leinwand von Richter kommt er zur zeitgenössischen Kunst - und damit setzt ein internationales Interesse an seiner Sammlung ein, das ihn noch heute überrascht.

Daß seine Bilder in der ganzen Welt willkommen sind, ist ihm Bestätigung wie Verpflichtung; gleichzeitig reisen Zitate wie „Kunst wird nicht besser, wenn man sie im Museum zeigt“ durch die Feuilletons. Er kritisiert die Nachlässigkeit, mit der Museen arbeiten, und als der Förderverein des Essener Folkwang-Museums sich über eine Leihgabe, ein erotisches Format von David Nicholson, echauffiert, überlegt er, seine gesamte Sammlung abzuziehen. Für Olbricht wird Kunst im Museum nicht unbedingt geadelt - allerdings viel zu oft ramponiert.

Nun geht es den Instituten aber nicht nur um Leihgaben, sondern sogar um die Anbindung der gesamten Sammlung. Insider wissen, daß Thomas Olbricht, der auch wieder mit dem Folkwang-Museum spricht, seit Hartwig Fischer zum neuen Leiter wurde, vor allem Institutionen wie die Hamburger Kunsthalle oder die Berliner Kunstwerke schätzt - „die Bilder müssen ja vor allem dahin gehen, wo das Publikum hinkommt“. Doch daß seine Kollektion je hinter einer Donatoren-Dankestafel im Depot eines Hauses verschwindet, kann sich ihr Besitzer, der an der Kunst doch vor allem das „Dynamische“ liebt, nicht vorstellen.

Eine Krake mit mindestens fünf Beinen

Seit er Anfang dieses Jahrzehnts seine Anteile am Familienkonzern verkaufte, hat er viel Geld für die Kunst ausgegeben - und sich dabei auch als umsichtiger Investor gezeigt, der zwar zeitnah kauft, aber selten Unerprobtes. Er hat fünf Kinder, drei sind schon erwachsen; auf keinen Fall dürfe die Leidenschaft des Vaters für sie zur Hypothek werden, sagt Thomas Olbricht. Denn vielleicht haben sie ja seine Hingabe an die Objekte nicht geerbt - man müsse sich von den Dingen auch wieder trennen können, und seine Sammlungen seien ja auch sehr speziell.

Wenn man ihn auf die verschiedenen Interessen anspricht, malt er eine Krake, mindestens fünf Beine hat das Tier; denn in seinem modernen Haus am Rand von Essen gibt es auch Kunsthandwerk von musealem Rang: mittelalterliche Skulpturen, expressionistische Graphik, Holzschnitzereien, Elfenbein-Knochenköpfe und Raritäten aus der Medizin-Historie wie Fowlers Phrenologischen Schädel. Im Gespräch fliegt der Stift zwischen den Gliedmaßen hin und her, als steige dem Tier das Blut zu Kopf, fließen Bahnen zurück, wo sie sich in einem Liniengeknäuel verlieren. Eigentlich suche er noch ein ausgestopftes Krokodil, meint er nicht ohne Humor, „das darf doch in keiner Kunstkammer fehlen“.

Die Ausstellung „Yes Yes Yes Yes“ im Museum Morsbroich, Leverkusen, läuft noch bis zum 15. Januar. Der Katalog kostet 20 Euro, das Buch „Most Wanted - The Olbricht Collection“ kostet 58 Euro im Verlag Walther König.

Quelle: F.A.S., 4. Dezember 2005
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