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Zeitgenössische Kunst Alles Gute aus dem Untergrund

17.03.2008 ·  Die Rebellen sind unter uns. Mária Bartuszová, Lamia Ziadé und Zena el Khalil, Fergus Greer und Michael Landy zeigen ihre Werke: Unser Rundgang durch Münchener Galerien

Von Brita Sachs, München
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Wie ein Irrläufer mutet die Angabe „documenta 12“ im Ausstellungsverzeichnis von Mária Bartuszová an. Denn die 1936 in Prag geborene Bildhauerin, die 1996 in der Slowakei starb, konnte ihre Arbeiten fast nur in Osteuropa zeigen. In Kassel, im Aue Pavillon, entdeckte Rüdiger Schöttle im vergangenen Jahr die organischen Plastiken der Bartuszová, und jetzt widmet ihr der Münchner Galerist die erste Einzelausstellung außerhalb ihrer Heimat. Manche Werke erinnern an riesige, bröselige Eierschalen oder geöffnete Zellhaufen, andere an zähen Teig, den Schnüre am Auseinanderfließen hindern oder der unter Druck fortquoll. Wie Künstlerkollegen im Westen bezweifelte Bartuszová die Endgültigkeit der klassischen Qualitäten von Skulptur und unterwanderte sie einerseits mit „fließenden“, weichen Formcharakteren und, in einem anderen Ansatz, mit Raumdurchdringung statt Raumbesetzung.

Lucio Fontana nannte sein Aufschlitzen von Leinwänden und Bronzekörpern „concetto spaziale“ In der Zielsetzung vergleichbare „Raumkonzepte“ schafft auch Bartuszová, wenn sie, Jahre bevor Rachel Whiteread den Raum unter einem Stuhl oder vor einer Wand durch Abgießen dokumentiert, das Negativabdruckverfahren anwendet und dafür luftgefüllte Ballons mit ihrem Lieblingswerkstoff Gips ausgoss, also Leerraum in Volumina wandelte. Manchmal muss man an Eva Hesse denken und deren Streben nach Übergängen von Form zu amorpher Struktur - nur dass die, übrigens im selben Jahr geborene Bartuszová, eher zu biomorphen Anmutungen gelangt. (Die Plastiken kosten von 9500 Euro an bis in Regionen „auf Anfrage“.) Schöttle läutet übrigens mit dieser Neuentdeckung ein Jubiläum ein: Vor vierzig Jahren eröffnete er seine Galerie und hält damit den Rekord unter den Münchner Kollegen.

Zwei Damen in Hochform

Naila Kunigk hingegen fängt noch mal etwas ganz Neues an: Gerade hat die Mitinhaberin der Galerie Tanit in ihrer Heimatstadt Beirut eine Galerie für ihr internationales Programm eröffnet, das dort gleich auf gute Resonanz stieß. Jetzt zeigt die Pendlerin zwischen zwei Welten in einer Art interkulturellem Gegenzug junge libanesische Künstlerinnen in München. Lamia Ziadé, 1968 in Beirut geboren, zog mit achtzehn Jahren nach Paris. Sie entwarf Stoffe für Gaultier und Issey Miyake, gestaltete Poster und Kinderbücher. Dann brauchte sie offenbar eine Art sexuellen Befreiungsschlag und outete sich auf Ausstellungen wie „Sexy Souk“ in Paris als Künstlerin, die auf öffentliche Schamgrenzen, zumal der arabischen Welt, pfeift. Aber auch der westliche Besucher weiß nicht so recht, wo er hinschauen soll, wenn ihn bei Tanit pop-bunte Kissen in Gestalt von Frauen in krass eindeutigen Situationen empfangen (ab 2800 Euro).

Pop-Art-Elemente benutzt Ziadé auch in ihrer jüngsten Arbeit: Ein Mittelmeer, wie von Hockney gemalt, plätschert um „Hotel's War 1975“; das große Pappmodell stellt eine bizarre Schlacht des Libanonkriegs nach, die sich verfeindete Milizen über Monate von Beiruter Luxushotels aus lieferten - zugedröhnt mit allem, was die Bars hergaben, mit Masken und Federboas verkleidet und mit der Kalaschnikow am Klavier schossen sie in diesem Gefecht, bis nur noch Betonskelette übrig waren (18.000 Euro). Die Pappburg erzählt, was dies waren: perverse Kriegsspiele. Die andere Künstlerin, Zena el Khalil, kam 1976 in London zur Welt. Heute lebt sie in Beirut, und von da handeln ihre Arbeiten. Sie versucht, Splitter des Lebens zu spiegeln in jener instabilen Situation zwischen permanenter Kriegsgefahr und normalem Familienleben, zwischen religiösem Druck und Champagnerlaune. Mit liebevollem Witz kratzt sie an empfindlichen Stellen - und, sehr vorsichtig, mit Ironie. Sie bedient sich eines unschuldigen Jungmädchenzimmerstils mit viel Zuckerrosa und Glitzerkram für Assemblage-Bildchen, die Macho- und Machtmänner mit der schrecklichen Waffe der Verniedlichung bannen. Oder el Khalil reiht - anders - zu einem uniformen Harem zehn Püppchen in Shadors auf, die, ellenlang und schlaucheng, weder Fuß noch Arm frei lassen. (Von 600 bis 6000 Euro).

Verkleidungsspiele

Von vielen Gemälden Lucian Freuds kennen wir den nackten kolossalen Körper, den runden, kahlgeschorenen Schädel von Leigh Bowery. Er hat dem Maler häufig Modell gesessen, gelegen, gestanden. Freud faszinierte zweifellos die physische Präsenz des massigen Mannes. Wie er wirklich aussah, überliefern fast nur Freuds Bilder; denn die phantastischen Maskeraden, die Bowerys schillernde Auftritte in Londons Underground-Szene der achtziger Jahre berühmt machten, begleiteten ihn wie eine zweite Haut. Bowery schminkte und verkleidete sich nicht einfach bildschön wie andere Drag-queens; er entwarf und nähte, ja, er baute und polsterte Ganzkörperhüllen, schrille, vollkommen verrückte Kostüme, die ihn in living sculptures verwandelten. Bühnengeübt als Mitglied der Popgruppe Minty, inszenierte er seine Solo-Performances (bei „You Tube“ finden sich schöne Live-Mitschnitte), die ihm erst eine Einladung der Serpentine Gallery verschafften und dann Auftritte in der Galerie von Anthony d'Offay. Hier begegnete er 1988 dem Fotografen Fergus Greer, der bis zum plötzlichen Tod von Leigh Bowery (1961 bis 1994) Dutzende seiner Looks in prächtigen Aufnahmen dokumentierte. Die Galerie Susanne Albrecht zeigt jetzt eine Auswahl; großformatige Lambda Prints (Auflage 6) kosten ab 12000 Euro, kleine (Auflage 10) 1400 Euro.

Die abgedrehte Londoner Postpunk- Szene der Achtziger, in der auch Bowery sein glamouröses Wesen trieb, ist der eigentliche Nährboden für die weiland Young British Artists: Viele Ideen aus dieser unkommerziellen Untergrund-Bewegung flossen ein in die frechen Arbeiten der Jungkünstler um Damien Hirst für die epoche- und marktmachenden Ausstellungen „Freeze“ und „Sensation“. Einer von ihnen ist Michael Landy, den Sabine Knust mit neueren Zeichnungen präsentiert. Landy, Jahrgang 1963, erregte mit „Breakdown“ Aufsehen, einer spektakulären Aktion, in der er seine sämtlichen Besitztümer zerstörte: 7227 Teile, von zehn Arbeitern geschreddert und zu Müll gemacht. Tausende sahen gratis zu, wie der Künstler sich vom Besitz befreite - nicht unähnlich jener Idee, die hinter Jean Tinguelys „Homage to New York“ von 1960 steckte: Er baute im Garten des MoMa eine riesige Maschinerie, die nach einer halben Stunde Sprühen, Rütteln und Scheppern in Flammen ausbrach und sich selbst zerstörte. Landry widmet der Teufelsmaschine bis zu drei Meter breite Zeichnungen in schwarzer Ölkreide, die wie im Negativ die feingliedrige Apparatur weiß stehenlassen (ab 18 Euro).

Quelle: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite 47
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