19.07.2011 · Medienkunst vom Feinsten: Die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek ermöglicht Künstlern auch mal die Produktion. Und dann baut sie gerne mal ihr Haus um.
Von Magdalena KrönerJulia Stoscheks Liebe zur Medienkunst begann mit einem Elefanten, der seinen eigenen Tod spielt: als die Sammlerin im Jahr 2003 die Arbeit „Play Dead; Real Time“ von Douglas Gordon in Larry Gagosians Galerie in Chelsea sah, wusste sie: „Das ist es“. Bis dahin hatte die 1975 geborene Tochter fränkischer Unternehmer Betriebswirtschaft studiert und selbst in Düsseldorf ein paar Monate eine Galerie geführt - „mit wenig Erfolg“ wie sie freimütig einräumt. Fortan beschloss Stoschek, vorerst nicht mehr mit Kunst zu handeln, sondern zu sammeln; fuhr zu Messen und Festivals, besuchte Ateliers und Galerien und baute innerhalb von vier Jahren die wohl aktuellste Medienkunstsammlung Europas auf. Heute zählt Julia Stoschek zu den einflussreichsten und jüngsten Sammlern Deutschlands; ihre 2007 in Düsseldorf eröffnete museale Darbietung umfasst mittlerweile 455 Arbeiten.
Nun hat Julia Stoschek mit „Cities of Gold and Mirrors“ die dritte Sammlungspräsentation eingerichtet, für die sie 44 bislang nie gezeigte Werke von 35 Künstlern versammelt, darunter zahlreiche Neuerwerbungen.
„Beim Gassigehen mit dem Hund“ entdeckte Julia Stoschek 2004 ein leerstehendes Gebäude im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel. Das Jugendstilhaus aus dem Jahr 1907, in dem die Sammlerin auch wohnt, hat eine bewegte Geschichte: es diente als Werkstatt für den Bau von Theaterkulissen; Flugzeugmotoren wurden hier für den zweiten Weltkrieg hergestellt, danach Betten, Korsetts; zuletzt Bilderrahmen. Drei Jahre lang baute das Berliner Architektenteam Kuehn Malvezzi das denkmalgeschützte Haus um.
Anders als die Eröffnungspräsentation „Destroy She Said“, die den Aufbruch und die Umgestaltung des historischen Hauses reflektierte, oder die auf Sinnlichkeit und Körperlichkeit setzende Schau „Fragile“, zeigt sich die aktuelle Ausstellung eher als suggestive Collage. Sie zeigt jüngere Künstler wie Keren Cytter, Simon Denny, Cyprien Gaillard oder Kerstin Brätsch im Dialog mit etablierten Positionen wie Nancy Holt und Robert Smithson, Charles Atlas oder Gordon Matta-Clark. Mit ihrem Engagement steht die „Julia Stoschek Collection“ längst für einiges mehr als die Lust am Sammeln, nämlich für nachhaltige Inszenierung, konservatorische Betreuung und Vermittlung.
Dies belegte etwa Stoscheks Beitrag zur Restaurierung und Digitalisierung der Super 8-Filme des britischen Künstlers Derek Jarman, die Stoschek innerhalb einer ersten Soloschau im Haus 2010 präsentierte. Längst macht Julia Stoschek auch in Kuratorien und Jurys ihren Einfluss geltend: Nachdem sie lange in der Ankaufskommission des MoMa aktiv war, gehört sie nun dem Kuratorium der Kunstwerke Berlin an. Ebenso engagiert sie sich im Vorstand des Düsseldorfer Kunstvereins.
Ein Kinosaal für ein Kammerspiel
Von Beginn an zog die Julia Stoschek Collection internationale Künstler an: Olafur Eliasson hat zur Eröffnung die permanente Arbeit „When Love is Not Enough Wall“ für eine Außenwand des Hauses entwickelt. Im letzten Jahr holte Stoschek Dara Friedman und Joan Jonas im Rahmen des gemeinsam mit MoMa/PS1 entwickelten Projektes „100 Years of Performance“ nach Düsseldorf. Doch auch Regionales weiß Stoschek geschickt ins Programm des Hauses einzubinden: So ließ der Künstler Christian Jankowski im vergangenen Jahr getreu des Düsseldorfer Mottos „Jeck we can“ einen Karnevalsverein in Hallenlautstärke, aber ohne jede Kostümierung aufspielen und inszenierte damit ein gleichzeitig authentisches und skurriles Spektakel.
Für „Cities of Gold and Mirrors“ wurden die Ausstellungsräume komplett umgebaut, zur Freude der zur Eröffnung zahlreich erschienenen Künstler. Für Andro Wekuas psychologisch aufgeladenes Kammerspiel „Never sleep with a Strawberry in your Mouth“ etwa hat Stoschek einen eigenen kleinen Kinosaal mit typischen Klappsitzreihen gebaut. David Claerbouts zwischen 2002 und 2005 entstandene Videoinstallation „American Car“ wird hier erstmals mit raumfüllenden Projektionen und in zwei getrennten Räumen gezeigt, so wie vom Künstler einst konzipiert. Die Ausstellung offenbart vieles über das differenzierte Zusammenspiel von Sammlerin und Kunstmarkt.
Sammlerin mit produktiver Kraft
Sie verdeutlicht die Macht, die eine so junge Sammlerin wie Stoschek am Markt mittlerweile hat. Ein Künstler wie der 1982 geborene Neuseeländer Simon Denny etwa, der zu den ersten DC Open, den gemeinsamen Galerieneröffnungen in Düsseldorf und Köln vor zwei Jahren, seine erste Show „Deep Sea Vaudeo“ bei Daniel Buchholz hatte, wird demnächst seine erste Ausstellung bei Friedrich Petzel in New York einrichten. Bei seinem Debüt vor zwei Jahren kosteten Arbeiten von Denny bei Daniel Buchholz bescheidene 2000 bis 9000 Euro; Preise, die spätestens mit der Eröffnung von Dennys Soloschau im September der Vergangenheit angehören dürften.
Ebenfalls wird deutlich, wie instrumentell eine Sammlerin wie Stoschek längst auch bei der eigentlichen Produktion von Kunst mitwirkt: Keren Cytters filmisch-theatralische Inszenierung „Untitled“ wurde von ihr mitfinanziert, und auf der letzten Venedig-Biennale 2009 groß in den Arsenalen gezeigt. Andersherum wird in den Ausstellungsräumen an der Schanzenstraße auch deutlich, wie rasch die Sammlerin, anders als eine Institution, auf den Kunstmarkt reagieren kann: Mit Künstlern wie Kerstin Brätsch und Cyprien Gaillard hat Stoschek Positionen auf der Höhe des Hypes eingekauft.
Vom Scheitern eines Käfers
Gaillard, 1980 in Paris geboren, wird nicht nur wegen seiner hypnotischen Filmmontagen gefeiert; in Internetforen debattiert die geneigte Kunstszene ebenso engagiert über das attraktive Äußere des Künstlers. Die 1979 in Hamburg geborene, in New York lebende Künstlerin Kerstin Brätsch wird unter ihrem Markenzeichen „Das Institut“ international in hoher Frequenz gezeigt und kontrovers besprochen - bis hin zur Bild-Zeitung. Auf manche Dinge muss selbst eine einflussreiche Sammlerin jedoch warten: es dauerte sieben Jahre, bis Julia Stoschek Francis Alÿs wunderbarer Arbeit „RehearsalI (El Ensayo)“ erwerben konnte, den sie nun erstmals zeigt.
Zu den Klängen eines probenden Mariachi-Orchesters fährt ein roter Käfer immer wieder einen Hügel in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana hinauf, hinter dem die Grenze zu den Vereinigten Staaten liegt. Doch so wie die Mariachi-Musiker immer wieder abbrechen und von vorne beginnen müssen, rollt auch der Käfer immer wieder rückwärts den Berg hinunter: eine immer noch aktuelle Sisyphus-Parabel.
Nicht zuletzt ist eine Schau wie „Cities of Gold and Mirrors“, das wird am Ende eines Rundgangs durch die Ausstellung deutlich, ein gelungenes Beispiel für die wachsende Relevanz privater Sammler in der gegenwärtigen Kunstszene: Sammlungen mit Namen wie Stoschek, Goetz oder Boros bilden einen immer wichtigeren Gegenpol zu von Finanznöten eingeengten staatlichen und städtischen Institutionen.
| Name | Kurs | Prozent |
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