Der Kunstmarkt und der Klassenkampf sind von Natur aus eher keine Waffenbrüder, manchmal beflügeln sie sich allerdings gegenseitig schon: Es war Anfang der Siebziger, die Yippies, die linksradikalen Hippies von der Youth International Party, sammelten Geld für eine Kampagne in Miami, und sie beschlossen, es sich durch den Verkauf von gespendeten Kunstwerken zu beschaffen. Die ersten 300 Dollar kamen für eine kleine Arbeit von Alexander Calder rein.
So erzählt es jedenfalls Sharon Avery-Fahlström. Denn bei dieser Gelegenheit lernte die junge Anti-Vietnamkriegs-Aktivistin auch den Künstler Öyvind Fahlström kennen. Fahlström war 1928 als Sohn eines norwegischen Vaters und einer schwedischen Mutter in São Paulo geboren worden, im Alter von elf Jahren nach Schweden gekommen und wegen des Kriegsausbruchs dort geblieben. Er hatte als Schreiber angefangen, als Journalist, Autor, Verfasser konkreter Poesie in geometrisch geordnetem Schwedisch.
Erst an der Seite seiner Frau, die eine Künstlerin war, begann sein Schreiben gewissermaßen räumlich auszuwuchern und so selbst zu bildender Kunst zu werden. In Rom war das, wo sie von einem Stipendium (ihrem Stipendium) lebten, und als sie 1961 nach New York gingen, passte Fahlström erstaunlich stimmig zu den Pop-Art-Künstlern um Robert Rauschenberg, die den umgekehrten Weg gegangen waren und ihre Malerei gerade mit den Buchstaben der Alltagswelt aufmunitionierten.
Wenn man Fahlström selbst aber überhaupt zur Pop-Art hinzuzählen kann, dann nur unter dem Vorbehalt, dass sein Blick auf die fetischisierten Warenwelten ein strikt marxistischer blieb: Der Mann war Kommunist, und dementsprechend lesen sich seine Blätter meistens wie das Tafelbild nach einer vielstündigen aktuell-politischen Schulung. Man muss allerdings auch sagen: Selten lasen sich ökonomische Analysen so schlüssig und gleichzeitig unterhaltsam.
Selten verband sich politische Aggression so bündig mit Spieltrieb und Bastelplänen für ein eigenes, antikapitalistisches Monopoly - eine Arbeit wie „Sketch for ,Kidnapping Kissinger'“ von 1974 (6000 Euro) changiert auf ewig zwischen Entwurf eines Gesellschaftsspiels und terroristischem Entführungsplan. Und noch viel seltener hat sich die prosaische Diktion des historischen Materialismus so stimmig mit Textfragmenten von Sylvia Plath oder García Lorca anreichern lassen.
Was Fahlström in seine Blätter hineinschrieb, hat grundsätzlich immer auch den poetischen Überschuss von Verschwörungstheorien oder wirtschaftspolitischen „Spiegel“-Dossiers; aber es hat eben auch eine Form, und diese Form entspringt ganz offenbar dem Inhalt: Die Zusammenhänge amöbisieren umeinander herum, bis sie ein dichtes, tropisches Blattwerk als Weltbild geben, das strukturell natürlich an die hektischen Undergroundcomics der Zeit erinnert und insgesamt so ausschaut, wie eine Platte der MC5 klang. Und meistens ging es um die Sauereien der CIA.
Etwas inhaltlich wie ästhetisch Zeitgemäßeres als Fahlström hätte Politaktivisten wie den Yippies damals in der bildenden Kunst gar nicht begegnen können. Und für Sharon Avery hatte diese Begegnung langfristige Folgen. Sie wurde erst seine Assistentin und später, kurz vor seinem Tod im Jahr 1976, seine Frau. Heute verwaltet sie seinen Nachlass und profitiert von einer Fahlström-Renaissance, die jetzt seit fünfzehn Jahren im Gange ist und immer neue, immer symptomatischere Höhepunkte zu erreichen scheint.
Der Galerist Aurel Scheibler hatte ihn in New York entdeckt, Udo Kittelmann zeigte ihn in Köln, dann kam Catherine David mit ihrer Documenta, der es um die Rückkehr des „Politischen“ in die Kunst ging, und seitdem sieht man Fahlström von Ausstellung zu Ausstellung häufiger, zuletzt auch in „Welt und System“ in Dresden. In Deutschland bilden sie ein rückwirkendes Fundament für die Sammlung Harald Falckenbergs, in Frankreich (Centre Pompidou) und Spanien (Reina Sofia in Madrid, Macba in Barcelona) sind es die großen Häuser, die Fahlström sammeln.
Das hat natürlich Konsequenzen für die Preise. Die berühmte Zeichnung „Sketch for World Map“, 1972 in einer Auflage von 7300 als Posterbeilage für eine linke Zeitung gedruckt, kostet jetzt 5600 Euro. 2004 in der Galerie von Johann König waren es noch 1600. „The Black House“, eine der seltenen installativen Arbeiten, kostete 2004 90.000 Euro, jetzt: 200.000.
Und das Schlüsselwerk „Garden - A World Model“ kostete bei Scheibler in Köln 1991 noch 450.000 Dollar. Heute ist es die Preiskategorie „auf Anfrage“, was eine Vervielfachung meint. Hat Fahlström diese Wertsteigerung seiner Waren vorausgesehen? „Das Einzige, was er nicht vorausgesehen hat, war der Kollaps des Kommunismus“, sagt Sharon Avery-Fahlström. Dann böses, beglücktes Lachen: „But neither did the CIA.“