Das Lokal war seit seiner Gründung 1965 bis in die siebziger Jahre ein Magnet für Künstler und Musiker – eher ein Treibhaus, in dessen aufgeheiztem Klima seltene Blüten gedeihen konnten. Mickey Ruskin, Gründer und Besitzer von „Max’s Kansas City“, lockte seine Künstlerfreunde mit Gratis-Chili und Chickenwings, außerdem konnten sie, chronisch in Geldnot, ihre Drinks anschreiben lassen. Eine Rechnung an Andy Warhol, ausgestellt Ende November 1969, belegt für den Monat September dessen Konsum, der sich auf 774,73 Dollar summierte: Davon wurden allerdings „200 Dollar für eine Marilyn Monroe“ abgezogen.
Schon bald nach der Eröffnung „kuratierte“ Ruskin sein Publikum, und er ließ nicht jeden ein; Prominenz allein garantierte sein Wohlwollen keineswegs. Seine Freunde – John Chamberlain, Carl Andre, Mark di Suvero, Donald Judd (der gegenüber wohnte), Larry Poons oder Neil Williams und von der alten Garde manchmal Willem de Kooning bevölkerten das vordere Zimmer und die Bar. Im Hinterzimmer hielt bald Andy Warhol mit seiner Entourage Hof, mit Lou Reed, Nico und dem Rest der Band „The Velvet Underground“ und mit Sternchen aus seiner Factory wie Brigid Berlin oder Cyrinda Foxe.
Schillernde Gestalten, Transvestiten, Poeten, Schauspieler, Rocker, später auch Punks wie die „Ramones“ und die „Sex Pistols“ hatten hier ihre Auftritte, sei es zu einem Konzert im oberen Stock oder zu wilden Besäufnissen im Erdgeschoss. Der Drogenkonsum und die daraus folgenden Exzesse waren legendär; eine Schüssel mit Amphetamintabletten stand für die Kellnerinnen bereit, damit sie die Nacht überstanden. Ruskinselbst starb in den achtziger Jahren an einer Überdosis Heroin.
„Nur ein ungeschriebenes Gesetz gab es bei Max’s Kansas City“, erinnert sich Lawrence Weiner, „es durfte nicht fotografiert werden.“ Das galt jedoch offenbar nicht immer, und in Warhols Reich, dem Hinterzimmer, galt diese Regel sowieso nicht: Jetzt hat in Hunderten von Fotos die Steven Kasher Gallery das Max’s wieder auferstehen lassen. Die Ausstellung in der 23rd Street in Chelsea vereint neben Fotos eine eindrucksvolle Auswahl an Kunstwerken, die in diesem Umfeld entstanden sind, von Chamberlain oder Neil Williams.
Fotografischen Souvenirs trotz inoffiziellen Fotoverbots
Sogar eine Installation von Forrest Myers wurde wieder zum Leben erweckt, die einst in der Kneipe leuchtete: Er hatte einen Laserstrahl aus seinem Atelier, das auf der anderen Straßenseite lag, durch das Schaufenster gelenkt, so dass er auf einen Spiegel traf, der mit einem Draht an der Jukebox befestigt war. Durch die Vibrationen der Musik tanzte der Laserstrahl im Tabakdunst. Forrest Myers’ originale Zeichnung zu dem Projekt aus dem Jahr 1967 kostet 15.000 Dollar.
Die Wände der Galerie sind bepflastert mit fotografischen Souvenirs der wilden Jahre, in Schwarzweiß und in Farbe. Da ist zum Beispiel der Maler Larry Poons, mit glänzenden Lippen und verschmitztem Blick hinter einem Bataillon von Bierflaschen (Foto von Anton Perich, um 1970, Abzug von 2005, Auflage 15; 2000 Dollar). Willem de Kooning wirkt auf einem anderen Foto eher alt und resigniert (2000 Dollar); eine kleine Zeichnung, vielleicht einen Gitarristen darstellend, hat de Kooning Ruskin persönlich gewidmet.
Erinnerungen an einen schlafenden Jim Morrison
Janis Joplin raucht am Tisch neben Andy Warhol, der sich hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Die Bilder sind eine Zeitreise: Da sind Aufnahmen vom blutjungen Iggy Pop mit nassem, wie stets nacktem Oberkörper, von Brian Jones mit Bob Dylan, dessen Freundin bei Max’s kellnerte, von der umwerfenden Debbie Harry und Joan Baez, die ganz brav wirkt, und von Mick Jagger, der nie brav aussehen kann.
Der üppige Katalog, den Steven Kasher anlässlich der Ausstellung herausgegeben hat, gibt auch einige Anekdoten preis, darunter Aufzeichnungen von Ruskin selbst, etwa wie Jim Morrison in eine Weinflasche gepinkelt haben soll, die er dann verschenkte Ansonten hatte Ruskin den legendären Frontmann der „Doors“ hauptsächlich schlafend in Erinnerung, wie er mit Sonnenbrille unter dem roten Licht einer Neoninstallation von Dan Flavin liegt und einen Rausch hat. Für Janis Joplin hatte Ruskin besonders viel übrig: „Ich singe ein Liebeslied für 25.000 Leute, und am Abend gehe ich allein ins Bett“ – so wie sie, meinte Ruskin, habe er sich auch oft gefühlt.