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Gilbert & George in Berlin Zwei Männer, ein Werk

02.07.2009 ·  Das englische Künstlerduo Gilbert & George macht seit gut vierzig Jahren - fast - alles zusammen. Bei ihrer Ausstellung in Berlin waren sie auch zu sprechen.

Von Lisa Zeitz, Berlin
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„Jetzt haben wir die Flagge bis zum letzten Tropfen ausgequetscht“, sagt George über die „Jack Freak Pictures“, die jüngste und mit mehr als 150 Bildern bislang umfangreichste Werkgruppe von Gilbert & George: „Unsere Motive sind sehr beschränkt. Nur wir, die Bäume, die Flagge und ein paar Abzeichen. Das gefällt uns.“

Zwanzig Großformate sind derzeit bei der Berliner Galerie Arndt & Partner in der Halle am Wasser hinter dem Hamburger Bahnhof zu sehen. Die typischen schwarzen Rahmen untergliedern die Kompositionen, in denen die Farben des Union Jack dominieren, Rot, Weiß und Blau, gefolgt vom gelegentlichen Gelb oder Grün. Immer wieder starren die digital verfremdeten Augen der Künstler aus den Bildern, verschiedene Körperteile sind zu monströsen Kreaturen zusammengefügt.

Zwei Herren ohne Alterungsspuren

Ein Treffen mit den beiden ist ein surreales Erlebnis. In ihren Anzügen und aufeinander abgestimmten Krawatten wirken Gilbert und George ein bisschen, als wären zwei Wachsfiguren aus dem Kabinett von Madame Tussaud zum Leben erwacht. Sie sind Mitte sechzig, aber erscheinen mit ihrer glatten Haut und ihrer reduzierten Mimik - ganz die feine englische Art - seltsam alterslos. Umso erstaunlicher ist es, anzügliche Witze aus dem Mund von George zu hören (das ist der mit der Brille) oder gelegentlich barsche Worte von Gilbert (dem Kleineren von beiden). Gilbert ist in den Dolomiten aufgewachsen und hat George, der in Devon geboren ist, an der Kunstakademie in London kennengelernt.

Sie wurden ein Paar, bezeichnen sich bis heute als lebende Skulptur und leben nach strengen Ritualen. So gehen sie zum Beispiel jeden Abend ins selbe Restaurant und bestellen das Gleiche: „Zwei Koteletts für ihn, zwei Koteletts für mich“, sagt George. Das kann jahrelang so gehen, „bis wir Lust auf etwas anderes haben“, sagt Gilbert. Jeder geht einen anderen Weg zu dem Lokal, und während ihres einstündigen Spaziergangs dorthin lassen sie sich von der Straße inspirieren, von den Menschen, Bäumen, Graffiti: „Alles dreht sich um Sex, Geld, Rasse oder Religion, alles“, verkündet Gilbert.

Verfremdungsarbeit am Computer

Am Computer spiegeln und vervielfachen sie einzelne Elemente ihrer Fotografien und bilden komplizierte Muster. George deutet auf ihre Arbeit „British Isles“: „Was hier aussieht wie der Stadtplan von Persepolis, stammt von einer einfachen Backsteinwand.“ Ausschnitte ihrer Gesichter haben sie zu gigantischen Insekten verfremdet, und eine kleine Jesusfigur wird zum Muster für komplette Anzüge: Die 226 mal 190 Zentimeter messende Arbeit „Jesus Suits“ geht übrigens ebenso wie „White Army“ mit den Maßen 226 mal 381 Zentimeter in die Burger-Collection nach Hongkong, während andere Werke der Serie nach Korea und Berlin verkauft wurden. Vor einem Jahr hat eine Arbeit der beiden aus dem Jahr 1973 bei Christie's in einer Londoner Auktion einen Spitzenpreis von mehr als zwei Millionen Euro (inklusive Aufgeld) erzielt. Die Preise in der Galerie für die neuen Werke, sämtlich Unikate, liegen zwischen 50.000 und 130.000 Pfund.

Seit dreißig Jahren, sagen die beiden, hätten sie keine Kunstausstellungen mehr besucht - ausgenommen ihre eigenen: „Es ist nicht so, dass wir etwas gegen andere Künstler hätten, sie sind uns einfach egal. Wir wollen den Kopf frei haben für unsere eigenen Gedanken.“ Früher, in den siebziger Jahren, war das noch anders, da haben die beiden auch Arbeiten von ihren Freunden gesammelt: „Damals konnte man auch am Ende einer Ausstellung in die Galerien gehen und aussuchen, was man wollte, weil nichts verkauft wurde“, erinnert sich George, „so haben wir verschiedene Sachen erworben, aber wir haben aufgehört, als jeder angefangen hat zu sammeln.“ Sie besitzen drei Stücke von Carl Andre (zwei haben sie gekauft, und eines hat er ihnen geschenkt), Arbeiten von Alan Charlton, David Tremlett, Sol LeWitt, Hanne Darboven und Barry Flanagan. Außerdem haben die beiden damals eine ganze Reihe von Porträts von sich selbst in Auftrag gegeben, zum Beispiel bei Duncan Grant oder bei Andy Warhol; Gerhard Richter hat sie mehrfach gemalt, „und Cecil Beaton hat uns fotografiert“, sagt Gilbert.

Mit einem Faible für Keramik

Zeitgenossen sammeln sie also schon lange nicht mehr, aber sie haben doch verschiedene Sammelgebiete, die sie immer weiter ausbauen. Zu Hause in London haben sie ihren eigenen Kosmos eingerichtet, der nach ihrem Tod zu einem Museum werden soll: mit alten Handbüchern zum Thema Design, sexualgeschichtlichen Bänden, Büchern über Religion, Pin-up-Zeitschriften von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart, mit tantrischer und anderer indischer Malerei und Skulptur und „auch mit indischer Stammeskunst, auf die lange Zeit herabgeschaut wurde“, so George. Besonders stark ist ihr Interesse am englischen Kunsthandwerk des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel an Krügen und anderer Keramikware der 1848 gegründeten Firma Brannam Pottery oder an Vasen des erfindungsreichen Töpfers Edmund Elton (1846 bis 1920), der mit metallischen Glasuren und Krakeluren experimentierte.

Schließlich sind sie wirkliche Fans von Christopher Dresser (1834 bis 1904) und seiner Keramik, seinem Silber und seinen Möbeln. „Dresser war ein Genie“, sagt George, „und übrigens war er auch der erste Mensch, der sich als Designer bezeichnet hat.“ Gilbert fügt hinzu: „Er war seiner Zeit weit, weit voraus. Lange vor dem Bauhaus und sogar zwanzig Jahre vor der Wiener Werkstätte hat er Formen geschaffen, die absolut modern waren.“ Jetzt kommt George wieder zu Wort: „Interessant ist doch, dass Dresser eigentlich Botaniker war. Irgendwie hat er auch so gearbeitet wie wir: Er fand die Kunst in der Natur. Er nahm natürliche Formen, faltete sie und fand dadurch neue Formen - wie wir.“

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