17.08.2009 · In Richtung Hafen dehnt sich neuerdings die Hamburger Galerieszene. Bei Borchardt ist eine Accrochage zu sehen, Mikio Sato zeigt Styropor-Skulpturen von Toshifumi Hirose und Anne Moerchen stellt Gemälde von Martin Kreim aus - ein Rundgang.
Von Vita von Wedel, HamburgDas besinnliche sommerliche Beinah-Vakuum im aufgeregten Kunstmarkt bietet wieder einmal die Gelegenheit, im sonnigen Hamburg den subtilen Veränderungen in der Galerieszene nachzuspüren. Behäbig wie die Kontinentalplattenverschiebung orientiert Hamburg sich mehr und mehr von der Innenstadt in Richtung auf die sich entwickelnde Hafencity hin. Da ist wohl hauptsächlich der Wunsch nach dem versprochenen lebhaften und edlen neuen Stadtquartier an der Elbe der Vater der Bewegung, verbunden mit dem geheimen Überdruss am alternativ-bröseligen Hinterhofcharme in der Kunstszene. Wer so was mag, zieht von Hamburg nach Berlin.
Jene jüngeren Galerien, die im bereits arrivierten Hinterhofkönigreich der Fleetinsel keinen Platz mehr fanden oder nach einem auch äußerlich eher saturierten Ambiente suchten, versammeln sich im sogenannten - zugegeben weitläufigen - „Kontorhausviertel“ zwischen Pöseldorf und Hafencity. Mitten hinein, in die lauschige, baumbestandene alte Straße mit dem schönen Namen Hopfensack zog kürzlich auch die Galerie Borchardt, die zuvor weiter elbabwärts im ehemals bejubelten Designkaufhaus Stilwerk residierte. Dort ist der anfängliche Reiz des selbsternannten Designzentrums etwas schal geworden und einem eher ratlosen Konzept gewichen. Am Hopfensack ist die kühle Isolation der Galerie im Dachgeschoss des Stilwerks vergessen: Unmittelbar neben der Fotogalerie Robert Morat gelegen, hat Peter Borchardt in seinen schneeweißen langgestreckten Galerieraum auf Straßenebene noch das Architekturbüro seiner Frau aufgenommen, mit dem in der gemeinsamen offenen Teeküche ein angeregter Austausch zum Thema Kunst am Bau besteht.
Verdichtete Erinnerungen
Über den Sommer zeigt Borchardt unter dem Titel „Bande“ Künstler der Galerie, und da gibt es bei einigen Neues zu entdecken. Den Besucher empfangen die raffiniert verschachtelten und gestaffelten New-York-Ansichten des 1956 in Emden geborenen Helle Jetzig: In abgetöntem Neonbunt scheinen es alltägliche Straßenansichten zu sein, mit allem, was dazugehört - Fassaden, Menschen, Werbung, Straßenschilder. In Wirklichkeit sind es Kondensate, wie Erinnerungen verdichtet zu einem emblematisch-imaginären New-York-Bild. Die Bilder entstanden denn auch durch übermalte und mit Siebdruck überlagerten Schwarzweißfotos, hochglänzend in der Oberfläche (Preise von 1800 bis 14.000 Euro). Rolf Burgmeister ist mit Astgebastel vertreten: „Öl auf Holz“ nennt er seine Objekte und verweist subtil auf die frühe Tafelmalerei, aber seine innerlich chaotischen, in der äußeren Form geschlossenen Skulpturen entstanden jetzt durch gesägte und wieder zusammengefügte Äste. So fragt er nach dem Ursprung der Kunst, nach Kopie und Überwindung der Natur, nach Menschenwerk und Material (Preise 4500 bis 15.000 Euro).
Trak Wendisch, 1958 in Berlin geboren und dann in Leipzig Schüler unter anderem von Bernhard Heisig, überrascht mit einer neuen Bildsprache. Zunächst bekannt durch seine grob behauenen kolossalen Menschenfiguren, denen man in ihrer Bronzeversion noch deutlich die Herkunft aus dem Holz ansah, scheint er jetzt die Strukturen zu beruhigen und ins Innere zu kehren. Sein rhythmisch konzentriertes Gemälde „Gelber Wald“ aus diesem Jahr (110 mal 200 Zentimeter groß; 15.000 Euro) steht in stillem Dialog mit einem unbetitelten Brunnen, der in einem tief reliefiertem Bronze-Labyrinth Wasser tidenartig fallen und steigen lässt (100 mal 60 mal 60 Zentimeter groß; Auflage 1/3; 15.000 Euro). Daneben hängen große pastellhelle Gemälde von Vivian Kahra, der Borchardt im September eine Einzelausstellung widmen wird. Dort wird man sich noch intensiver in ihre angenehm kühlen mentalen Innenräume vertiefen können (Preise 7600 bis 9700 Euro). (Bis 5. September.)
Das Kunstwerk als Seelenwesen
Im „Kunsthaus“ zwischen Museum für Kunst und Gewerbe und Kunsthalle erwartet den Besucher die junge Japanerin Mikiko Sato in ihrer kleinen weißen Galerie und in ihrem Bestreben seit 2002, mit inzwischen mehr als dreißig Ausstellungen den Hamburgern die japanische Avantgarde näherzubringen. Jetzt zeigt sie die „utopischen Gärten“ des 1971 im japanischen Gifu geborenen Toshifumi Hirose. Es sind äußerlich fast geschlossen wirkende farbige Bilderblöcke, aber sie verbergen Unsichtbares in ihrem Innern: Die äußeren Bilder, Menschen in Häusern und Gärten, sind zusammengesetzt aus langen, einzeln aufwendig per Hand bearbeiteten und gefärbten Styropor-Profilen, deren Querschnitt die Formen der Figuren ergeben. Die Bildidee ist für Hirose die Seele des Kunstwerks, die Form sein Körper. Es entsteht eine hinreißende Vielansicht und eine kunterbunte Farb- und Formenlust (Preise 5500 bis 8000 Euro). Hiroses Aquarellskizzen (um 250 Euro) und kleinen Ölbilder (650 Euro) erläutern erhellend seine Erarbeitung und seine Vorstellung von der Variabilität des Dreidimensionalen. Die immer schnelleren und aufwendigeren Computer-Graphikprogramme scheinen seine Bilderfindungen anzuregen, aber er entschleunigt sie durch seine scheinbar anachronistische handwerkliche Perfektion. (Bis 4. September.)
In Pöseldorf zeigt die Galerie Anne Moerchen unter dem Titel „Gut-Schein“ neue Gemälde von Martin Kreim, 1963 in Tschechien geboren und an der Burg Giebichenstein in Halle und an der Leipziger Schule bei Sighard Gille und Arno Rink ausgebildet und seither in Leipzig ansässig. In seinen Architekturbildern spielt er mit den eigenen Seherfahrungen und denen des Betrachters, mit der Erinnerung an verwirrende Hotel- oder Bankfoyers, in denen Spiegel, Pfeiler und Rolltreppen die Durchblicke brechen, Wege versperren und trotz ihrer konstruktivistischen Klarheit Desorientierung erzeugen, wie zum Beispiel auf „Stirnseite I“ von 2005 (145 mal 185 Zentimeter groß; 4500 Euro). Fast folgerichtig bleiben darin die Menschen nur humanförmige Silhouetten, schemenhaft und austauschbar (“Grünflächenamt“; 120 mal 150 Zentimeter; 3900 Euro). Kreim erzählt keine Geschichten, kritisiert nicht, sondern konstatiert, unberührt und scheinbar wertfrei wie eine Überwachungskamera.
Eine Diskrepanz zwischen den menschengeschaffenen kühlen Zweckbauten und den Menschen selbst wird deutlich. Der Mensch schafft sich seine Hülle - und wird darin unbehaust. Es sind die Menschen in ihrem bundesrepublikanischen Alltag, und überraschend oft wird die Fotografie zum Thema: beim Profi im Studio (“Fotografin“; 46 mal 60 Zentimeter; 1500 Euro) und beim Klassenausflug mit der Digitalkamera (“Goldfische“; 120 mal 150 Zentimeter; 3900 Euro): Der Künstler sieht zu, wie sich anonyme Menschen ein Bild von der scheinbaren Wirklichkeit machen (Preise von 450 bis 10.800 Euro). (Bis 29. August.)