29.09.2008 · Andres Serrano macht weiter, Hélène Cixous steht ihm bei
Von Lisa ZeitzWer als Sammler lieber mit einer kontroversen Anschaffung auffallen will, der kann sein Wohnzimmer mit einer großformatigen neuen Farbfotografie von Andres Serrano dekorieren, der schon 1987 mit seinem „Piss Christ“ zu Ruhm kam, einem Kruzifix in einem Behälter mit Urin. Seither dienten dem streng katholisch erzogenen New Yorker Künstler auch andere Körperflüssigkeiten als Motive für seine Bildkompositionen. Nun lässt er das Flüssige hinter sich und geht einen Schritt weiter. Heißt das, dass Serrano . . .? Ja, das heißt es. „Shit“ ist der Titel seiner jüngsten Werkgruppe, die jetzt gleichzeitig in den Galerien von Yvon Lambert in Paris und in New York ausgestellt ist. In den bald fünfzig Jahren, seit Piero Manzoni Konservendosen mit der Aufschrift „Merda d'Artista“ zum aktuellen Goldpreis anbot, haben Künstler immer wieder Ausflüge in das Reich des Fäkalen unternommen.
Keine Züruckhaltung
So bunt und aufdringlich wie von Andres Serrano ist es aber noch nie in Szene gesetzt worden; 244 mal 203,5 Zentimeter messen die Nahaufnahmen der Exkremente von Hase, Wolf oder Tapir, die dem Betrachter vor psychedelischen, regenbogenbunten Hintergründen präsentiert werden. Die Titel der Werke (Auflage 5) sind auch sonst selbsterklärend. „Sie sind erschaudert? Sie haben sich gesagt, ,das habe ich nicht nötig'? Warten Sie! Gehen Sie nicht“: So beginnt die prominente Feministin und Gelehrte Hélène Cixous ihren umfassenden Beitrag für den Katalog - „wenn Sie den Drang fühlen wegzugehen, dann ist das doch schon etwas, oder nicht?“.
Dann nimmt sie den Leser mit auf eine Reise durch Psychologie, Philosophie und Etymologie. Der Künstler habe ausgeholt zum „ultimativen Schlag gegen jegliche anthropomorphe Form“, schreibt Cixous und verweist auf Stendhal, Freud, Duchamp, Joyce, Derrida und Plato. Wie in einem politischen Akt habe Serrano dem Kot, als dem Mann von der Straße, Asyl gewährt. Dem Sammler, der sich eines der Zeugnisse dieser Emanzipation übers Sofa hängt, sei geraten, den eloquenten Katalog in der Nähe liegen zu haben.