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Galerierundgang Und sie werden die Ersten sein

02.09.2010 ·  Müde Ausstellungen wird man beim Frankfurter Galeriewochenende vergeblich suchen. Die Künstler aber arbeiten bis zur Erschöpfung, damit alles fertig wird. Ein erster Blick auf die Höhepunkte.

Von Konstanze Crüwell
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Eine Woche vor Beginn des sechzehnten Saisonstarts der Frankfurter Galerien am Freitag, den 3. September, ist Michael Beutler fast rund um die Uhr in der Galerie von Bärbel Grässlin zugange. Dort hat der im Jahr 1976 geborene, heute auf der internationalen Kunstszene zwischen Malmö und Miami nahezu omnipräsente Künstler und Städelschulabsolvent, der munter zwischen Skulptur, Architektur und Rauminstallation mäandert, aus einfachstem Fichtenholz einen ingeniösen, enorm großen Webstuhl gebaut.

Streifen aus Wellpappe sind das vergleichsweise arme Material, aus dem er und seine Assistenten jetzt ständig große dreidimensionale Elemente weben, die sie als Pappwände vor den manifesten Wänden des hohen Galerieraums auftürmen. Vielleicht wird Beutler eine architektonische Skulptur errichten, vergleichbar mit seinen zwei vielgerühmten Arbeiten: der temporären Kathedrale aus Farbe und Licht im Portikus oder der dauerhaften sechzehn Meter hohen „Pagode“ aus Aluminium im Lufthansa Aviation Center. Wie Beutler sein Werk im Detail zur Eröffnung seiner Ausstellung präsentieren will, ist zwar noch offen, - ziemlich sicher hingegen ist, dass dieses Kunstwerk ein Höhepunkt des Saisonstarts in Frankfurt sein wird.

Jürgen Klauke ist in diesem Herbst zu Gast bei Anita Beckers. Diese Ausstellung verspricht der zweite Höhepunkt des Saisonstarts zu werden: Die Galeristin, die schon seit vielen Jahren mit Jürgen Klauke zusammenarbeitet, zeigt dessen „Sonntagsneurosen & Performancefilme“, legendäre Werkgruppen des großen Fotokünstlers also, der gegenwärtig mit der großen Ausstellung „Ästhetische Paranoia“ im ZKM, dem Museum für Neue Kunst in Karlsruhe, gewürdigt wird. Seine in den Jahren zwischen 1990 und 1992 entstandene achtteilige schwarzblau getönte Fotoarbeit „Heimspiel“ zeigt ein tiefschwarz gekleidetes Paar in kunstvoll inszenierten Posen, eine Frau im weiten langen Kleid, die auf einem Tisch steht, unter dem unerklärlicherweise zwei Männerbeine zu sehen sind.

Es sind surreale Körperbilder, die als exemplarisch für die kritisch befragende Selbst- und Weltwahrnehmung des Künstlers angesehen werden. In den bei Beckers zu sehende Filme werden die frühen Performances von Klauke dokumentiert: „Aspekt - die Wörter haben ihre Kraft verloren“ von 1977, „The Harder They Come III“ von 1978, „Jede Gesellschaft hat die Kultur, die sie verdient“ von 1984 und „In der Tat“ von 1985. (Die Preise für die einzelnen, 180 mal 125 Zentimeter großen Fotoarbeiten liegen zwischen 25.000 und 30.000 Euro; Auflage 3)

Skulpturen auf einem Sockel aus Erde

Die ganze Welt ist eine Bühne, auch für Steve Johnson, der faszinierende kleine Szenarien als Wandskulpturen unter dem - das Shakespeare-Zitat zeitgemäß abwandelnden - Titel „Every day's a film with no script“ erbaut und sie seit gestern in der DavisKlemm Gallery zeigt. Der Londoner Künstler mischt Realität und Fiktion in seinen Werken, die er auf farbig gefasstem Holz und Metall fertigt. Vor zwei Jahren ließ er sich von einer Imbissbude am Wannsee und anderem Stadtmobiliar zu einem witzigen Berlin-Ensemble inspirieren (60 mal 90 mal 40 Zentimeter, 11.000 Euro).

Oder er schuf 2003 „Pedestrian Island“ nach dem Vorbild einer öden Fußgängerinsel in Deptford, dem Londoner Stadtteil mit der großen Geschichte - Henry VII gründete dort die Werften der Royal Navy, in den der russische Zar Peter der Große dann Schiffsbau studierte - und einer traurigen Gegenwart mit vielen Arbeitslosen (100 mal 360 mal 70 Zentimeter, 23.000 Euro). Eine architektonische Phantasie ist seine Skulptur eines Art déco-„Cinema“ (7000 Euro). Alle Wandskulpturen stehen auf einem Erdsockel als Metapher für die vergehende Zeit, und sie hängen, wohl in verfremdender Absicht, relativ hoch an der Wand.

Ein taumelnder Kunstflieger

„Was mich interessiert ist der Punkt, an dem sich das autonome Bild an der Wand mit dem Verweis auf die gewesene Wirklichkeit trifft. Der Punkt, an dem man meint, etwas erkannt zu haben, das sich im nächsten Moment jedoch wieder entzieht“, hat Jörg Sasse, der zu den bedeutendsten europäischen Fotokünstlern gehört, einmal gesagt. Im Jahr 1993 hat er begonnen, mit digitalen Mitteln zu arbeiten.

Aus der Reihe der von Sasse seither weiterentwickelten malerisch verfremdeten „Tableaus“, die noch einen gewissen Realitätsbezug aufweisen, werden in der Galerie Wilma Tolksdorf neue Arbeiten gezeigt. So zum Beispiel das 100 mal 140 große Tableau „1499, 2010“ mit einem schönen blauen Himmel, in dem ein rotes kleines Kunstflugzeug offenbar ganz ziel- und richtungslos herumirrt (16.000 Euro). Tolksdorf zeigt auch „Lost Memories“, die weitgehend abstrakten Fotoarbeiten einer neuen, seit 2009 entstehenden Werkgruppe (Die 60 mal 90 großen Arbeiten werden für 6500 Euro angeboten).

Gemälde „Nach der Natur“

Ein unvergessliches Bild war es, als 2009 bei der Biennale in Venedig ein typisch amerikanisches Einfamilienhaus auf dem Canal Grande zum Arsenal transportiert wurde. Das Haus wollte der Künstler Mike Bouchet im Wasser auf einem Ponton präsentieren, doch leider drohte es zu versinken, hielt sich dann aber doch über der Wasseroberfläche. Jetzt ist die fragmentierte Vorstadtvilla in der Frankfurter Schirn ausgestellt, und Bouchet wird bei Parisa Kind seine reizvollen Ölbilder auf Leinwand zeigen. Sein bezauberndes, 180 mal 130 Zentimeter großes Gemälde „Net“, das ein zartes kleines Netz im blauen Wasser zeigt, kostet 18 500 Euro, das witzige „Finger“-Bild 15.000 Euro.

„Nach der Natur“ ist der Titel der Ausstellung von Cornelius Völker bei Martina Detterer. Die Natur spielt auf seinen neuen Werken jedoch kaum eine Rolle: Ein „Feuerzeug“ kostet dort 20.000 Euro, eine „Browning“ 10 300 Euro, ein „Cocktail“ 4300 Euro. Schlichte Sujets für eine kraftvolle und in der Tat ziemlich naturalistische Malerei.

16. Saisonstart Frankfurter Galerien. Vom 3. bis 5. zum September. Freitag geöffnet von 19 bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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