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Dienstag, 07. Februar 2012
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Galerierundgang Sehnsuchtsbilder, Wahnsinnsbilder

07.08.2010 ·  Zur Festspielzeit in Salzburg hoffen auch die Galerien der Stadt auf viele Besucher. Kein Entkommen gibt es in diesem Jahr vor dem Maler Daniel Richter. Er stattet Alban Bergs „Lulu“ aus, und ist zugleich mit einer Einzelausstellung präsent.

Von Brita Sachs
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Zu all der musikalischen Prominenz, die Salzburg jedes Jahr für die Sommerfestspiele aufbietet, holt man gern noch bildende Künstler, von denen alle Welt spricht. Das Modell, hohe Ton- und Bildkunst zu Gesamtkunstwerken auf der Bühne zu vereinen, bewährt sich bestens - jedenfalls sorgt es für Aufsehen. In dieser Saison streicht Jonathan Meese viel Lob für sein Bühnenbild-Debüt zu Wolfgang Rihms „Dionysos“ ein, und Daniel Richter übernahm die Ausstattung der Felsenreitschule, wo Alban Bergs „Lulu“ verführt und stirbt.

Es ist eine treffliche Koinzidenz, dass Frank Wedekind, dessen literarisches Geschöpf ja die Lulu ist, in derselben Zeit, dem Fin de Siècle, Geschlechterkampf und Doppelmoral beschäftigen wie den abgründigen Schweizer Maler Félix Vallotton, den Richter mal das „Idol meiner schlaflosen Nächte“ genannt hat. Lulus Bühne ist bereits seine zweite Opernarbeit in Salzburg: Diesmal bekam er dort nicht nur im Museum Rupertinum gleichzeitig eine Ausstellung, sondern klopfte auch erfolgreich bei der Galerie Thaddaeus Ropac an, die am Mirabellplatz atelierfrische Bilder von ihm in ihrer Sommerausstellungen zeigt.

Zeichnungen von Andy Warhol

Es scheint, als habe die Beschäftigung mit „Lulu“ Daniel Richter dazu veranlasst, seine Erkundungsgänge im Symbolismus noch weiter auszudehnen. Aus seinen Vielfiguren-Szenen wehen einen Munch-Geschrei und ensorhaftes Schädelstarren ja schon länger an; jetzt geistern neonlichte Gestalten von glibberiger Unschärfe verloren durch einsame Gebirge, deren mystisch-fiebrige Farbigkeit nicht von dieser Welt ist. Neben Odilon Redon und immer wieder Ensor steht, in einer Bildgruppe wächserner Figuren und verschneiter Wälder, Vallotton Pate mit seinem flächenhaften Bildbau scharf begrenzter Farbzonen und mit grellen Ausreißern ins Karikaturhafte und Anstößige. (Die Ölbilder kosten von 55.000 bis 220.000 Euro.)

Unbedingt ansehen sollte man bei Ropac auch Andy Warhols Zeichnungen zum Thema Tanz, die aus der Warhol Foundation kommen und erstmals gezeigt werden. Bald nach seiner Ankunft in New York 1949 tat sich der junge Graphiker in der dortigen Tanzszene um. Noch in Pittsburgh hatte er selbst Stunden in Modern Dance genommen, jetzt lebte er zeitweilig in Tänzer-Wohngemeinschaften. Dass ihn, wie die linearen Tuscheporträts von Tänzern, Choreographen und Kritikern nahelegen, wirklich sämtliche Genres vom klassischen Ballett bis zu kambodschanischen Tempeltänzen interessierten, bezweifelt Anna Kisselgoff.

Farbbahnen die Tempofahrten suggerieren

Vielmehr vermutet die ehemalige Tanzkritikerin der „New York Times“, die in der Begleitpublikation über die damalige Tanzwelt und die porträtierten Personen berichtet, dass viele der Skizzen nach Fotos in Fachmagazinen entstanden. Und natürlich ging es Warhol nicht nur um Tanz: Vor allem John Butler, so Kisselgoff, stand bei Warhol ganz hoch im Kurs - wegen seiner Schönheit, weniger für seine innovativen Choreographien. (Die Blätter kosten von 25.000 bis 35.000 Dollar.)

Die Runde durch Salzburgs Galerien könnte jetzt weiterführen in Ropacs neue Dependance, die große Halle im Stadtteil Schallmoos, die dem britischen Bildhauer Richard Deacon Raum für eine vier Meter hohe, dabei luftig und leicht wirkende Skulptur aus wellig gebogenen Eschenholz-Modulen bietet. Unterwegs lädt Ulrike Reinerts UBR Galerie zu einem Zwischenstopp; sie zeigt Malerei von Wolfgang Kessler, die den verschwommenen Schlieren lang belichteter Kamerabilder ähnelt. Streifige Farbbahnen suggerieren Tempofahrten vorbei an gerade noch zu ahnenden Container-Architekturen im Übergang von Stadt und Grün, und sie schieben sich als Motiv zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion (von 1300 Euro an).

Fotografien mit surrealem Charakter

Axel Hütte war im Wald, hat stille Weiher gesucht, deren glattes Wasser Bäume und Himmel reflektiert, fast wie blanke Spiegel. Hütte drehte die analog fotografierten Spiegelungen um 180 Grad - also tragen die Bäume ihre Krone wieder oben, aber über allem liegen geheimnisvolle Schleier. Ausgebreitet hat sie ein minimales Beben der Wasseroberfläche, schwimmende Schneeschmelze, flottierender Blütenstaub, Laubreste. Sehnsuchtsbilder von wahrhaft grandioser Schönheit ergeben diese Naturausschnitte, die Hütte „fiktive Traumbilder“ nennt: Sie entführen durch ihre Unschärfe ins innere Labyrinth der Imagination. „Towards the wood“ heißt diese jüngste Werkgruppe des Becher-Schülers; sie feiert in der Galerie Ruzicska Premiere. (Die C-Prints/Diasecs, Auflage je 4, kosten 29 500 bis 40.000 Euro).

Einen krassen Gegensatz zu Hüttes Romantik stellen die Arbeiten von Beate Gütschow dar. Die 1970 geborene Berliner Künstlerin gibt im Fotohof ihr Österreich-Debüt mit neuen Beispielen ihrer digitalen Bilderfindungen. Was machen ein schwarzer Motorradhelm, ein weißes Regal und ein kleines Treppenmodell nebeneinander auf dem Tresen? Wer bei derartigen Arrangements unwillkürlich an die berühmte Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Seziertisch denkt, liegt gar nicht so falsch: Gütschows am Computer inszenierte Innenräume im kühlen Schein der Lightboxes eignet durchaus surrealer Charakter, nur scheint ihr dokumentarischer Anschein erst einmal das Gegenteil zu behaupten (von 8000 Euro an).

Fauvismus und die deutschen Expressionisten

In einem der schönsten Palais am Mozartplatz erwarten den Besucher bei Salis & Vertes große Meister der Klassischen Moderne in Museumsqualität. Vor fast genau neunzig Jahren bot die Galerie Bernheim-Jeune in Paris eine kleine, soeben von Henri Matisse gemalte Meeresbucht mit Möwenschwarm an: Jetzt sind „Les mouettes“ erneut auf der Suche nach einem Zuhause - und mit einem Preis von mehr als einer Million Euro das wertvollste Bild im Raum. Wie stets verneigt sich die Sommerausstellung der Galerie vor Frankreich als Geburtsstätte zentraler Tendenzen der Moderne.

Fauvismus vom Feinsten gibt Raoul Dufys 1909/1910 entstandenes „Village à travers les arbres“ ab, das förmlich die Sonne gespeichert hat, auch dies ein Millionenobjekt. Günstiger wäre ein „Rythme coloré“ zu haben, den Sonja Delaunay, die große Protagonistin abstrakter Malerei, auf Karton gouachierte; er kostet 65.000 Euro. Dass auch der deutsche Expressionismus hier nie zu kurz kommt, unterstreichen Arbeiten von Nolde, Kirchner und Jawlensky, dazu Pechsteins ungewöhnliche und hübsche Gouache-Skizze mit vier Frauenakten in Rot und Gelb von 1910 (95.000 Euro).

Außenseiter im Mittepunkt

Fast wäre alles auf dem Müll gelandet, was der „Hofmaler von Österreich, Italien und Siam“ in den Irrenanstalten malte, in denen er vierzehn Lebensjahre bis zu seinem Tod 1917 verbrachte. Nur ein Zufall rettete die Arbeiten des gelernten Porzellanmalers aus Wien, der detailgenau Mitpatienten und Alltag in den Anstalten schilderte, in denen es aus seiner Perspektive friedlich und menschlich zuging; sogar die „guten Speisen“ überliefert er uns und hat das meiste ausführlich beschriftet (von 2200 bis 8800 Euro).

Die Galerie Altnöder stellt Rädler ins Zentrum einer Ausstellung von Kunst, die Psychiatriepatienten wie die Art-Brut-Berühmtheiten aus Gugging schufen, und präsentiert Außenseiter wie Kurt Hüpfner, dessen Terrakottaplastiken einen phantastischen, buchstäblich wahnwitzigen Ideenreichtum offenbaren (von 1100 Euro an).

Zuletzt noch der Hinweis auf eine Vernissage: Die Wiener Galerie Heike Curtze - sie gastiert während der Festspiele vis-à-vis vom Großen Festspielhaus in ihrem Stammquartier im Rückgebäude der Kollegienkirche - eröffnet eine erlesene Auswahl an Radierungen, die der österreichische Künstlerstar Arnulf Rainer einem seiner großen Themen widmete, dem Kreuz.

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