14.08.2011 · Das hat längst Tradition: Zur Festspielzeit geben auch die Galerien der Stadt ihr Bestes. Es gibt Gipfelsturm, Informel und Chrom.
Von Brita SachsEin Kinderstreichquartett, Durchschnittsalter etwa zwölf Jahre, hat sich im Mirabellgarten aufgebaut und spielt beherzt sein klassisches Repertoire. Die begeisterten Spaziergänger bilden Trauben und lassen sich nicht lumpen: Es scheppern reichlich Münzen in den offenen Geigenkasten. Das ist eines von vielen kleinen Beispielen, wie bunt und entspannt es während der Festspiele in Salzburg zugeht, wenn die Stadt in diesen Wochen ihre Gäste besonders umschmeichelt.
Schöner Brauch will es, dass Museen und Kunstgalerien jetzt mit Festspiel-Ausstellungen ihre Jahresbestleistungen bringen. Ausgerechnet das Highlight der Saison, geradezu ein Gipfelsturm, erwartet seine Besucher in der Vilniusstraße, wo statt Altstadtflair der Charme des Gewerbegebiets herrscht. Dort zeigt Salzburgs führender Galerist Thaddaeus Ropac in seiner Halle für die ganz großen Formate Anselm Kiefers neuen Werkblock "Alkahest". Gewaltige Gebirgsmassive, rauh und schroff wie uralte Helden, erstrecken sich auf sechs Meter breiten Leinwänden. Zerklüftetes Urgestein aus der Distanz, ist das, nah betrachtet, die Königsdisziplin der Farbmassenbeherrschung. Kiefer pinxit. Alkahest - ein fiktives Wunschmittel der Alchemisten, das jeden Stoff, auch Gestein und Gold, zu lösen vermag - steht bei Kiefer für transformatorische Energien. Gebirge unterliegen ihnen, wenn das stete Wasser sie erodiert, Sedimente zum Meer trägt, Stein zu Sand zermalmt. Kiefer schüttet Wasser auf seine Bilder, in welchem er Farbe auflöst, gibt sie damit Verwandlungen preis, die mit Inhalten korrespondieren, die von Geschichte durchtränkt und von Mythen durchwebt sind (Bis 24. September. - Die Großformate kosten von 500 000 bis 950 000 Euro. Kleinere Formate, die in der Galerie Ropac am Mirabellplatz hängen, kosten von 150 000 bis 200 000 Euro.)
Hinter dem atmosphärischen Schleier
Als Meisterin des kleinen Formats erweist sich die 1983 geborene Julia Maurer. Ulrike Reinerts UBR Galerie stellt die junge Wienerin vor. Eine Wand hat Maurer mit Gedächtnisprotokollen bepflastert, die sie abends in Ringblöcke zeichnet. Aus den Wahrnehmungen des Tags filtert der zeitliche Abstand als nachhaltig Empfundenes und bildet daraus Kokons: Nachtschwarze Schraffuren hüllen weich ihren zarten Menschenkern, oder heller Grund trennt Personen und kleine Begebenheiten weiträumig vom Rest der Welt (je 180 Euro). Auf der Leinwand richtet die Künstlerin ihren Figuren einsame Bildbühnen ein; da schwingt ein Paar im Tanz die Peitschen oder zwei dunkle Jäger, vielleicht maskierte Cowboys, halten auf der Graslandkuppe inne. Julia Maurer schafft traumähnliche Sphären, wo atmosphärische Schleier in vieltonigem Weiß oder undurchdringliches Schwarz Realität ausblenden und Seelenräume öffnen (Bis 3. September. Preise von 280 bis 1200 Euro).
Markus Prachensky, eine Kultfigur des österreichischen Informel, gründete zusammen mit Arnulf Rainer, Wolfgang Hollegha und Josef Mikl die vom Kunst-Monsignore Otto Mauer geförderte "Gruppe Galerie St. Stephan". Früh machte Prachensky mit Malaktionen von sich reden, die er 1959 als allererster, noch vor Hermann Nitschs "Schüttbild"- Auftritten, mit fließender Farbe veranstaltete. Vitales Rot vor allem hieb und drückte er unter Einsatz von Kraftgesten auf die Leinwand, dass die Farbe nur so spritzte und troff. Doch - entgegen allen Anscheins - genehmigte er sich keine unkontrollierten Eruptionen; alles bleibe unter seiner Aufsicht, so erklärte er, "die Eigenmächtigkeit der Farbe und das Zufällige am Ergebnis". Die Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie Welz hat Markus Prachensky nicht mehr erlebt. Sie ist nun, nach dem Tod des neunundsiebzig Jahre alten Künstlers jüngst im Juli, unvermutet zur Gedächtnisschau geworden. Letzte große Bildgruppen wie "Korsika Bebop" oder "Farnesina Dixie" beweisen seine ungeschwächte Dynamik, und, wie schon immer, klingen in Prachenskys Titeln die Inspirationsquellen an: Reisen und Musik brachten ihn in Fahrt, ein Leben lang. (Bis 3. September. Preise für Werke in Acryl auf Leinwand von 29 000 bis 42 000 Euro, für Arbeiten in Acryl auf Bütten 7500 Euro.)
Immer wieder neu erfunden
Schräg gegenüber der Galerie Welz zeigt die Galerie Altnöder elf Österreicher, die gerade mal auf die Welt kamen, als Markus Prachensky und seine Avantgarde-Freunde ins Wiener Kunstgeschehen eingriffen. Das taten freilich auch diese jüngeren, sämtlich um das Jahr 1951 herum Geborenen: In den Achtzigern überstimmten sie als "Neue Wilde" malgierig die herrschende Minimalkunst. Wo sie heute stehen zeigt die Ausstellung bei Altnöder: "Wild" malt keiner mehr, doch die Figuration überwiegt noch immer. Hubert Schmalix konzentriert sich auf weibliche Akte und äugt dabei auf Vorbilder in der Kunstgeschichte. Ständig neu erfindet sich der freche, virtuose Siegfried Anzinger und testet dabei unseren Humor. Als Zeitkritiker mit Hang zum Detail schuf Alois Mosbacher in akribischer Kreide-Öl-Technik einen großformatigen Garten "Eden" - ein Müllparadies nur mehr für Schafe. Einzig Erwin Bohatsch wechselte zur Abstraktion in dieser Runde, die unter anderen auch Johanna Kandl, Lois Weinberger, Franz West und Erwin Wurm zu Wort kommen lässt. (Bis 17. September.)
Zur starken Präsenz österreichischer Künstler trägt in Salzburg die Wiener Galerie Heike Curtze bei, die ihr Sommerdomizil gegenüber vom Großen Festspielhaus mit Tomaks "Ecce Machina" bespielt, einer vielteiligen gezeichneten Autobiographie. Man darf Tomak getrost einen manischen, um die eigene Person kreisenden Zeichner nennen. Sein Porträt verquickt er untrennbar mit anatomischen Skizzen, mit privater Symbolik und Text. Neu sind überlebensgroße Plastiken nach 3D-Scans vom Kopf des Künstlers - und von ihm selbst mit der Motorsäge verfremdet. (Bis 30. August. Ein vierteiliger Zeichnungszyklus kostet 17 400 Euro, Kopfskulpturen 25 000 Euro.)
Rückzugsorte in extremen Situationen
Beinah schon exotisch zwischen all der Zeitgenossenschaft wirken die Meister der Klassischen Moderne bei Salis & Vertes am Mozartplatz. Dabei sind sie Maßstab, sind Wonne und feiner Genuss. Unter den Großen nochmals hervorstechend: Picasso mit "La fenêtre de l'atelier", gemalt am 15. Juni 1958 als eine Ode an die Farbfreude und wie eine Hommage an Henri Matisse (mehr als zwei Millionen Euro). Hinreißend ist auch Jawlenskys blauhaltige "Wasserburger Landschaft" von 1907 (1,45 Millionen Euro) oder die "Wäscherin mit Kind", die sein Blauer-Reiter-Freund Franz Marc um 1910 malte, als habe er soeben Daumier bewundern gelernt (1,485 Millionen Euro). (Bis 31. August.)
Die Mario Mauroners MAM Galerie inszenierte an ihren beiden Standorten, im Hof der Residenz und im Galeriehaus am Ignaz-Rieder-Kai, die Ausstellung "Defiant Garden". Den Begriff für individuelle Rückzugsorte in Extremsituationen - für Gärtchen, die Soldaten oder Gefangene als Trost- und Hoffnungsstätten anlegen und sei es unterm Stacheldraht - überträgt Mauroner auf die Position des Künstlers in seiner Entscheidungseinsamkeit, "seiner Opposition gegen den Mainstream". Der leicht forcierte Vergleich schafft weiten Spielraum für eine Gruppenschau von etwa dreißig Malern, Bildhauern, Licht- und Installationskünstlern, die fast alle gern Geschichten erzählen: zum Beispiel der international gefragte Franzose Bruno Peinado, Jahrgang 1970, der aus multiplen kulturellen Zusammenhängen Zeichen pickt, um sie miteinander zu konfrontieren; so überfließt den Riesen-Liebesapfel in "Love long distance" statt rotem Zucker ein faltiges Totenschädelgesicht (39 600 Euro). (Bis 3. September.)
Neben dieser Form von Üppigkeit wirken Gerold Millers Wandobjekte bei Nikolaus Ruzicska wie eine Entschlackungsdiät. Der Zufall hat im Werk des 1961 in Berlin geborenen Künstlers keine Chance. Minimalistisch klar, geometrisch streng, industriell lackiert und mit ChromFinish versehen, erstrahlen die popfarbenen Stücke in reinem Perfektionismus. Man stellt sie sich im Raumschiff von Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" als idealen Dekor vor. (Bis 30. August. Die Unikate kosten von 6000 bis 80 000 Euro.)
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.364,39 | −0,33% |
| Dow Jones | 12.393,50 | −0,21% |
| EUR/USD | 1,2351 | −0,08% |
| Rohöl Brent Crude | 101,58 $ | −0,04% |
| Gold | 1.558,00 $ | +1,17% |