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Fotografie Die Kunst des Ausschnitts

07.01.2008 ·  Bei Sprüth Magers in London behauptet die Ware Kunst ihre poetische Seite. Die aktuellen Fotografien der Amerikanerin Louise Lawler verbinden, was so in Kunstsammlungen zusammen nicht zwingend zusammenhängt. Kamen sich Andy Warhol und Gerhard Richter je näher?

Von Jörn Ebner, London
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Die Kante des Gemäldes von Robert Ryman wirft einen leichten Schatten. Aus der Distanz betrachtet, ist sein Bild mit regelmäßigen, pastosen Pinselspuren nur eine durch die Schattenlinie getrennte Fläche im minimalistischen Ensemble auf Louise Lawlers Fotografie. Die senkrechte Gerade flankiert ein amorphes Gebilde. „Africain, Américain (Parisien)“ konstatiert Lawler im Titel des Werks, das die Galerie Sprüth Magers in London für 40.000 Dollar feilbietet, und bezieht sich dabei wohl auf den Eigentümer des Ryman-Werks und dessen sammlerische Leidenschaften. Vielleicht aber meint das in Klammern nachgeschobene „Parisien“ auch gar nicht den Menschen, der sich diese schönen Dinge in seinem Appartement eingerichtet hat, sondern den mondänen Lampenschirm, der unten ins Bild kriecht.

Lawlers Konzept ist in den vergangenen dreißig Jahren konstant geblieben: Sie fotografiert Kunstwerke im Kontext ihrer Kollektionen, in den privaten Häusern ihrer Sammler. In der Londoner Ausstellung „Where is the nearest camera?“ witzelt Louise Lawler gleich noch ein weiteres Mal über Rymans durchweg reduzierte Titelwahl: Die 1947 geborene Künstlerin zeigt in ihrem Werk „As of yet Untitled“ (25.000 Dollar) aus dem Jahr 2007 in einem Bildausschnitt eines der zurückhaltenden Gemälde Rymans in Kombination mit einer traditionellen afrikanischen Maske. Zum Verkauf dargebotene Waren profitieren im Allgemeinen von der Art und Weise, wie sie präsentiert werden.

Wo leuchtende Sterne kreisen

Besonders in der hinter uns liegenden Adventszeit steigert sich dann die Dekorationslust: Es leuchten die Weihnachtssterne und glühen die Nikolause. Um dem nicht nachzustehen, hat Lawler im vorderen Raum der Galerie eine Lampe aufgebaut, die mit sachter Regelmäßigkeit Schneesterne auf schwarz getünchte Wände und ihre Fotografien wirft: ein belustigter Kommentar zur Warenwelt, die schon seit den achtziger Jahren Objekt ihrer künstlerischen Arbeit ist und zu der sie ja selbst auch irgendwie ihren Beitrag leistet. So auch auf ihrem Foto „Two (Not final Title)“ aus dem Jahr 2007, das die Verkaufspräsentation eines Londoner Auktionshauses zeigt: Bilderrahmen spiegeln sich in dem polierten Boden, während in Donald-Judd-Skulpturen das Raumlicht reflektiert (70.000 Dollar).

Der Ausstellungstitel ruft dabei nur scheinbar naiv: „Wo ist die nächste Kamera?“ Denn Louise Lawlers Fotos funktionieren nicht als Dokumentationen: Für zwei Arbeiten mit dem Titel „Life after 1945“ arrangierte die Fotografin das Gemälde „Herr Heyde“ von Gerhard Richter, das die Festnahme des tief ins Euthanasieprogramm verstrickten Arztes im Jahr 1959 zeigt, mit Andy-Warhol-Porträts von Jackie Onassis (40.000 Dollar). Dann kombiniert sie eine Unbekannte mit Marilyn Monroe (60.000 Dollar). In den Konsumtempeln der Kunst, so will es Lawler offenbaren, sind alle gleich: Nationalsozialisten, Boulevardstar oder Frau von nebenan.

Quelle: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4 / Seite 43
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