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Enthüllungen und Entdeckungen Aus dem Reich der verbotenen Bilder

12.02.2009 ·  Charles Saatchi zeigt in seiner Galerie in Chelsea Künstler aus dem Nahen Osten. Wirksam zerstreut die Londoner Schau gängige Vorstellungen - ein Blick in die neuen Räume.

Von Gina Thomas, London
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Charles Saatchi mag es gern groß, kühn und unverblümt. Das gilt für die britischen Wilden, die er aus der Wiege gehoben hat, ebenso wie für die Künstler aus dem Nahen Osten, denen der gebürtige Iraker die zweite Schau in seinem neuen Domizil in Chelsea widmet. „Unveiled: New Art from the Middle East“ spielt mit dem Doppelsinn des englischen Wortes für „enthüllt“.

Der Sammler macht eine Kunst sichtbar, mit der das breite Publikum im Westen noch nicht vertraut ist; die Künstler heben den Schleier, hinter dem sich die islamische Welt verbirgt. Mit bisweilen ausgesprochen provozierenden figürlichen Darstellungen widerlegen sie die häufige Fehlannahme eines absoluten Bilderverbots: Selbst dort, wo der Fundamentalismus herrscht, löcken Künstler gegen den Stachel - in Teheran etwa, wo Ramin Haerizadeh in der Serie „Die Männer Allahs“ digitale Kollagen lasziven und satirischen Inhalts herstellt, die in Iran nicht öffentlich gezeigt werden dürfen.

Auf Distanz zur Staatsmoral

Auf altpersische Motive zurückgreifend und zugleich auf Matisse anspielend, erstellt der Künstler mit verzerrten Selbstaufnahmen anzügliche Bildmontagen bärtiger Odalisken mit haarigen Wampen. Die ironisch-dekadenten Szenen nehmen die Sittenmoral des iranischen Regimes ebenso auf die Schippe wie Shirin Fakhims plumpe „Teheraner Prostituierten“.

Diese grotesk ausgestopften Puppen mit ihren gespreizten Beinen, Stöckelstiefeln, Melonenbrüsten und genähten Geschlechtsteilen sind den derben Installationen, mit denen Sarah Lucas sexuelle Stereotypen befragt, eindeutig nachempfunden und streben nach demselben Schockeffekt. Angesichts der strengen religiösen Gesetze fassen manche Iranerinnen die Arbeit in der Sexindustrie sogar als Akt des Protests auf, erläutert der Katalog.

Frauen in der Nebenrolle

Die untergeordnete Rolle der Frau in der islamischen Kultur gehört zu den Hauptmotiven dieser Auswahl. Auf der großflächigen Leinwand „Typische iranische Hochzeit“ stellt Rokni Haerizadeh, der jüngere Brüder Ramins, der sparsamen Tafel der Frauen das ausschweifende Gelage der männlichen Gäste gegenüber. Und am Kaspischen Meer tollen die Männer in der Badehose herum, während die mit Burkas verhüllten Frauen ihnen das Picknick servieren. Die als Diptychon angelegte Komposition mit den flüssigen, schnellen Pinselstrichen eines Dufy hebt diese Kluft hervor.

Auch die Installation „Ghost“ des algerisch-französischen Künstlers Kader Attia verweist auf die Behandlung der Frau im fundamentalistischen Islam. Beim Betreten der Galerie sieht man die Rückenansicht Hunderter in den Tschador gehüllter Figuren beim Gebet. Von vorne gesehen, entpuppen sich die gekrümmten Frauen als gesichtslose Schalen aus Silberfolie. Das häusliche Wegwerfmaterial, mit dem er die lebenden Modelle abgeformt hat, dient Attia als Sinnbild für das Rollenklischee.

Eine Stadt in Splittern

Die politische Dimension der Kunst aus dem Krisengebiet wird gleich zu Beginn unterstrichen. Das erste Werk ist Marwan Rechmaouis „Beirut Caoutchouc“, ein fast 56 Quadratmeter messender Gummiteppich mit dem Prägedruck des Stadtplans seiner Heimat. Das Exponat ist wie ein Puzzle aus sechzig Teilen zusammengesetzt, die den fragmentierten Charakter der kriegsgeschundenen Stadt darstellen sollen. Der Palästinenser Wafa Hourani stellt sich in seinem Pappmodell einer armseligen Siedlung vor, dass sich auch hundert Jahre nach dem Sechstagekrieg von 1967 nichts verändert haben wird.

In seinen mit Symbolen überlaufenden Leinwänden greift der gebürtige Iraker Ahmed Alsoudani auf Vorbilder von Goya bis Guston zurück, um die Schrecken des Krieges darzustellen, während sein Landsmann Halim Al-Karim seine Erfahrung des ersten Golfkrieges, in dem er sich drei Jahre lang in einem Erdloch versteckt hielt, in traumähnlich verzerrte fotografische Motive umsetzt.

Der Mann im Kuchen

Die in Amsterdam lebende Iranerin Tala Madani wählt in ihren großformatigen Ölgemälden einen comichaft reduzierten Stil für ihre Darstellungen des Terrors. Der sarkastische Humor kommt auch in den kleineren expressionistischeren Leinwänden zum Ausdruck, in denen sie Kuchen zum skurrilen Emblem des männlichen Egos erhebt.

Sara Rahbars Werk „Flag 19 - Memories Without Recollation“ ist eine lumpige amerikanische Fahne aus persischen Stofffetzen und prangert die amerikanische Politik in ihrer Region an. Unfreiwillig macht das Werk allerdings auch das Problem der Ausstellung sichtbar: Die Künstler orientieren sich ganz am Westen und entlarven sich damit als willige Vollstrecker einer Ästhetik, die sich viel erfolgreicher durchsetzt als das Militär oder die Diplomatie.

Unveiled: New Art from the Middle East. Saatchi Gallery London, bis 6. Mai.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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