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Design und Kunst Kraft einer Visionärin

09.01.2008 ·  Die Pariser Galerie Historismus ehrt die Architektin und Designerin Eileen Gray mit einer Ausstellung. Viele Zeichnungen, Entwürfe und Fotografien der gebürtigen Irin sind dort zum ersten Mal öffentlich zu sehen.

Von Angelika Heinick, Paris
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Auf Auktionen erzielen ihre Lackmöbel Millionenpreise, wie vor zwei Jahren, als im Pariser Drouot ein „Fauteuil à la Sirène“ zum Rekordpreis von 1,5 Millionen Euro zugeschlagen wurde. Ihr „Bibendum“-Sessel aus U-förmigen Polstern und Metallröhren gehört zu den Klassikern modernen Mobiliars. Die irische Architektin und Designerin Eileen Gray hat sich als vollendete Lackkünstlerin mit dem Luxus des Art déco so gut einen Namen gemacht wie durch ihren Beitrag zum Modernismus, ihr vielgestaltiges Werk hat sie zur kaum definierbaren Künstlerpersönlichkeit gemacht.

Einen nahezu unbekannten Aspekt ihres Schaffens offenbart derzeit die Pariser Galerie Historismus: Sie zeigt unter dem nüchternen Titel „OEuvres sur papier/Works on paper“ sechzig Zeichnungen, Collagen und Fotografien der Jahre 1918 bis etwa 1950. Bis auf einige, vor zwei Jahren im Design Museum in London gezeigte Gouachen waren diese Arbeiten noch nie öffentlich ausgestellt. Das Konvolut stammt aus dem Besitz von Grays Freund und Biograph Peter Adam. Es handelt sich um ein Ensemble aus Entwürfen für Teppiche und persönliche Arbeiten, die ein visionäres Gespür für spätere ästhetische Entwicklungen spiegeln.

Design als Lebensaufgabe

Die Zeichnungen verweisen auf die Anfänge der Ausbildung Eileen Grays, die 1898 mit zwanzig Jahren an der Slade School of Fine Art in London das Studium der Malerei begann. Wenige Jahre später trat sie bei dem japanischen Lackmeister Sugawara in Paris eine Lehre an, und 1913 erregte sie in der „Société des Artistes Décorateurs“ in Paris Aufsehen mit Lackobjekten. Der Auftrag des Modeschöpfers Jacques Doucet zur Ausstattung seiner Wohnung war der Beginn ihrer Karriere als Designerin luxuriöser Interieurs. Während die Vertreter des französischen Art déco, Ruhlmann oder Rateau, der jahrhundertealten Tradition des Kunsthandwerks verhaftet blieben, wandte sich Gray zu Beginn der zwanziger Jahre den funktionalen Formen des modernen Designs zu und begeisterte sich für die Schöpfungen Gerrit Rietvelds, der De-Stijl-Gruppe oder des Bauhaus.

Die von ihr und dem Architekturkritiker Jean Badovici 1925 bis 1929 in Roquebrune-Cap-Martin erbaute und möblierte Villa „E1027“ liefert eigenwillige Interpretationen der von Le Corbusier aufgestellten Prinzipien. Eileen Gray gehörte zeitlebens keiner Gruppe oder Bewegung an. Die Aufnahmen, die Berenice Abbott Ende der zwanziger Jahre von ihr machte, zeigen das Profil einer scheuen, aber künstlerisch kompromisslosen Persönlichkeit, die dank ihres Familienvermögens und einer bescheidenen Lebensführung nicht auf die Einkünfte aus ihrer Arbeit angewiesen war. Die in drei kleinen Pavillons ausgestellten Zeichnungen und Collagen bestechen durch ihre scheinbare Leichtigkeit - Versuche und vollendete Kunstwerke zugleich. Mit Ausnahme einiger Teppichentwürfe der zwanziger Jahren sind die Arbeiten selten genau datiert.

Meisterin ohne festen Stil

Da wecken die drei Entwürfe von „Marine d'Abord“ mit Tusche oder Gouache anhand von Kreisen, Linien und Wellen die Vorstellung einer Seereise. Bei den Teppichentwürfen „Centimeter“ von 1926/ 1929, und „L'Art Noir“ von 1922 denke man doch unweigerlich an die spätere Verwendung von Zahlen und Zielscheiben in der Pop-Art, bei Jasper Johns etwa, begeistert sich Roberto Polo, der künstlerische Leiter der Galerie. Im folgenden Jahrzehnt wichen die strengen geometrischen Linien fließenden Zufallsformen - wie auf der Pastell- und Gouachezeichnung „Map“: eine imaginäre, eine bleiche Sonne umkreisende Landschaft. In den vierziger Jahren nähert sich Gray der Figuration an - „Cage“ heißt eine an Francis Bacon gemahnende Gouache.

Die Preise für die Papierarbeiten liegen zwischen 12.000 und 120.000 Euro. Für die Fotografien der zwanziger Jahre, die Peter Adam als „Tablescapes“ bezeichnete, sind jeweils 60.000 Euro anzulegen: Diese mit wenigen einfachen Objekten inszenierten und gekonnt beleuchteten „Tischlandschaften“ in Schwarzweiß belegen, dass Eileen Gray die künstlerischen Ausdrucksformen ihres Jahrhunderts in Perfektion beherrschte - sie jedoch nicht weiterverfolgte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 51
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