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Colnaghi-Jubiläum Am Anfang war die Pyrotechnik

 ·  Die älteste Kunsthandlung der Welt wird in diesem Jahr richtig alt: Seit einem Vierteljahrtausend gibt es Colnaghi jetzt. Ihre Erfolgsgeschichte beginnt in Paris mit Feuerwerk.

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Charles Dickens' Mr Micawber ist der Inbegriff von unverantwortlicher Zuversicht. Stets verschuldet, lebt diese sympathische Figur aus „David Copperfield“ nach der Maxime, dass sich schon etwas finden werde, um die Familie vor dem Ruin zu bewahren. Something will turn up ist zum stehenden Ausdruck geworden. Benjamin Disraeli meinte sogar - im Bezug auf die Neigung der britischen Politik, sich durchzuwursteln, statt einem Generalplan zu folgen -, Micawbers Devise sei so etwas wie ein nationales Motto.

Fast genauso bekannt ist der Refrain von Mr Micawbers schwer geprüfter Frau, dass sie ihren Mann nie im Stich lassen werde, obwohl sie ihm zaghaft klarzumachen versucht, dass sich die Dinge nicht von selbst wieder richten. Die Leser der satirischen Zeitschrift „Punch“ werden die Anspielung auf Dickens sofort verstanden haben, als sie in der Ausgabe vom 7. Juni 1909 die Karikatur mit dem rundlichen Micawber sahen, der dort verschmilzt mit John Bull, der Personifikation Britanniens.

Die Frau an seiner Seite stellt Holbeins Christina von Dänemark, Herzogin von Mailand, dar. Sie werde Mr. Bull, niemals verlassen, ruft sie melodramatisch. Über dem Paar steht eine Abwandlung von Micawbers Losung: „Something has turned up“. Mit dem something war die anonyme Schenkung gemeint, die das lebensgroße Holbein-Gemälde aus der Sammlung des Herzogs von Norfolk vor der Ausfuhr in die Vereinigten Staaten bewahrte und in sichere Obhut der National Gallery übergab.

Wenige Wochen zuvor hatte „Punch“ eine Karikatur veröffentlicht, auf der ein finstrer Uncle Sam, John Bulls amerikanisches Gegenstück, Christina aus ihrem Rahmen zerrt, um sie mit dem Dampfer über den Atlantik zu entführen. Die Nachricht, dass die Londoner Kunsthandlung Colnaghi das Bild an den amerikanischen Koks- und Stahlmillionär Henry Clay Frick verkauft hatte, rief patriotische Empörung in England hervor, zumal das Bildnis viele Jahre als Leihgabe in der National Gallery zu sehen gewesen war.

Die „New York Times“ berichtete von dem Zorn, der sich auf die profitgierigen Händler und den Herzog entlud. Ihr Londoner Korrespondent bezweifelte, dass es dem soeben zum Zwecke der Erhaltung von Kunstwerken von nationaler Bedeutung gegründeten National Arts Collection Fund gelingen werde, 70.000 Pfund aufzubringen.

Gegründet von einem Pyrotechniker

Doch dann telegraphierte eine „ungenannte britische Dame“ von einem deutschen Kurort aus, dass sie die fehlenden 40.000 Pfund begleichen wolle. Ihr Name ist bis heute geheim geblieben. Er wird in einem versiegelten Umschlag bewahrt, den der jeweilige Vorsitzende der inzwischen in Art Fund umbenannten Organisation an seinen Nachfolger weitergibt: eine symbolische Erinnerung daran, dass sich - gemäß Micawbers Losung - schon etwas finden werde, aus der Vorsitzende immer wieder Mut geschöpft haben mögen, stand Holbeins Christina von Dänemark doch am Anfang zahlreicher Bemühungen, dem Verlust kulturhistorisch wichtiger Kunstwerke entgegenzuwirken.

Als der Verkauf der „Christina“ 1909 über die Bühne ging, bestand die Firma Colnaghi schon fast 150 Jahre. Sie datiert ihre Gründung auf das Jahr 1760 und rühmt sich heute, da sie ihr 250. Jubiläum feiert, die älteste Kunsthandlung der Welt zu sein. Allerdings hatte das Pariser Geschäft, auf das Colnaghi seine Ursprünge zurückführt, wenig mit der edlen clubähnlichen Atmosphäre der jetzigen Galerie an der Londoner Bond Street gemein. Der Firmengründer Giovanni Battista Torre war ein Pyrotechniker, der unter anderen spektakuläre Feuerwerke für die Hochzeit Marie-Antoinettes mit dem künftigen Ludwig XVI. und für Georg III. ausrichtete. In seinem Laden, dem „Cabinet de Physique Expérimentale“, führte er Barometer und andere wissenschaftliche Geräte, aber auch Bücher und Stiche.

Früh handelt Colnaghi mit Fotografie

Torres auf Drucke spezialisierter Sohn führte das Geschäft weiter und stellte in Paris auf Empfehlung von Benjamin Franklin den kürzlich aus Mailand zugereisten Paul Peter Colnaghi ein, der kurz darauf die Leitung des Londoner Ladens übernahm und später seinen Sohn Dominic hinzuzog. Aus diversen geschäftlichen Verbindungen ging schließlich die Druckhandlung P. & D. Colnaghi hervor. Sie wusste ihr Angebot dem Geschmack des Markts anzupassen, genoss mit der Serie „Cries of London“ großen kommerziellen Erfolg und befriedigte die Nachfrage nach Ansichten und graphischen Reprodukionen von Gemälden und nach Stichen und Lithographien britischer Feldzüge. Colnaghi öffnete sich Mitte des 19. Jahrhunderts auch dem Handel mit der blutjungen Kunst der Fotografie. Roger Fenton und Julia Margaret Cameron gehörten zu den Künstlern, deren Werke die Galerie verkaufte.

Der Ruf als eine der führenden Gemäldehandlungen wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gefestigt, vor allem durch Otto Gutekunst, einen gebürtigen Stuttgarter, der dem Haus Colnaghi 1894 als ausgewiesener Graphik- und Zeichnungshändler beitrat. Wie Jeremy Howard, der Haushistoriker von Colnaghi, in einem Jubiläumsband zur Firmengeschichte schildert, waren Gutekunsts Diplomatie, seine Kenntnisse und die Verbindungen, die er unter anderem zu Wilhelm von Bode und zu dem Kunsthistoriker Bernard Berenson pflegte, ausschlaggebend für die Erfolge auf dem Altmeister-Markt in der sogenannten „goldenen Ära“ des Kunsthandels.

Isabella Stewart Gardner zählt zur Stammkundschaft

In jenen Jahren des amerikanischen Booms profitierte er von einer fruchtbaren Fügung: Der durch die landwirtschaftliche Rezession und neu eingeführten Erbschaftsteuer doppelt geschlagene britische Adel brauchte Liquidität just in dem Moment, als amerikanische Industrielle mit ihrem frisch errungenen Reichtum Kultur und Ansehen erwerben wollten.

Im Nachhinein erstaunt es, dass Colnaghi nicht öfter ins Kreuzfeuer der Kritik geriet, blickt man auf die Liste der Meisterwerke, die durch die Vermittlung der renommierten Handlung aus britischem Besitz in ausländische Sammlungen gelangten: das späte Selbstporträt des kostümierten Rembrandt und Giovanni Bellinis „Heiliger Franziskus in der Wüste“, die heute zu den Juwelen der Frick Collection in New York zählen; Vermeers „Das Glas Wein“, Rembrandts „Der Mennonitenprediger Anslo und seine Frau“ und Piero del Pollaiuolos „Bildnis einer Dame im Profil“, die Wilhelm von Bode neben zahlreichen anderen Werken über Colnaghi für die Berliner Gemäldegalerie kaufte; auch Tizians „Raub der Europa“, die bedeutendste Erwerbung der temperamentvollen Isabella Stewart Gardner. Sie zählte mit Frick und Andrew Mellon zu den wichtigsten Kunden der Galerie, obwohl sie, wie die mit schwungvoller Hand geschriebenen Briefe im reichhaltigen Firmenarchiv belegen, ihre Geschäfte lieber über Berenson abwickelte, der sich als Mittelsmann mit List und Tücke von beiden Seiten großzügig entlohnen ließ.

Fotografie liefert Impulse

In der langen, das Auf und Ab des Kunstmarkts spiegelnden Geschichte von Colnaghi ist bemerkenswert, wie stark der deutsche Beitrag ist - von Gutekunst über den Unternehmer und Sammler Rudolf August Oetker, dem die Firma von 1981 bis 2001 gehörte, bis hin zu den Münchner Händlern Konrad O. Bernheimer und Katrin Bellinger, die seit 2002 die Geschäfte in der Bond Street führen. Während Bernheimer, selbst Kunsthändler der vierten Generation, in der Nachfolge Gutekunsts steht, knüpft Katrin Bellinger an die Tradition von James Byam Shaw und Jean-Luc Baroni an, die Colnaghi im Bereich der Altmeister-Zeichnungen hohes Ansehen verschafften.

Ganz wie der Namensgeber Paul Colnaghi sind auch die jetzigen Inhaber bestrebt, der Firma neue Impulse zu geben, unter anderem durch die Mischung von Alter und zeitgenössischer Kunst. Angesichts der zunehmenden Materialknappheit auf dem Altmeister-Markt müssen Bernheimer und Bellinger sich mitunter an Mr Micawbers Lebensregel halten, dass sich schon etwas finden werde. Wobei sie sich, anders als dieser, an die Ermahnung seiner Frau halten: dass nichts von allein geschieht.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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