03.09.2010 · George Grosz konzentrierte seine harsche Kritk am Militarismus, dem Spießbürger und den Eliten in einem einzigen Bild: „Deutschland, ein Wintermärchen“. Das Gemälde ist verschollen. Jetzt wurde in Düsseldorf eine Vorstudie dazu entdeckt.
Von Magdalena Kröner, DüsseldorfSeit 1933 gilt es als verschollen: George Grosz' bitterböse Allegorie „Deutschland, ein Wintermärchen“. Nun vermelden die Düsseldorfer Galeristen Herbert Remmert und Peter Barth eine „kleine Sensation“: den Fund eines Aquarells, das der Gutachter und Grosz-Spezialist Ralph Jentsch als Vorstudie zum berühmten, im Jahr 1918 entstandenen Gemälde erkannt hat. Im Zentrum sitzt, wie auf dem nur noch durch historischen Reproduktionen bekannten Original, ein einfältiger deutscher Spießbürger mit dicken Backen unter dem gedrehten Schnurrbart am Tisch in seiner Wohnstube.
In seiner Nähe paradieren die „Stützen der Gesellschaft“ - Pfaffe, Militär und Schulmeister. In der Ecke beäugt eine Prostituierte die Szene, von Ferne lodern Fabrikschlote, flackern Neonreklamen. Auch im kleinen Format besticht diese scharf gezeichnete Nahaufnahme deutscher Verfasstheit kurz vor dem Ende des Wilhelminischen Reichs mit ihren stürzenden Linien und der klaustrophobischen Enge, mit der die Dinge zueinander gezwungen werden.
Aus dem Nachlass der Familie Koch
Der gebürtige Berliner George Grosz selbst sagte einst über sein Gemälde, er hätte es „am liebsten als Reproduktionen in allen deutschen Schulen hängend“ gesehen. Doch dazu sollte es nicht kommen: Der Besitzer Wieland Herzfelde, jüngerer Bruder von John Heartfield und Gründer des Malik-Verlages, der von 1916 an Editionen von Grosz publizierte, floh 1933 vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten.
Seitdem wurde das Gemälde nie wieder gesehen; die Forschung sucht bis heute intensiv nach möglichen Verbleiben des Werks; doch auch die Zerstörung des 2,15 mal 1,32 Meter großen Ölbildes kann nicht ausgeschlossen werden. Gefunden haben Herbert Remmert und Peter Barth das 50,8 mal 36 Zentimetern große Aquarell im Sommer im Nachlass der Familie Koch, die in Düsseldorf keine unbekannte ist: Hans Koch, Schwager von Otto Dix (und von diesem eindringlich porträtiert) war Arzt, Kunstsammler und schließlich auch Kunsthändler, der von 1918 bis 1920 eine eigene Galerie im Stadtzentrum führte.
Ein Fund zur rechten Zeit
Koch sammelte neben Dix, Klee und vielen anderen bedeutenden Künstlern auch Grosz. Das „Wintermärchen“-Aquarell, das er aus einem Kommissionskonvolut der Münchener Galerie Golz in sein Haus übernommen hatte, erwarb er schließlich für sich selbst. Nach Kochs Tod 1952 wurden weite Teile seiner hochklassigen Sammlung von der Familie verkauft. Das Grosz-Aquarell aber verschwand in einer Kiste, die sich bei einer Enkelin befand, wo es von den Galeristen im Juli nach neun Jahrzehnten entdeckt wurde.
Für die Düsseldorfer Galeristen kommt der Fund (sein Wert wird im „oberen sechsstelligen Bereich“ angesiedelt) zum idealen Zeitpunkt: Ihr Kunsthandel in der Düsseldorfer Altstadt begeht vom 5. September an sein dreißigjähriges Jubiläum mit einer umfangreichen Ausstellung, in der dann neben Arbeiten von Nolde, Kirchner und Kollwitz auch die „Wintermärchen“-Studie von Grosz zu sehen sein wird.
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