Home
http://www.faz.net/-gz1-6m5p8
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Antiquitätenwochen Reiche Vorräte an Heiligen

 ·  Die Bamberger Antiquitätenhändler zeigen ihre schönsten Stücke. Darunter sind Louis-XVI-Bergèren, ein heiliger Florian mit Wassereimer und ein Tabouret, das ursprünglich für Erzbischof Thun-Hohenstein gefertigt wurde.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Der Bamberger Antiquitäten- und Kunsthandel nutzt den idealen Rahmen seiner wunderschönen Stadt in diesem Sommer erneut für eine mehrwöchige "Leistungsschau". Der Moment ist gut gewählt: Besucher der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele kommen gern auf ein paar Stunden in die Nachbarstadt, und Urlaubsreisende machen Station, um dem ewig schönen und königlichen "Bamberger Reiter" im Dom ihre Reverenz zu erweisen und das größte unversehrt erhaltene Altstadtensemble Europas zu bewundern, dessen Bedeutung die Unesco ja längst als Weltkulturerbe anerkannt hat.

Dort, in der Karolinenstraße und deren unmittelbarer Umgebung, empfangen fünfzehn Händler die Sommergäste. Einer derer, die man regelmäßig auf internationalen Kunstmessen antrifft, wo sie den guten Ruf und Radius des Bamberger Handels erweitern, ist Christian Eduard Franke, ein protestantischer Wahl-Bamberger mit südlichem Temperament: "Bei uns in der Provinz ist es einfach saugemütlich", so deutet er die Anziehungskraft des sommerlichen Heimspiels. In seinen Räumen herrscht aber eher die Behaglichkeit von bis in den kleinsten Winkel mit Elegantem gefüllten Salons. Nicht nur Barockkommoden stehen hier gleich paarweise, sondern auch zierliche Louis-XVI-Bergèren, Kandelaber und Torcheren oder französische Eckschränke. Der jüngste Neuzugang von höfischer Pracht ist ein Tabouret, angefertigt für den Salzburger Erzbischof Johann Ernst von Thun-Hohenstein gegen Ende des 17. Jahrhunderts, dessen blattversilbertes Familienwappen mitten im üppigen geschnitzten Rollwerk sitzt. 138 000 Euro verlangt man für dieses Möbel, das wohl in der Salzburger Residenz stand. Neben der Treppe zur Beletage wacht in römischer Rüstung der heilige Florian über Haus und Hof: Zum Schutz vor Bränden trägt er seinen Wassereimer bei sich, und eine Standarte hat ihm Johann Meinrad Guggenbichlers Bildhauerwerkstatt auch in die Hand gedrückt (64 500 Euro).

Im roten Wams und Kostüm

Skulptur ist allgegenwärtig in dieser Stadt, deren Dom mit der "Synagoge" und der "Ecclesia" Figuren bewahrt, die zu den großartigsten Schöpfungen deutscher Bildhauerei zählen. Doch auch jede zweite Hausfassade hat ihre Madonna, einen Engel oder Heiligen, und die Kunsthändler halten ihre Vorräte an solchen frommen Gestalten. Bei Wenzel etwa bezwingt der Erzengel Michael den Satan fast im Fluge - die himmlische Phantasie, eine neapolitanische Holzskulptur aus der Zeit um 1750, kostet 19 000 Euro. Die Figur des heiligen Wendelin mit seinen Schafen hingegen zeigt einen ruhigen Franken im roten Wams und Kostüm der Zeit um 1760; damals entstand er, wohl in Bamberg, im Umkreis von Ferdinand Tietz (48 000 Euro). In Walter Sengers Kunsthandlung stehen die Heiligen im mittelalterlichen Gewölbekeller. Ins Auge sticht hier ein in Gold gewandeter Johannes der Evangelist mit schönen Zügen und lockigem Haar, die ihm sein Tiroler Schnitzer um 1510/20 verlieh (230 000 Euro). Bei der Malerei macht Senger den gewaltigen Spagat zwischen einem Marienaltar der Zeit um 1480 - er zeigt viele Szenen und gelangte vor einiger Zeit durch Fürst Moritz zu Oettingen-Wallerstein in den Handel - und Alfons Waldes "Dorfsommer (Oberndorf in Tirol)" von 1938. Das Bild erfordert 380 000 Euro und wurde im vergangenen Winter bei Karl & Faber in München ersteigert.

Bei der erstmals angebotenen Kinderführung durch den Bamberger Kunsthandel zog Senger mit den Kleinen auf Schatzsuche durchs Haus. Ein altes Grammophon spielte "Fuchs, du hast die Gans gestohlen", während er kistenweise alte Schlüssel oder Miniaturparfumflakons hervorzauberte: "Ihr könnt auch ohne Geld sammeln" lautete Lektion eins für den begeisterten Nachwuchs, und der Händler riet, mit dem zu beginnen, was die Großeltern wegwerfen wollen. Ganz ohne Geld geht später zwar nichts voran beim Sammeln, aber auch kleinere Einsätze lohnen: Das Memento Mori in Gestalt eines schlanken Tödleins, 1734 aus Holz gemacht, bemalt und in seinen Sarg gelegt, gibt es bei Mühlberger bereits für 1200 Euro.

Von der Jagd in China

Kleine Raritäten hat auch das "Tassenkabinett" im Programm. Es macht seinem Namen Ehre mit Nymphenburger Tässchen mit Jahreszeitenmotiven, die nicht öfter als zweimal ausgeführt worden sind. Kunstkammerstücke dekorierte das Ehepaar Schmidt-Felderhoff um einen Kabinettschrank mit hellen "Ruinenmarmor"- Einlagen - so genannt wegen der an Architekturen erinnernden Strukturen im Stein. Das böhmische Renaissance-Möbel (um 100 000 Euro) wurde soeben in der eigenen Werkstatt restauriert und prunkt nun neben zwei lebhaften chinesischen Jagdschilderungen aus Kanton, wo im 18. Jahrhundert handgemalte Tapeten für den europäischen Markt produziert wurden (zusammen 70 000 Euro).

Kurz vorm Start der Antiquitätenwochen verkaufte Daniel Becht fast auf einen Schlag sechs Objekte. Schnell füllte er mit einigen unrestaurierten Möbeln aus dem Lager auf, darunter eine frühklassizistische Kommode mit schöner Patina und Signatur des Leipzigers Friedrich Gottlob Hoffmann. Auch eine Rarität blieb ihm vorerst, ein Aufsatzschreibsekretär aus dem ehemaligen Besitz von Kurt Herberts, dem Sammler historischer Lackobjekte und Wohltäter des Museums für Lackkunst in Münster. Das elegante Stück mit allseitig schwingenden Konturen überzieht vollständig eine "Lacca-Povera"-Fassung: Solche "Sparlackdekore" ersetzten gemalte Motive durch sorgfältig kolorierte, auf das Möbel geleimte und schließlich in vielen Schichten klar lackierte Kupferstiche. Als Autor der hier verwendeten Jagd-, Garten- und Landschaftsidyllen wird Paul Decker vorgeschlagen, der von 1707 an für den markgräflichen Hof in Bayreuth arbeitete (160 000 Euro). Aus dieser Stadt stammt auch ein bezauberndes Paar Rokoko-Konsolen, welches seine Scagliola-, also Stuckmarmor-Platten ebenso behalten hat wie Großteile der frischfarbigen Fassung; es kostet bei Härtl 55 000 Euro. Im Sommer des nächsten Jahrs soll sich auch junge Kunst zu Wort melden: In ihrem Prachtpalais an der Regnitz will die internationale Künstlervilla Concordia dann Arbeiten ihrer Stipendiaten ausstellen.

Bis 21. August. Geöffnet von Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, am Samstag von 10 bis 16 Uhr, am Sonntag von 13 bis 17 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel