26.02.2010 · In Moskau blüht die zeitgenössische Kunst, wo einst sowjetischer Wermut abgefüllt wurde. Die wichtigen Galerien der Stadt und des Landes sind dort eingezogen. Sie zeigen mutig Kunst, die keinesfalls bloß wohlgefällig sein will.
Von Kerstin Holm, MoskauMoskau besitzt ein Netz eleganter Schaulokale für zeitgenössische Kunst – die Melnikow-Garage, die ehemalige Schokoladenfabrik „Roter Oktober“, das von Surab Zereteli gegründete Museum samt Filiale –, aber nur ein zentrales Kunstlabor. Die tonangebenden Galerien – XL, Regina, Guelman, Aidan –, die schon Anfang der neunziger Jahre ein leerstehendes Gebäude zum Zentrum für Gegenwartskunst umwidmeten, machen heute die alte Weinkellerei „Vinzavod“ zum obligatorischen Flanierplatz für Beobachter der aktuellen Szene. Auch außerhalb von Großereignissen, wie der Moskauer Kunstbiennale oder der Museumsnacht, zieht das Industriedenkmal Fachbesucher und Neugierige an, die in den Hallen, wo einst sowjetischer Wermut abgefüllt wurde, frische vaterländische Bildwerke goutieren.
Links vom Tor findet man die hochseriöse XL-Galerie, wo noch bis Monatsende prächtige schwarzweiße Reportagefotos von Igor Muchin zu bewundern sind, die demokratische, kommunistische, nationalistische Demonstranten der letzten zwanzig Jahre mitsamt ihren polizeilichen Bewachern verewigen. Stars von XL sind der Schaumstoff-Bildhauer Sergej Schechowzow, der aus Styropor einen fleckigen Geldautomaten, eine berstende korinthische Säule und einen mystisch erleuchteten „Thron“ schuf, und der junge Videokünstler Alexej Buldakow, der in seiner Schattenspiel-Installation „Crash test“ Silhouetten von Raketen und Autos hartnäckig gegen Hochhaustürme oder aufeinander prallen und sich dabei allmählich in Schrott verwandeln lässt.
Eine sehr spezielle Dreifaltigkeit
Hier arbeitet auch der Medienkünstler Aristarch Tschernyschow, dessen Leuchtschriftbänder die russische Antwort auf Jenny Holzer geben. Zu Tschernyschows Hauptwerken gehört die Infoskulptur „Dringend!“ aus dem Jahr 2007, die einen Datenstrom in Schlangenlinien in einen Papierkorb und wieder heraus führt, aber auch die aufklärungskritisch zerrissene Zeichen-Schnellstraße namens „Poetische Ökonomie“ von 2005, die mittels Kabelsalat Börsenkurse in Puschkin-Verse verwandelt. (Alle Preise auf Anfrage bei den Galerien.) Die XL-Direktorin Elena Selina, die große Dame der innovativen Produktion, betont, sie interessiere sich fast nur für Multimedia-Arbeiten. Malerei, wie sie das konservative russische Publikum schätze, komme allenfalls in Frage, wenn sie über sich hinausweise, sagt sie mit hoheitlicher Miene.
Doch auch von ihren Künstlern seien nicht alle Werke ausstellungstauglich: Wenn etwa der Selbstverwandlungsgenius Wladislaw Mamyschew-Monroe, der sich bei XL als „Dreifaltigkeit“ aus Marilyn Monroe, seinem ungeschminkten Ich und Hitler im Spiegel gegenübertrat, neuerdings bei der Jugendgalerie „ArtBerloga“ im Hof schräg gegenüber den neckischen Schwulen spiele, so tue er sich keinen Gefallen, findet sie. Dass russische Künstler heute international Erfolg haben, habe ihnen übrigens weder Vertragstreue noch planmäßigeres Arbeiten anerzogen, verrät Elena Selina auch und raucht dabei angespannt: Versprochene Arbeiten werden noch immer erst in allerletzter Sekunde fertig.
Nackte Literaten und lüsterne Modellen
Auf der rechten Hofseite betritt man zuerst die Galerie von Marat Guelman, der sich stets für politische, freche Kunst starkmachte und aus Skandalen und Gerichtsklagen wie gegen seine Schau „Rossija 2“ gestärkt hervorging. Zu Guelmans Favoriten gehören die sibirische Gruppe der „Blauen Nasen“ mit ihren derben Bildkalauern, der Maler Awdej Ter-Oganjan, der nach einer Ikonen-Zertrümmerungsaktion emigrieren musste, und das Duo Wladimir Dubossarski und Alexander Winogradow mit ihren grellen, von nackten Literaten und lüsternen Modellen bevölkerten Paradiesgärten in Öl.
Da Marat Guelman seit anderthalb Jahren das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Perm leitet, das sich zur alternativen Kulturhauptstadt mausert, führt heute seine Gattin Julia die Moskauer Geschäfte. Der Markt für aktuelle Kunst leide doppelt unter der Krise, sagt Julia Guelman. Die Sammler würden nicht nur ärmer, sondern fürchteten auch die Aggression, die kontroverse Werke in Russland auf sich ziehen.
Bonbonfarbenes „Futurussia“
Unterdessen wird die Religion auch für Gegenwartskünstler wichtig. In einem für das Permer Museum ausgeführten „Evangelischen Projekt“ malten die Fotorealisten Dmitri Wrubel und Viktoria Timofejewa Reportagefotomotive auf Großleinwand und unterlegten die Bilder mit Zitaten aus dem Neuen Testament. Vom 5. bis zum 31. März wird bei Guelman in Moskau der großartige Zeichner Alexej Kallima, der Erfahrungen und Wahnvisionen des Tschetschenienkrieges auf vielfigurigen Großleinwänden beschwört, sein monumentales Panorama eines roten Himmels zeigen, von dem lauter blütenweiße Fallschirmspringer herabregnen – ganz im Geist des sowjetischen Art-déco-Malers Alexander Dejneka. Guelman-Protegés wie Valeri Kuschljakow mit seinen Großbauwerken aus Klebeband und Pappe oder Nikolai Polisski, der aus Reisig Türme und Raketen baut, bezaubern durch echt russische Armut und Grandezza.
Bei der Galerie Regina nebenan wird fündig, wer Bilder schätzt, die neue Techniken sinnlich ansprechend verarbeiten: Noch bis zum 6. März präsentiert der Regina-Direktor Wladimir Owtscharenko, der nur mit Künstlern arbeitet, die international parkettfähig sind, Natascha Strutschkowas bonbonfarbige Acrylgemälde, die, unter dem Titel „Futurussia“, klassische russische Gemälde wie das der „Drei Recken“ oder der „Drei Bärchen“ in Lego- und Spielzeugwelten auf zwei mal drei Metern Leinwandfläche übersetzen.
Der Zorn des russischen Zolls
Vom 16. März an wird dann der Regina-Liebling Viktor Alimpiew, der für seine pudrigen, diffus erotischen Videos geschätzt wird, subtile Malereien aus der monochrom rosafarbenen „Ad hoc“-Serie zeigen. Ein Klassiker des Hauses ist der Fotograf und Maler Semjon Faibussowitsch mit seinen pixel-impressionistischen Hymnen auf schlichte Frauen, deren müde Gesichter von der Last der russischen Moderne gezeichnet sind. Die Herrin der vierten Säule der Galerieszene Moskaus, Aidan Salachowa, ist die einzige Künstlerin in dem Quartett. In grafischen und Video-Arbeiten beschwört die schöne Aidan den erotischen Zauber von nackten und verschleierten Frauen, aber auch von Moscheekuppeln, Kerzen und Minaretten, womit sie sich schon den Zorn des russischen Zolls zugezogen hat.
Auch ihr Hauskünstler Konstantin Latyschew, der in Pop-Plakaten Träume von Sex und Konsum aufs Korn nimmt, durfte sein aus dem Nationaldichter Puschkin und Putin zusammengesetztes Zwitterwesen „Putkin“ nicht auf Gastspielreise nach Paris schicken. Derzeit vergegenwärtigt bei Aidan die Installationskünstlerin Anna Scheludj mit Stahlstreben, die pflanzenartig aus Eimern wuchern oder von der Decke hängen, die rauhe Poesie der ewigen russischen Unbehaustheit.
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