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Aktuelle Kunst Nach der Art von Biesenthal

18.07.2010 ·  In und um eine Villa im Barnimer Land herum, einen Steinwurf vor den Toren Berlins, zeigt Michael Hecken eine ungewöhnliche Kunstschau.

Von Lisa Zeitz, Berlin
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Im romantischen Umland nördlich von Berlin locken derzeit nicht nur die vielen Seen und Strandbäder, das Kloster Chorin und das Schiffshebewerk Niederfinow, sondern auch eine Ausstellung junger Kunst, die sich malerisch in ein besonders originelles Gelände einfügt. Hier im Barnimer Land stand einst eine mittelalterliche Wehrmühle, die dazu diente, bei Gefahr das Wasser der Finow in einem Landwehr zu stauen, um die höher gelegene Burg durch einen Ring aus Wasser zu schützen.

Die Burg gibt es schon lange nicht mehr, und die Mühle ist vor wenigen Jahren abgebrannt, aber von der Villa, die direkt an die Mühle angebaut wurde, ist noch die historistische Stuckfassade erhalten – nur die Fassade, wie eine Filmkulisse: Dahinter hat der Besitzer, der jugendliche Unternehmer Michael Hecken, eine moderne kastenartige Residenz errichten lassen, die sich mit großen Fenstern zum Garten hin öffnet.

Spuren des vergangenen Jahrs

So ist zwischen Seen, Feldern, Mooren und Wäldern ein idealer Ort entstanden, an dem es sich feiern, picknicken und auch Kunst ausstellen lässt – und das nur dreißig Kilometer Luftlinie vom Brandenburger Tor entfernt. Seit 2006 findet dort im Sommer die Art Biesenthal statt. Der Titel erinnert an die wachsende Schar von Messen: Art Basel, Art Cologne, Art Karlsruhe, Art Bodensee . . . also noch eine Messe?

Eigentlich handelt es sich um eine Ausstellung, doch wen die Kunstlust packt, der kann sich natürlich über die Galeristen der sechzehn teilnehmenden Künstler informieren, deren Arbeiten jetzt Wiesen, Wald und Buschwerk, Schlafzimmer und Wohnzimmer bevölkern. Auch dass vom vergangenen Jahr noch Relikte übrig sind, hat seinen besonderen Reiz, zum Beispiel Raul Walchs „Titel verworfen (Nr. 1)“: Da hat sich scheinbar ein Fallschirm mit einer Kiste in einem Baum verfangen, ganz so, als ob die ausgehungerte Provinz von oben mit Kulturspenden versorgt würde.

Maulwurfshügel aus Beton

Die weitläufige Wiese übernimmt die größte Rolle beim Vergnügen des Großstadtbesuchers. Es murmelt ein Bach, es rauschen die Weiden, die Birken und Buchen, und über den Rasen verteilen sich 25 Maulwurfshügel. Die sind aber aus Beton. Mit ihren standhaften kleinen Monumenten setzt die Berliner Künstlerin Katja Kollowa, Jahrgang 1979, verschiedene Assoziationen in Bewegung. Geht es um Architektur? Um die flüchtigen Erdhäufen der wühlfreudigen Tiere?

Will Kollowa der ephemeren Graswurzel-Baukunst endlich ein Denkmal setzen? Oder handelt es sich vielleicht um eine Botschaft an stolze Rasenbesitzer, die bestialische Mordkomplotte gegen Maulwürfe schmieden? Will sagen, solange die Hügel nur aus lockerer Erde bestehen, gibt es keinen Grund sich aufzuregen; es könnte doch alles viel schlimmer sein. Jedenfalls verteilen sich die 25 grauen Teile im feinen Zufallsrhythmus über das Land und bieten dem Blick über die weite Fläche einen unterhaltsamen Anhaltspunkt.

Ein Wasserkörper statt einer Fontäne

Der in Berlin lebende indonesische Künstler Yudi Noor, Jahrgang 1971, hat einen ausladenden Baum mit verschiedenen Textilien ausstaffiert und an einem der Äste ein buntes baumelndes Plexiglasfenster aufgehängt, um Baumgeister zu beschwören und sie zum Bleiben zu bewegen. Zuerst wirken die Materialien wie Fremdkörper in der Natur, aber dann fragt man sich, wie es alle anderen Bäume wagen können, ganz ohne Schmuck und Kleider herumzustehen.

Ein altes, rundes Brunnenbecken hat Robert Barta, geboren 1975 in Prag, für seine Installation genutzt. Er hat das Pumpwerk und den Wasserpegel so eingestellt, dass nicht die übliche Fontaine eines Springbrunnens entsteht, sondern dass die gesamte Wassermasse wie ein einziger Körper in stetig schwappender Bewegung ist. Das Werk mit dem Titel „High tide – low tide“ pulsiert in Richtung Brunnenrand und baut sich dann – in beständigem hypnotischen Takt – wieder in der Mitte zu einem runden Wellenberg auf.

Thorsten Brinkmanns „Wäschemann“

Auch das Gebäude selbst wird zum Spielfeld der Kunst. Im minimalistischen Schlafzimmer klebt ein Gemälde von Via Lewandowsky an der Wand. Der 1963 in Dresden geborene Künstler hat es schon vor zwei Jahren mit der noch feuchten, frisch bemalten Seite der Leinwand an die Wand geklatscht und so verrutscht, dass es dort schwungvolle Spuren hinterlassen hat, die er „Shadow of your smile“ nennt. Seit kurzem liegt im Schlafzimmer außerdem ein Wäschekorb am Boden, aus dem auf irritierende Weise zwei Männerbeine ragen – als hätte jemand so eine Leiche entsorgt oder als habe es sich ein Zauberkünstler gemütlich gemacht. Thorsten Brinkmann, Jahrgang 1971, hat den „Wäschemann“ im Jahr 2008 geschaffen.

Martin Flemming, Meisterschüler von Tobias Rehberger, ist 1982 in Weimar geboren. Von ihm stammt ein faszinierendes Stück, das harmlos an der Wand hängt, aber den Betrachter schnell in seinen Bann zieht und ihn schnurstracks von der zweiten in die dritte Dimension entführt. Was wie eine Hommage an das schwarze Quadrat von Malewitsch anmutet, ist zwar ein weißer verglaster Rahmen um eine monochrome dunkle Fläche, aber aus dem Rahmen ist ein Stück herausgeschnitten. Sobald man sich auf dieses Fehlstück konzentriert, wird aus dem Bild ein Raum mit Türöffnung, ein perfekter White Cube, ein Ort für Kunst.

Ein Wald in schwarzer Farbe

Und der Betrachter schaut nicht länger auf ein Bild, sondern in ein Architekturmodell hinein. („Exhibition Space II“ ist zu beziehen über die Berliner Galerie Stephan Koal für 1000 Euro.) Ein paar Schritte weiter läuft in Kniehöhe ein Film von Flemming. Den hochmodernen Beamer begleitet ein Soundtrack, der das altmodische Geräusch eines schnarrenden Filmprojektors verbreitet. Der Film selbst ist ein Produkt aus Fotografien von Beton, die in eine Collage integriert wurden, die wiederum – mit einer Kamerafahrt abgefilmt und durch ein Kaleidoskop verfremdet – die schönsten maurischen Muster produziert.

Für krasse Natur-Interventionen ist der in Berlin lebende, 1979 in Bayern geborene Michael Sailstorfer bekannt. Von ihm stammt eine Fotografie mit einer buchstäblichen Schwarzwald-Ansicht: Er hat ein Waldstück mit schwarzer, angeblich umweltverträglicher, Farbe eingesprüht und auf diese Art ein die Augen verwirrendes Schattenbild erfunden. (Sailstorfer wird von der Galerie Johann König in Berlin vertreten; seine Arbeit, Cibachrome auf Aludibond, kostet 4800 Euro.)

Die Art Biesenthal ist am Sonntag, den 18. Juli, von 12 bis 17 Uhr und am Sonntag, den 25. Juli, von 14 bis 20 Uhr geöffnet. Am Sonntag, den 1. August, wird von 14 bis 20 Uhr die Finissage gefeiert.

Quelle: F.A.Z.
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