25.01.2009 · Ein Rundgang durch die Galerien in der ehemaligen Baumwollspinnerei beweist, dass dort keinesfalls Schreckstarre herrscht.
Von Lisa ZeitzWer sich dieser Tage zum Winterrundgang durch die Baumwollspinnerei aufmacht, kann zwischen den Schornsteinen und Fabrikhallen Künstler aus Griechenland, Japan und Finnland und natürlich viele junge Talente aus Leipzig entdecken. In den Galerien gibt es diesmal besonders viel Fotografie zu sehen, aber auch - wie könnte es hier anders sein? - die Malerei weiß zu überzeugen. Konkreter Realismus und Konzentration aufs Wesentliche sind Merkmale, die viele der Werke gemein haben, dazu kommt ein gewisses Vergnügen am Morbiden.
Hinter der Abkürzung LFN verbirgt sich der lakonische Galeriename Laden für Nichts. Hier findet unter dem Titel „Flinke Finken flüchten“ eine Ausstellung der Malerei von Kathrin Thiele statt, 1980 im sächsischen Wolfen geboren und Meisterschülerin bei Neo Rauch. Die meist kleinen Leinwände wirken in ihrem zurückhaltenden Kolorit rätselhaft und melancholisch.
Zu Thieles Motiven zählen ein Schornsteinfeger und eine Berglandschaft ebenso wie der flugunfähige Helmkasuar vor einem achtstöckigen Neubau. Der meisterhaft gemalte „Sturm“ ist mit rund 131 mal 180 Zentimetern nicht nur das größte, sondern auch das eindrucksvollste Bild. Der dramatisch bewegte Wolkenhimmel, durch den ein zerfetzter Vogelschwarm wirbelt, entwickelt eine fast sogartige Anziehungskraft. (Preise von 1000 bis 5900 Euro. Bis 7. März.)
Eine verfallende Welt
Ein paar Schritte weiter, in der Galerie Dogenhaus, sind große Farbfotografien des finnischen Künstlers Esko Männikkö, Jahrgang 1959, in alten, abblätternden oder teilweise selbstgezimmerten Rahmen aus rauhem Tannenholz aufgehängt. So greift die Atmosphäre der Verwahrlosung, die er in seinen Bildern dokumentiert, auch auf den Galerieraum über. Männikkö dokumentiert in seiner Serie „Organized Freedom“ seit einigen Jahren die Folgen der Landflucht für Finnlands einsamen Norden.
Oft lassen die Menschen, die fortziehen, ihre noch voll eingerichteten Häuser zurück und schließen nicht einmal die Türen ab. Langsam bemächtigt sich die Natur der ehemaligen Zivilisation. In diesem Prozess ergeben sich seltsame Stillleben. Mit Planen abgedeckte Autos werden von Moos überwachsen oder verschwinden unter Laub und Zweigen, Skier verrosten, Dächer stürzen ein, Kleider vermodern. Männikkö findet die Schönheit im Verfall. (Auflage 20, Preise von 3200 bis 15.000 Euro. Bis 4. April.)
Lichte Holzschnitte
Nebenan in der Galerie ASPN zeigt Katsutoshi Yuasa, 1978 in Tokio geboren, lichtdurchflutete Holzschnitte und Holzblöcke unter dem Titel „Shots of Immanence“. Die schwarzweißen Detailansichten von Gebäuden in dschungelartiger Umgebung wirken von weitem wie überbelichtete Fotografien. Aus der Nähe betrachtet, lösen sie sich durch die starke diagonale Riffelung, die den Effekt einer Holzmaserung oder fadenförmiger Regenschauer hervorruft, fast bis zur Abstraktion auf. (Die Holzschnitte, Auflage 5, kosten von 1500 bis 2700 Euro, die monochromen Druckstöcke 3200 und 3600 Euro. Bis 28. Februar.)
Die Galería Hilario Galguera aus Mexico City hat sich erst einmal versuchsweise für ein Jahr in der Baumwollspinnerei eingemietet, plant aber schon jetzt, ihr Engagement in Leipzig darüber hinaus zu verlängern. Derzeit präsentiert sie die griechische Künstlerin Athina Ioannou, Jahrgang 1968, die in Rom und Düsseldorf studiert hat. Sie tränkt rote und gelbe, jeweils 215 mal 155 Zentimeter messende Stoffbahnen satt mit Leinöl und durchzieht sie mit vertikalen Graphitlinien. Sie sind nicht auf Keilrahmen aufgespannt, sondern am oberen Rand direkt mit Nägeln in die Wand geschlagen. Wie ein Gebet sieht Ioannou ihre Kunst, wie ein Mantra, ohne Anfang und Ende. Die Namen der Baumwollstoffe wie „Capucine“ oder „Corail“ geben den Arbeiten ihre Namen. Das rote Diptychon „Dragée“ von 2008 kostet 30.000 Euro, „Poussin“ von 2007 kostet 22.000 Euro.
Inspiriert von Rohmer und Balthus
Die Galerie Kleindienst zeigt Fotografien von Oskar Schmidt, der 1977 im fränkischen Erlabrunn geboren ist und 2008 seinen Abschluss als Meisterschüler bei Timm Rautert in Leipzig gemacht hat. „Extend“ heißt der Zyklus, der minimalistische Interieurs mal mit und mal ohne seine junge Protagonistin darstellt. Das dunkelhaarige Mädchen im hellgrün karierten Sommerkleid ist barfuß oder trägt weiße Socken. Der Künstler hat sich von Eric Rohmers „Pauline à la plage“ ebenso wie von einer jungen Leserin von Balthus inspirieren lassen. Deren exzentrisch unschuldige Pose - halb auf einem Stuhl kniend, halb stehend, vornübergebeugt über ein Buch - hat Schmidt mit seinem Model puristisch nachgestellt. (Auflage 5, 136 mal 176 Zentimeter groß, 5400 Euro. Bis 14. Februar.)
Besonders frappierend sind die mysteriös inszenierten Porträts von Unfallwagen von Ricarda Roggan bei Eigen + Art. Die 1972 in Dresden geborene Künstlerin, die in Leipzig lebt und erst im vergangenen Jahr eine Einzelausstellung in den Kunstwerken in Berlin hatte, ließ für die Serie „Garage“ schrottreife Autos in eine Halle transportieren, beleuchtete sie kontrastreich und stilisierte sie so zu „Creatures of the 20th Century“.
Der Boden der Halle ist makellos sauber, der Hintergrund ominös schwarz. Die Autos sind zerbeult und teilweise mit einer Plane und einer feinen Staubschicht bedeckt. Die Künstlerin fotografiert die ramponierten Fahrzeuge mit so viel Respekt, als handle es sich um fabrikneue Porsches oder mehr. Sie scheint ihnen eine Seele zu verleihen, so dass luftlose Reifen und zersplitterte Stoßstangen auf einmal wie charakteristische Teile von Gesichtern wirken. (150 mal 190 Zentimeter groß, 14.000 Euro. Bis 18. April.)
Arrangierte Vogelkörper
Edgar Leciejewski, 1977 in Ost-Berlin geboren, hat seine Diplomausstellung bis Ende Februar in der Galerie TS eingerichtet. Auch ihm liefern Unfälle, indirekt, manchmal seine Motive: Er sammelt tote Vögel auf, steckt sie ins Gefrierfach, um die im toten Körper lebenden Organismen abzutöten, und bringt sie dann in Position, indem er ihre Flügel spreizt oder das Federkleid glattstreicht. Fast abstrakt wirken seine Bilder, wenn die Zeichnung des Gefieders oder der tänzerische Schwung der Flügel davon ablenkt, dass es sich um tote Tiere handelt. Seine Aufnahmen macht er mit dem Scanner, ohne Kamera, eine Technik, die Leciejewski „digitales Fotogramm“ nennt.
Das Ergebnis, C-Prints mit den Maßen fünfzig mal vierzig Zentimeter, ist für den Laien von der Fotografie nicht zu unterscheiden. (Auflage 15, 1000 Euro; fünf Fotos kosten 4000 Euro.) Durch seine Vorliebe ist der Künstler, der schon als „Kalenderblatt-Dürer“ bezeichnet wurde, fast zum Ornithologen geworden, er kennt Misteldrosseln, Erlenzeisige, Waldschnepfen und Perlstare. Den Fichtenkreuzschnabel hat er im Dezember 2003 schon eingefroren auf dem Fenstersims der Leipziger Universitätsbibliothek gefunden. „Unter Studenten werden Tiere gern weitergereicht“, sagt er. Dieses spezielle Exemplar ist jetzt als Skelett bei einem Anatomieprofessor in der Hochschule für Graphik und Buchkunst gelandet.
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