Wo in diesen Tagen über Galerien geredet wird, geht es meistens nicht mehr darum, was gezeigt wird, sondern bloß um die Frage, wie viele Mitarbeiter entlassen werden, wie lange das Geld noch reicht, wann man wird dichtmachen oder von zuhause arbeiten müssen, und das symptomatische Geräusch, das aus den Galerien dringt, ist mittlerweile das Ploppen aggressiv angeschnittener Plastikbälle - wenn die Kunden ausbleiben, kann man hinten, wo früher die Mitarbeiter saßen, wenigstens in Ruhe Tischtennis spielen.
Berliner Galeristen haben es in dieser Krise besser. Denn während man sich in New York noch ungläubig die Augen reibt, wie schnell sich Unmengen von Geld und Kunden in Luft auflösen konnten, kennen gerade die kleineren Berliner Galerien seit Jahren schon nichts anderes als eine permanente Finanzkrise und sind entsprechend entspannt. Und während überall gejammert wird, zeigen gerade diese kleineren Galerien ein sehenswertes Programm.
Gefangene Momente
Bei Birgit Ostermeier zum Beispiel stellt die 1970 geborene japanische Künstlerin Hanayo Fotografien aus, die aussehen, als seien sie auf einer großen Reise zufällig entstanden, aus dem Handgelenk in den Moment hineinfotografiert: ein See im milchigen Sommerlicht, das scharfe Gegenlicht wirft Reflexe; der Mond, der ungewöhnlich grell über einer mediterranen Staublandschaft aufgeht; ein gelbes Feuerzeug auf dem Tisch; eine verschneite Landschaft; dann, immer wieder, ein Kind, das allmählich größer wird. All diese Bilder, deren beiläufige Präsentation in alten Rahmen teilweise an Wolfgang Tillmans erinnert, wirken heller als die Realität, so, als seien die Erinnerungen schon ausgeblichen, von einem feinen Sommerstaub überzogen, vom Gegenlicht ins Traumhafte verschluckt.
Das Mädchen auf den Fotos ist Hanayos erwachsen werdende Tochter, und so sind die überbelichteten, unscharfen, ausgeblichenen, entlichteten Momentaufnahmen auch ein Abschied - eine Bildgeschichte der nebensächlichen kurzen Momente eines zufälligen Glücks, die sonst bald vergessen würden oder nur noch als diffuse Bilderstimmung in der Erinnerung des Kindes weiterlebten: die Erinnerung an die Kälte der ersten Winterreise mit den Eltern, an die Kühle eines Sees im Sommer, an die rauhe Oberfläche eines verwitterten Holzkreuzes im Wald. (Fotorahmen ab 1700 Euro; gezeigt werden auch Rauminstallationen von Hanayo)
Modefotografie im Focus
Ebenfalls nördlich der Torstraße hat Kirsten Hermann, selbst lange in der Modebranche tätig, soeben aller Kriselei zum Trotz die „Galerie für Modefotografie“ eröffnet. Ein interessantes Projekt, denn Hermann will nicht nur veröffentlichte Modeaufnahmen als Kunstform ernst nehmen, sondern auch die Bilder zeigen, die bei Fotoproduktionen abgelehnt wurden, weil ein Model nicht genug lächelt, falsch sitzt, weil die Ästhetik sich zu sehr von dem entfernte, was als machbar galt - sozusagen den Giftschrank.
So könnte hier so etwas wie ein Archiv der Wunschbilder einer Epoche entstehen, die unbekannte Bildgeschichte des abgelehnten Geschmacks. Zurzeit ist die Serie „Male gestures“ von Elfie Semotan zu sehen, die lange als Fotomodell in Paris tätig war, bevor sie selbst zu fotografieren begann und unter anderem für ihre Zusammenarbeit mit Helmut Lang bekannt wurde. (Abzüge, Auflagen 3 bis 10, von 850 Euro an.)
Die Vergangenheit im Blick
Ein weiterer Effekt der Krise: Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr ausschließlich auf Gegenwartskunst, und statt den Künstlern, wie zu Boomzeitzen üblich, noch die letzten Halbfertigkeiten aus den Ateliers zu räumen, wird auch wieder auf die übersehene Vergangenheit geschaut: auf jene Künstler, die es nie zu größerem kunsthistorischen Ruhm brachten, aber mit ihren Bildern trotzdem eine Zeitstimmung trafen.
Solche Gemälde findet man in der auf spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert spezialisierten Charlottenburger Galerie Barthelmess & Wischnewski, wo unter dem Titel „Das Licht der Impressionisten“ Gemälde einer wenig bekannten Berliner Moderne versammelt sind: August Bluncks 1920 entstandener „Blick in die Bülowstraße“ (5600 Euro), wo im Regen Straßenbahnen über das Pflaster zischen und einzelne Sonnenstrahlen auf eine Metropole im Aufbruch fallen, oder ein Gemälde von Müller-Cassel, das das nächtliche, aus dem Lichtermeer hervorstrahlende „Romanische Café“ zeigt samt dem Versprechen, das von ihm ausging (3800 Euro).
Rafaël Soto bei Max Hetzler
Und sonst? Max Hetzler zeigt Wandinstallationen von Jesús Rafaël Soto, die, halb Tafelbild, halb Skulptur, filigrane Formspiele zwischen Op-Art und Minimal Art veranstalten. Sie schließen die delikaten Raumspiele der klassischen Nachkriegsmoderne mit ihren aufgebrochenen Räumen und schwingenden Formen kurz mit den Illusionsräumen barocker Trompe-l'oeils.
Nebenan bei Klosterfelde erforschen Neil Campbell, Ulrike Heise und Dan Peterman die Zukunft der Minimal Art: Wie ein Krisenmenetekel von futuristisch- schrecklicher Schönheit prangt ein großes schwarzes Doppelloch an der Wand. Und ein paar hundert Meter weiter bei Johann König verfeuert Natascha Sadr Haghighian in einem Allesbrennofen Papierbriketts - angeblich sämtlich gefälschte, eingestampfte Euronoten im Wert von neunzig Millionen Euro. Geldsorgen sollen sich andere machen.