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Aktuelle Kunst Frauenbeine aus Schweden und ein Zwerg

09.02.2010 ·  Tagebuchschreiben ist unter Künstlern en vogue: Martin Wilner ist besessen von seinen Nachbarn in der U-Bahn, Dan Perjovschi kleidet die Mona Lisa in eine Burka, die Gruppe Gelitin spielt Blinde Kuh und vieles mehr. Ein Rundgang durch New Yorks Galerien zum Saisonauftakt.

Von Lisa Zeitz
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Wer derzeit Gelegenheit hat, sich in den zeitgenössischen Galerien im Meatpacking District, in Chelsea und auf der Upper East Side umzusehen, wird eine romantische Ader entdecken, die sich durch viele der Ausstellungen zieht. Da gibt es die ironischen Märchenlandschaften von Inka Essenhigh in der 303 Gallery, die geisterhaften Bildnisse und Skulpturen von Markus Schinwald bei Yvon Lambert und handgeknüpfte Tapisserien von Künstlern wie Shahzia Sikander, Kara Walker oder Fred Tomaselli bei James Cohan.

Auch das Tagebuchschreiben ist eine Entwicklung der Romantik. Diese Ader lässt sich derzeit in den obsessiv gezeichneten Chroniken unterschiedlichster Künstler weiterverfolgen. Da wäre zum Beispiel der New Yorker Psychiater Martin Wilner, Jahrgang 1959, der selbst „klinische Angst davor hat, Zeit zu verschwenden“, erklärt David Leiber, Direktor von Sperone Westwater auf der 13th Street. Da Wilner tagsüber vor allem mit akkustischen Signalen beschäftigt ist (mit dem, was seine Patienten ihm erzählen), widmet er sich außerhalb der Sprechzeiten am liebsten visuellen Reizen: vor allem dem Lesen und Zeichnen.

Zeichnungen von Dan Perjovschi

Was er liest und um sich herum sieht, verarbeitet er mit einem hauchdünnen Rapidographen in seinem Projekt „Making History“. In diesem Kalender versieht er jeden Tag des Jahres mit einem Text oder Bild aus den Medien, sei es ein Mordopfer in Queens, ein Skandalpolitiker oder ein philanthropischer Geschäftsmann. Jedes Bild wird durch kartographische Verbindungslinien mit den umliegenden Tagesbildern verwoben. Die Monate haben Themen wie Tiere, Nationen oder Porträts, die auf originelle Weise ineinander zerfließen. Ein Monat kostet 5000 Dollar. Wilners „Journal of Evidence Weekly“ besteht aus Leporellos, deren einzelne Zeichnungen in der New Yorker Subway entstanden sind; denn nicht einmal auf dem Weg zur Arbeit kann er untätig sein.

In ganz anderer Weise obsessiv sind die kleinen Arbeiten auf Papier von Dan Perjovschi, der vor allem durch seine ephemeren Werke auf Museumswänden bekannt geworden ist. „Postcards from the World“ heißt seine Schau bei Lombard Freid auf der 26th Street. Der 1961 geborene Rumäne hat schon bei seinem ersten Aufenthalt in den Vereinigten Staaten 1994 postkartengroße Zeichnungen angefertigt, die seinen kritischen, befremdlichen oder humorvollen Beobachtungen in der Neuen Welt Ausdruck verleihen. Fünfhundert Stück hängen nun dicht an dicht an einer Wand (195.000 Dollar).

Ida Applebroogs „Monalisa“

Viele weitere Reisen und Beobachtungen folgten. Allein 2009 bereiste der Künstler Kuba, Chile, Sydney, Israel, Moskau und Europa. Sein Kommentar zum Louvre-Abu-Dhabi ist eine Mona Lisa mit Burka, sein Eindruck von Jerusalem sind zwei Strichmännchen, von Gewehrläufen umzingelt. Der eine sagt zum anderen: „be relaxed, think peace“. Eine Gruppe von vierzig Zeichnungen aus Istanbul und Zypern kostet zum Beispiel 18.000 Dollar. Jede Woche erhält die Galerie weitere Postkarten von Perjovschis Reisen, flink bis schnoddrig skizziert, mal politisch, mal banal, seien es ein Hamburger mit Stäbchen aus China oder lange Frauenbeine in hochhackigen Stiefeln aus Schweden, dazwischen ein zum Zwerg degradiertes Männchen.

Bei Hauser & Wirth auf der 69th Street ist Ida Applebroogs „Monalisa“ zu sehen, eine Installation aus Zeichnungen und Malerei der mittlerweile achtzigjährigen Feministin. Die meisten Bilder sind 1969 entstanden, als die New Yorkerin mit ihrem Mann und vier Kindern in Kalifornien lebte. Damals zog sie sich abends regelmäßig für mehrere Stunden ins Badezimmer zurück. Die Wanne war ihr Refugium. Sie nahm einen Zeichenblock, Bleistift und Tusche mit und zeichnete ihr Geschlecht, mal mit Hilfe eines Spiegels, mal ohne, mal detailliert, mal als reduzierte einzelne Linie: „L'origine du monde“ als Selbstporträt.

„The World's Gone Beautiful“

Der Wiederholungseffekt dieser Zeichnungen hat etwas Tagebuchartiges, und wie ein Tagebuch sind die Skizzen über Jahrzehnte unbeachtet in einer Kiste verschwunden, bis Applebroogs Studio-Assistenten die Blätter 2009 in ihrem Keller fanden. Jetzt dienten sie als Vorlagen für Vergrößerungen auf Pergamentpapier, die zusammen mit neuerer Malerei zwischen Holzlatten aufgespannt zu einem türlosen „Sanktuarium“ aufgebaut wurden: Applebroog stilisiert den Körper selbst zum Raum zwischen Wohnung und Gefängnis. Ihre kleinen Blätter aus dem Jahr 1969 sind im Obergeschoss zu sehen.

Bei Daniel Reich auf der 23rd Street läuft Christian Holstads Ausstellung „The World's Gone Beautiful“, die ihren Titel einem Lied über das Ende der Welt von Malvina Reynolds aus den sechziger Jahren verdankt. 1972 im kalifornischen Anaheim geboren, untersucht Holstad das Wesen der Konsumgesellschaft, indem er den Dingen Leben einhaucht und einen Bogen von ihrer „Geburt“ im Einkaufswagen bis zu ihrem „Tod“ im Abfalleimer spannt.

Bekannt für einen temporären Balkon

Verschiedene aus silbernem Stoff genähte Einkaufswagen sind haltlos in sich zusammengesackt wie misslungene Soufflés, aber glitzern am Boden wie ein Haufen Lametta. Große, bunte Collagen an der Wand konzentrieren sich auf das kreative Ende der Dinge im transparenten Drahtgeflecht der amerikanischen Mülleimer: Im „Portrait #1“ finden sich ein zerbrochenes Wagenrad, Jalousien und Seife (40.000 Dollar), im „Portrait #2“ ein alter Regenschirm, ein Dildo, eine Schachtel aus einem chinesischen Schnellrestaurant und eine Kerze, die an beiden Enden brennt.

Das Wiener Künstlerkollektiv Gelitin ist für skurrile Aktionen wie die illegale Konstruktion eines temporären Balkons auf dem 148. Stockwerk des World Trade Center im Jahr 2000 bekannt geworden - als Beweis ihrer Tat klebten sie von außen einen Kaugummi an das Gebäude. Derzeit inszenieren sie in der Greene Naftali Gallery auf der 26th Street ein mehrtägiges Happening mit dem Titel „Blind Sculpture“, bei dem die vier Künstler mit verbundenen Augen gemeinsam an einer raumgreifenden Skulptur arbeiten.

Das Austrian Cultural Forum unterstützt die Aktion. Als Assistenten, die ihnen unter anderem „Ideen, Nägel, Klebeband, Unterhaltung und Sachen“ reichen, sie zur Leiter führen und das Gerüst halten sollen, standen der Gruppe namhafte Künstler wie Rita Ackermann, Cecily Brown, Urs Fischer, Liam Gillick, David LaChapelle und Piotr Uklanski zur Verfügung. Ob das Produkt verkäuflich sein wird, ist noch nicht entschieden. Erst am Samstag, dem 6. Februar zwischen fünfzehn und neunzehn Uhr soll die Mixed-Media- Skulptur mit Hilfe der Künstler Tom Sachs, Gedi Sibony, Junah Sibony und Jon Kessler vollendet werden. Erst dann nehmen die vier Wiener ihre Augenbinden ab, um ihr Werk zum ersten Mal zu sehen.

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