28.02.2009 · Die Digitalisierung des Sichtbaren zeigt Stefan Roloff in seinen Videoarbeiten. Maike Sander bastelt aus Papier und Meeralgen Tierskulpturen - ein Blick in die Berliner Galerien.
Von Peter RichterDas Pence Springs Resort in West Virginia ist ein L-förmiger Ziegelbau, dem ein gewaltiger Südstaatenportikus auf der Ecke klebt. Aber das ist noch das am wenigsten Bizarre daran: Es wurde als Hotel errichtet, diente aber von 1947 bis 1982 als Frauengefängnis, danach sollte ein Spa daraus werden. Als dem Investor das Geld ausging, waren allerdings erst zwei Etagen zu Hotelzimmern umgebaut, in der dritten gab es weiterhin Hochsicherheitszellen, und in einer davon kündeten Graffiti vom Verrücktwerden einer jugendlichen Insassin, die sich 1981 schließlich dort das Leben nahm.
Die Arbeit, die Stefan Roloff darüber 1995 angefertigt hat, hatte etwas von einem Treatment zu einer Gothic Novel in der Tradition von Hawthornes „Haus mit den sieben Giebeln“ oder Kings „Shining“. Und die dunkle Angstlust, die solchen Transformationsprozessen innewohnt, ist letztlich auch das, was jetzt die Werkschau seiner Videos in der Berliner Galerie Deschler kennzeichnet.
Roloff, der als „Videopionier“ apostrophiert wird, seit er mit seinen „Moving Paintings“ in den achtziger Jahren Peter Gabriel zum Video von „Sledgehammer“ animierte, zeigt hier auch neuere Arbeiten, die ihn weiterhin als Vorarbeiter an der Digitalisierung der sichtbaren Welt zeigen. In „Holland“ etwa verwirbeln sich die Bilder einer Fahrt durch den Holland-Tunnel in New York zu einem psychedelischen Mahlstrom, aus dem es kein Entrinnen ins Analoge mehr geben kann (Preise zwischen 900 und 12.000 Euro).
Eine papierne Tierwelt
Das sind ästhetische Feldforschungen auf einer anderen Seite, in einem Jenseits, wie es bemerkenswerterweise zur gleichen Zeit auch in den papiernen Skulpturen von Maike Sander in den Berliner Räumen von Dörrie Priess aufscheint: mumifiziert, verbrannt, verwittert und aus dem Moor geborgen - so stellt man sich die Fauna in den aschenen Wäldern aus Cormack McCarthys „Die Straße“ vor (Preise zwischen 900 und 4200 Euro).
Es handelt sich da um eine dermaßen postapokalyptische Morbidezza, dass man sich die Frage stellen muss, ob aus diesen phänomenologischen Fingerzeigen in Berliner Galerien etwas zu lernen wäre für eine Welt, die ja auch gerade durch etwas hindurchmuss, was sie nicht kennt und ängstigt - und wenn es nur die Gewissheit wäre, dass am Ende des Tunnels eben kein Licht mehr kommen wird, dafür aber andere Anschaulichkeiten.