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Frühe Farbfotografie Prousts Welt und das Wunder der Brüder Lumière

14.11.2005 ·  Prousts Welt und das Wunder der Brüder Lumière

Von Angelika Heinick
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Mit dem Anspruch, alles „was auf Erden, zu Wasser und in den Lüften“ geschehe, sogleich zu „kommentieren und zu illustrieren“, hoben 1843 vier Visionäre der Pressezukunft namens Paulin, Charton, Joanne und Dubochet die erste französische Illustrierte aus der Taufe. „L'Illustration, Journal universel“ hatte den Ehrgeiz, jeden Samstag auf sechzehn Seiten in Text und Bild die Aktualität bis über die Landesgrenzen hinaus zu verfolgen. Reporter, Journalisten, Kritiker, Zeichner und später auch Fotografen informierten das Bürgertum über das politische Geschehen, technische Errungenschaften, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse sowie die neuesten Moden und alltägliche Begebenheiten. Die Schriftsteller Pierre Loti, George Sand, Georges Clemenceau oder Octave Mirbeau gehörten zu den namhaften Reportern und Chronisten der Zeitschrift.

Ihre Glanzzeit erlebte „L'Illustration“ während der Belle Époque; das Abonnement der in 134 Länder versandten Revue, die 1904 eine vor damalige Verhältnisse hohe Auflage von 50 000 Exemplaren verzeichnete, gehörte zu den Statussymbolen der internationalen Bourgeoisie, die sich nur zu gerne in dem schmeichelhaften Spiegel wiedererkannte. Der Erfolg der Illustrierten gründete nicht zuletzt auf der hohen Qualität ihrer Bebilderung; die besten Holzschneider wurden angestellt, die am Ort des Geschehens gefertigten Zeichnungen der Reporter für den Druck umzusetzen, eine Arbeit, die für ein Porträt drei Künstler und drei Tage in Anspruch nahm. Erste Farbtafeln tauchten 1884, die erste Fotografie vier Jahre später in der Revue auf. Bis ins frühe 20. Jahrhundert existierten in der Illustrierten gleichermaßen die Fotografie und eine hochverfeinerte Zeichenkunst.

Léon Gimpel auf dem Gletscher und Claude Monet im Garten

Mit der Übernahme der Revue durch die Familie Baschet im Jahre 1904 wandelte sich „L'Illustration“ zum modernen Medium. Der stetige Aufstieg der Zeitschrift bis zu einer Auflage von fast 300 000 Exemplaren Ende der dreißiger Jahre verhinderte nicht ihren raschen Niedergang während des Zweiten Weltkriegs - die letzte Ausgabe von „L'Illustration“ erschien zur Befreiung von Paris im August 1944.
In den folgenden Jahrzehnten haben die Nachkommen der Familie Baschet das Archiv der Zeitschrift aufgearbeitet und digitalisiert; heute trennt sich die als Presseagentur weiterbestehende Firma von einer Reihe von Dokumenten: Am 21. November versteigert das Pariser Auktionshaus Artcurial-Briest-Le Fur Poulain-F.Tajan eine Auswahl von 250 Fotografien und Zeichnungen der „L'Illustration“ aus der Belle Èpoque zu einem Gesamtschätzwert von 350 000 bis 450 000 Euro.

Zu den Besonderheiten dieses Konvoluts zählen mit rund einhundert Autochromplatten die ersten Zeugnisse der Farbfotografie. Am 25. Juni 1907 wurde im Konferenzraum von „L'Illustration“ das „Wunder der Brüder Lumière“ vorgestellt, ein nach den Recherchen von Lippman und Ducos de Hauron entwickeltes und patentiertes Verfahren, das anhand einer Emulsion aus Kartoffelmehl in Komplementärfarben und Kohlenstaub auf einer Glasplatte die fotografische Reproduktion von Farben erlaubte. Léon Gimpel, Fotoreporter der Zeitschrift, bezeichnete das Verfahren als das „achte Weltwunder“ und wandte es wenig später bei beeindruckenden Gletscheraufnahmen in den französischen Alpen an, wie beispielsweise „La Mer de glace“ im August 1911 (Schätzwert 3000 bis 4000 Euro).

Etienne Clémentel zugeschrieben ist das Foto von „Monet in seinem Garten in Giverny“, das den Maler vor 1921 inmitten von Geranien und Rosen zeigt (Taxe 5000/7000 Euro). Aus anonymer Hand sind Aufnahmen wie die des Taj Mahal (um 1920) oder die eines tibetischen Nomaden von 1925 (jeweils 1 500/2 000 Euro). Fotografische Stilleben zwischen Cézanne und Art déco lieferte Emmanuel Sougez 1926 bis 1928 mit „Siphon et trois citrons“ oder „Nature morte à la cafétière“ (jeweils 2000/3000), während die Herren vor allem der Anblick antikisierender Aktfotos von Louis Amédée Mante als Pin-ups der Belle Epoque erfreut haben dürfte (um 1907, 1500/2000).

Bewußtsein um die Folgen des technischen Fortschritts

Im Gegensatz zur damaligen Fotografie gaben die Motive der Zeichnungen, meist mit Kreide, Tusch- und Gouachefarben gefertigt, die Aktualitäten der Epoche unmittelbar wieder. Frank Kupka erfaßte 1905 die unterirdische Baustelle des Pariser U-Bahn-Baus und belegte im folgenden Jahr die unerwartete Wiederkehr von dreizehn Überlebenden eines Grubenunglücks (jeweils 3000 bis 4000). Und sowohl in Ludovic Marchettis Zeichnung der „Allee des Acacias“ von 1886, wo sich im Bois de Boulogne die Gespanne der Aristokra tie mit der Halbwelt kreuzten (2000/3000), wie auch die Herrschaften auf der Automobilmesse, die Georges Scott 1904 festhielt, spiegeln die elegante Welt der Romane von Marcel Proust wider. Schon damals war man sich der Folgen des technischen Fortschritts bewußt: Im Jahre 1890 lieferte Henri Lanos mit der Zeichnung einer Gruppe von „Gaslaternenanzündern“ die Illustration zu einem Artikel, der das Verschwinden der Gaslaternen und eines ganzen Berufsstands aus dem Pariser Stadtbild beschrieb.

Quelle: F.A.S., 13. November 2005
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