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Fotografie Jetzt ist jetzt schon vorbei: Louis Stettners „Penn Station“-Serie bei Camera Work in Berlin

06.09.2006 ·  Die Bahnhofshalle ist ein ideales Terrain für den Fotografen: „When they travel, people are on the big stage“, schreibt Louis Stettner im Vorwort des Katalogs, der die Bilder der „Penn Station“-Serie aus den vierziger und fünfziger Jahren vereint.

Von Franziska Bossy
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Die Konturen der adretten Kurzhaarigen sind verschwommen, sie ist bereits vorbeigefahren. Nicht die Frau hinter der Scheibe ist scharf in den Mittelpunkt der Fotografie gerückt, sondern das Zugfenster direkt neben ihr. Es ist dunkel hier, auf der lackierten Haut der Waggons spiegeln sich sechs Deckenlampen, in den flirrenden Tiefen des Bahnhofs schreitet die unscharfe Silhouette eines Mannes von dannen. Nur noch schemenhaft ist er vielleicht auch der Reisenden im Gedächtnis - als der Zug anfährt, ist die Begegnung mit ihm für sie Vergangenheit. Erinnerung und Gegenwart fallen hier im Augenblick der Beschleunigung zusammen.

Der New Yorker Fotograf Louis Stettner zeigt auf diesem Bild eine Szene, die in der Penn Station spielt, und die Momentaufnahme ist so plastisch, daß der Betrachter das Donnern des Zuges zu hören glaubt. Daß es, wenn man die Fotografie in der Berliner Ausstellung anschaut, wirklich donnert, ist keine synästhetische Spinnerei. Die Geräuschkulisse wird von den Berliner Verkehrsbetrieben gratis gestellt - denn nahe der Galerie in der Kantstraße rumpelt die S-Bahn vom Savignyplatz in Richtung Bahnhof Zoo.

„When they travel, people are on the big stage“, schreibt der 1922 geborene Stettner im Vorwort des Katalogs, der die Bilder der „Penn Station“-Serie aus den vierziger und fünfziger Jahren vereint. Aus dem geheimnisvollen Dunkel der Bahnhofshalle strahlte immer der weiße Marmor hervor, erinnert er sich; die Zeit schien an diesem Ort der Bewegung und der Abschiede stillzustehen. Die Halle war die Arena, in der die Reisenden sich selbst inszenierten - ein geradezu ideales Terrain für den Jäger ausbrechender Gefühle. Leiser Geduld folgte ein geschäftiges Treiben, dem wahre Erschöpfung entsprang.

Im Angesicht des Molochs

Die Darstellung des Augenblicks war das Programm der amerikanischen Lichtbildkunst, spätestens seit der Avantgarde-Fotograf Alfred Stieglitz die letzten beiden Ausgaben seiner einflußreichen Zeitschrift „Camera Work“ den Stadtaufnahmen des jungen Paul Strand widmete. „Straight Photography“ heißt der Stil, den Stieglitz in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der abbildenden Kunstfotografie entgegensetzte. Die Ausdrucksform einte ihn und Strand nach 1917 und beeinflußte die dokumentarischen Motive von Gordon Parks, Jerome Liebling und Helen Levitt in den dreißiger und vierziger Jahren sowie die „Street Photography“ von Robert Frank gegen Ende der Fünfziger. Dieser Ursprung eines so gearteten Realismus bleibt ein prägendes Moment auch im zwanzigsten Jahrhundert bis hin zur Reportagefotografie.

Stettner knüpfte 1939 Kontakt zu Stieglitz und Strand. Die geradlinige Unmittelbarkeit der „Straight Photography“ hat er in beiläufig wirkenden Menschenporträts in New York und Paris eingefangen. Männer mit schwarzem Mantel und schwarzem Hut schreiten am Times Square über dampfende Gullydeckel: „Man and Manhole“ titelt das abgründige Bildnis des Menschen im Angesicht des Molochs (2750 Euro). Eine Leuchtreklame wirbt auf der Fotografie „Times Square“ (2200 Euro) für Elia Kazans Film „On the Waterfront“ und dessen Star Marlon Brando. Beide Bilder stammen aus dem Jahr 1954. Die Ära stand im Zeichen sozialer Konflikte, die im Namen einer angepaßten Normalität unter den Teppich gekehrt, in Kino und Fotografie aber wieder ans Licht geholt wurden: Stettners „Man of the 20th century“ (je nach Druck 2750 oder 8250 Euro) aus dem gleichen Jahr zeigt einen Mann, der in der Etage zwischen U-Bahn-Zugang und Straßenausgang sitzt. Ganz anders als auf den rauchig-düsteren Times-Square-Arbeiten teilt hier der Einfall der Lichtdiagonalen das Foto scharfkantig in Flächen. Der Mann auf dem Bild sitzt auf der Schattenseite, über ihm thront unheilverkündend der Wegweiser „Subway“.

Auf den neueren Fotos - wie auf dem der „Place St. Augustin“ aus dem Jahr 1993 (2700 Euro)- ist der Augenblick noch flüchtiger geworden. Aus einer leicht gekippten Perspektive erhascht die Kamera gerade noch die Beine eines Passanten, der die großstädtische Schimäre unbeteiligt links liegenläßt. In seiner Hektik nimmt er die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht wahr, bald wird sie verdampfen. Das Jetzt ist dem Jetzt jetzt immer einen Schritt voraus.

Noch bis zum 16. September. Der Katalog kostet 20 Euro.

Quelle: F.A.S., 3. September 2006
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