Home
http://www.faz.net/-gz2-vztt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vorschau Zu viel gute Kunst nur für Amerika

13.11.2007 ·  Vor den Auktionen mit Gegenwartskunst in New York herrscht Optimismus. Der schwache Dollar verspricht wahre Höhenflüge. Gerhard Richters „Düsenjäger“ hat dabei ebenso Rekordpotential, wie die funkelnden Stahlskulpturen von Jeff Koons.

Von Lisa Zeitz, New York
Artikel Bilder (12) Lesermeinungen (0)

Jetzt noch mehr, noch teurer! Bei den New Yorker Auktionen zeitgenössischer Kunst Mitte November erwarten die Auktionshäuser mit Werken von Koons, Warhol, Rothko, Richter, Bacon und Basquiat gewaltige Umsätze. Christie's obere Gesamttaxe liegt bei rund 525 Millionen Dollar, so hoch wie noch nie zuvor, verteilt auf mehr als 500 Lose und vier Auktionen. Bei Sotheby's sind es fast 500 Lose, drei Auktionen und immerhin fast 400 Millionen Dollar. Phillips de Pury folgt mit einer oberen Gesamttaxe von fast fünfzig Millionen Dollar. Für die Abendauktionen zeitgenössischer Kunst haben die Auktionshäuser wohl rund 300 Millionen Dollar in Garantien verteilt.

Der Gewinn - oder auch Verlust - bei diesem riskanten Spiel könnte beachtlich sein, aber der Optimismus ist ungebrochen: „Der schwache Dollar ist ein Segen“, sagt die Direktorin für Post-War and Contemporary bei Christie's, Amy Cappellazzo, „die ganze Welt kann jetzt bei uns einkaufen.“ Das muss auch so sein, denn Amerika allein kann so viel Kunst kaum verkraften. Die steigenden Preise für Gegenwartskunst haben zur Folge, dass sich auch die „Day Sales“ allein bei Sotheby's mit mehr als einem Dutzend Werken in die Millionenkategorie emporgeschwungen haben.

Auswahl aus der Sammlung Stone

Der Reigen der zeitgenössischen Auktionen beginnt am 12. November mit der Sonderauktion „Selections from the Allan Stone Collection“ bei Christie's. Der im Dezember 2006 verstorbene New Yorker Galerist war ein obsessiver Sammler mit dem Hang zur schrulligen Mischung. Christie's bringt eine hochkarätige, aber ungewöhnliche Auswahl unter den Hammer: Der eindrucksvolle Nagelfetisch aus dem Kongo (Taxe 120.000 /180.000 Dollar) und der geschwungene Wandschirm von Antoni Gaudí (1,5/2,5 Millionen) tauchen neben den Künstlern auf, die Stone vertrat. Von John Chamberlain stammt die frühe Skulptur „Hatband“ (2,5/3,5 Millionen), von Wayne Thiebaud ein Gemälde mit sieben knallbunten Lutschern (1,4/1,8 Millionen). Spitzenstück ist Willem de Koonings „Untitled“ von 1942, eine frühe meisterhafte Abstraktion, für sechs bis zehn Millionen Dollar.

Am nächsten Tag folgt der reguläre „Post-War and Contemporary Art Evening Sale“ bei Christie's. Schon seit einigen Tagen prangt eines der Highlights vor dem Haupteingang der Firma am Rockefeller Center: Jeff Koons' übermannshoher „Diamond (Blue)“ aus gefärbtem, verchromtem Edelstahl kommt vermutlich aus der Sammlung von Benedikt Taschen. Der blau glänzende Mega-Diamant ist Teil der Serie „Celebration“. Es gibt ihn noch in vier anderen Versionen: Der pinkfarbene gehört dem Hedge-Fonds-Manager David Ganek. Die Schätzung wird auf Anfrage mit zwanzig Millionen Dollar angegeben, mehr als das Dreifache des bisherigen Auktionsrekords für Koons. (Aber Insider sagen, Bernard Arnault habe privat schon ebenso viel für einen seiner „Balloon Dogs“ bezahlt.)

Rekordtaxe für Lucian Freud

Aus einer amerikanischen Sammlung kommt Lucian Freuds „Ib and her Husband“, ein pastoses Doppelporträt seiner schwangeren Tochter und ihrem Mann, auf einem Bett liegend. Hinter „Estimate on Request“ verbirgt sich die Erwartung von mehr als fünfzehn Millionen Dollar und damit vielleicht ein neuer Rekord für den 1922 in Berlin geborenen Enkel von Sigmund Freud. Im Frühling wurde ein Werk von Rothko bei Sotheby's mit einem Hammerpreis von 65 Millionen Dollar zum bisher teuersten Werk in der Kategorie Post-War und Contemporary. Das hatte zur Folge, dass den Auktionshäusern in dieser Saison mehr Bilder von Rothko als je zuvor angeboten wurden. Das am höchsten bewertete unter ihnen, „Untitled (Red, Blue, Orange)“ von 1955, soll zwischen 25 und 35 Millionen Dollar erzielen.

Das Bild mit dem großen blauen über dem flachen orangefarbenen Feld wird aus einer „Private European Family Collection“ eingeliefert. Dabei handelt es sich um die Sammlung der Familie von Viktor und Marianne Langen. Das Ehepaar Langen sammelte seit den fünfziger Jahren sowohl japanische Kunst als auch moderne und zeitgenössische westliche Kunst. Ihre Stiftung auf der Raketenstation der Insel Hombroich ist in einem Museum von Tadao Ando beherbergt. Auch zwei der teuersten Stücke bei Sotheby's, beide von Bacon, werden aus der Sammlung der Familie eingeliefert. Auf alle drei Stücke haben die Auktionshäuser eine Garantie gegeben, das heißt, dass die Familie wohl mindestens mit einer Summe von 75 Millionen Dollar rechnen kann.

Gerhard Richters „Düsenjäger“

Zu den mit Spannung erwarteten Losen der Woche gehört Gerhard Richters frühes Hauptwerk „Düsenjäger“ von 1963. Die 130 mal 200 Zentimeter messende Leinwand aus der Sammlung von Susan und Lewis Manilow ist ein „unglaubliches, global verständliches Symbol des Kalten Krieges“, so Amy Cappellazzo von Christie's. Sie erwartet deshalb Gebote aus allen Teilen der Welt. Schon die untere Taxe von zehn Millionen Dollar wäre ein neuer Auktionsrekord für Richter, obwohl seine Werke privat schon höhere Preise erzielt haben.

Kurz darauf kommt sein dunkles, zwei mal drei Meter messendes „Abstraktes Bild (559-2)“ von 1984 zum Aufruf (4/6 Millionen). Es wird von der Familie der Kölner Sammler Michael und Eleonore Stoffel eingeliefert, von denen rund 200 Werke kürzlich der Pinakothek der Moderne in München als unkündbare Dauerleihgabe zugesagt wurden.

Enorme Gewinnspanne für Warhols „Liz, Colored Liz“

Keine Auktion mit Gegenwartskunst ist ohne Andy Warhol denkbar. Das aufsehenerregendste Stück ist diese Woche sein ikonenhaftes Porträt der jungen Schauspielerin Elizabeth Taylor vor türkisfarbenem Grund. Als „Liz, Colored Liz“ von 1963 vor sechs Jahren bei Sotheby's in New York für 3,5 Millionen Dollar versteigert wurde, ging es an den englischen Schauspieler Hugh Grant, der in „Mickey Blue Eyes“ selbst schon als Auktionator vor der Kamera stand. Die Gewinnspanne ist erheblich: Die Taxe liegt jetzt bei erstaunlichen 25 bis 35 Millionen Dollar. Die bisher teuerste „Liz“ in der Größe von einem mal einem Meter ist ein Porträt vor blutrotem Grund, für die der Londoner Juwelier Laurence Graff vor zwei Jahren 12,6 Millionen Dollar gezahlt hat. Von Hugh Grant heißt es, dass er seine Sammeltätigkeit auf jüngere Künstler verlagern will.

Das Titellos bei Sotheby's am nächsten Abend ist Jeff Koons' „Hanging Heart (Magenta/Gold)“ für geschätzte fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar, das Insider als Teil der Sammlung des New Yorker Hedge-Fonds-Managers Adam Lindemann erkennen. Er ist der Sohn von George Lindemann, der in der Woche davor Franz Marcs „Wasserfall“ einliefert, und kennt sich mit Kunst als Investition aus, denn er ist der Autor des Buchs „Collecting Contemporary“. Das rot glänzende Koons-Herz aus Stahl ist genauso überdimensioniert, bunt und kitschig wie der blaue Diamant bei Christie's, und ebenfalls aus der Serie „Celebration“.

Rothko zeigt Potential

Es ist nicht die einzige auffällige Parallele auf den Abendveranstaltungen in dieser Saison: Sowohl Sotheby's als auch Christie's haben eine schwarz-graue Komposition von Rothko von 1969 im Programm. Bei Sotheby's lautet die Taxe zwölf bis achtzehn Millionen Dollar und bei Christie's zehn bis fünfzehn Millionen. Der ungenannte Einlieferer bei Sotheby's hatte sein Bild 1996 in New York für den Hammerpreis von 800.000 Dollar ersteigert. Nachdem im Frühjahr bei Phillips eine silberglänzende Tafel von Rudolf Stingel ihre Taxe verzehnfachte und bis auf 620.000 Dollar kletterte, wurde der Künstler nun in den Kanon der Abendauktionen bei Christie's und Sotheby's aufgenommen.

Eine mit Graffiti übersäte Silberfolie von 2003 ist bei Sotheby's auf 600.000 bis 800.000 Dollar geschätzt. Alle drei Auktionshäuser integrieren endlich chinesische Künstler in die allgemeinen Gegenwarts-Auktionen. Und so tauchen überall die Werke von Fanzhi Zeng auf. Bei Sotheby's trägt „Mask Series 99-A-2“ des 1964 geborenen Künstlers eine Taxe von 900.000 bis 1,2 Millionen Dollar. Auch die „Bloodline Series“ von Zhang Xiaogang dürfen nicht fehlen. Für sein von roten Fäden durchzogenes „Family Portrait“ werden 2,5 bis 3,5 Millionen erwartet.

Zwei Gemälde von Bacon aus der Sammlung Langen

Sotheby's kann mit zwei bedeutenden Kompositionen von Francis Bacon prunken, beide aus der Sammlung der Familie von Viktor und Marianne Langen. Das schwungvolle Selbstporträt von 1969 zeigt den damals sechzigjährigen Künstler in den schillernden Farben einer langsam heilenden Verletzung. Auf Anfrage lautet die Schätzung fünfzehn Millionen Dollar. Der geisterhafte Stierkampf „Second Version of Study for Bullfight No. 1“, 200 mal 148 Zentimeter groß und von beeindruckender Wucht und Abstraktion, soll sogar mehr als 35 Millionen Dollar einspielen.

Am 15. November schließlich lädt Phillips de Pury wieder ins boomende Galerienviertel Chelsea. Auch hier kommt eine der beliebten Krankenschwestern von Richard Prince zum Aufruf, dessen Retrospektive im Guggenheim Museum derzeit die New Yorker Gemüter bewegt. Sie basieren auf Buchumschlägen von Schundromanen, die im Krankenhausmilieu spielen. Seine schöne „Registered Nurse“ von 2002 hat einen suggestiv verschmierten Mund und stolze, aber wohl realistische Preisvorstellungen von 1,5 bis 2,5 Millionen Dollar. Werke von alten und jungen Klassikern, wie de Koonings rotgelbe Komposition „Untitled XVI“ von 1982 (5/7 Millionen) und Hirsts „Love Affair“ (1,5/2,5 Millionen) aus der Schmetterlingsserie, stehen neben relativen Newcomern der Auktionsszene wie Steven Parrinos „Blue Idiot“ (400.000/600.000).

Quelle: F.A.Z., 03.11.2007, Nr. 256 / Seite 47
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Irisches Signal

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Iren haben für Haushaltsdisziplin und Schuldenbremse gestimmt. Damit schaffen sie Voraussetzungen für dauerhaftes Wachstum. Vielleicht entfaltet das Signalwirkung für den Rest der Eurozone. Mehr 17 8

01.06.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.050,29 −3,42%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.319,85 −3,26%
Dow Jones 12.118,60 −2,22%
EUR/USD 1,2433 +0,58%
Rohöl Brent Crude 98,82 $ −2,76%
Gold 1.606,00 $ +3,08%