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Sozialistischer Realismus in Berlin Ikonenmalerei

04.11.2009 ·  Feiern, preisen und rühmen: Das war eine Funktion der Malerei des Sozialistischen Realismus. Eine Berliner Ausstellung mit Gemälden aus italienischen Privatsammlungen wird zum kathartischen Erlebnis.

Von Peter Richter
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Am anrührendsten ist es immer, wenn die Fabrikarbeiterinnen in hochhackigen Schuhen um ihre Maschinen tanzen oder wenn die Jungbäuerin in High Heels und Cocktailkleid zur Planbesprechung im Matsch des Kolchosenackers erscheint. Es sind diese merkwürdigen Surrealismen, in denen plötzlich und als verzweifelte Forcierung all die Wahrheiten und Probleme aufscheinen, die in solchen Bildern eigentlich mit softimpressionistischen Pinselschlägen zu verdecken waren.

Da brechen Widersprüche durch, die in der Malerei selbst wohnten: Da will jemand Manet sein, muss aber Leibl malen. Das Problem des sogenannten Sozialistischen Realismus bestand ja immer schon darin, dass er gewissermaßen als Konterrevolution begann, als das stalinistisch verfügte Ende aller sowjetrussischen Avantgardismen und als Wieder-ins-Amt-Setzung einer vorrevolutionären, zaristischen, selbst damals schon konservativen Malerei und ihrer Vertreter, die sogar ihre Themen und Motive mitbringen durften.

Hagiographische Jubelmalerei

Der soziale Realismus des 19. Jahrhunderts wurde geschätzt, weil er durch seine romantischen Gene volkstümlich war und durch seinen naturalistischen Habitus eine Kritik an der Welt, wie sie ist, implizierte und dadurch einen politischen Handlungsimpuls. Genau den mussten sich die Maler eines sozialistischen Realismus per definitionem aber versagen: Hier gab es nichts zu kritisieren, hier gab es ausschließlich zu feiern, zu preisen und zu rühmen.

Das Ergebnis war eine hagiographische Jubelmalerei, wie es sie seit dem Barock in Europa so nicht mehr gegeben hatte; geschaffen von Malern, die, auch das gab es so zuletzt an Fürstenhöfen, als Staatsangestellte ein festes Gehalt dafür bezogen, dass sie ebenso feste ikonographische Formeln reproduzierten: Arbeiter, Bauern, Fabriken, maschinisierte Felder, Weltkriegshelden, Sportler, Frauen - einmal als Werktätige, dann aber auch als die jungen Muttis künftiger Sowjetbürger. Und natürlich immer wieder Lenin, der in den immergleichen zwei oder drei offiziellen Fotoposen ewiglich wiederkehrt: sowjetische Ikonenmalerei.

Ein gewaltiges Konvolut davon ist jetzt bei Jeschke Van Vliet in Berlin ausgestellt, 140 Bilder davon sollen am 6. November zur Versteigerung kommen. Sie stammen aus italienischen Privatsammlungen, die nach der Wende mit einem Schleppnetz durch die Staatskunstbestände gegangen sein müssen; hängengeblieben ist weniger das Herausragende als das Typische. Anschauen sollte man sich die 259 Gemälde (in enger Petersburger Hängung) aber auf jeden Fall: Es ist ein Erlebnis, wie man es bei uns höchstens im „Musikantenstadl“ hat, die kathartische Wirkung einer Überdosis „Optimismus“ und normativer „Lebensfreude“.

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