Home
http://www.faz.net/-gz2-btp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rückenakt von Michelangelo Einer aus der Schlacht von Cascina

15.06.2011 ·  Diese Kreidezeichnung ist die einzige Studie von Michelangelos „Schlacht von Cascina“ in privater Hand. Bei Christie's in London soll das Blatt drei bis fünf Millionen Pfund einspielen.

Von Gina Thomas, London
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Es war ein brillanter Einfall von Michelangelo, für seine Darstellung der Schlacht von Cascina den Augenblick zu wählen, da das sich nach der Hitze des Tages mit einem Bad im Arno abkühlende florentinische Heer von einem Angriff des pisanischen Erzfeindes überrascht wurde. Nicht das Gefecht selbst, sondern das auf den Alarmruf folgende, ungestüme Rennen nach den Waffen, das dem Künstler reichlich Gelegenheit bot für dramatische Ausdrucksformen, sollte im Mittelpunkt dieses nie realisierten Wandgemäldes für den Großen Ratssaal des Palazzo della Signoria in Florenz stehen.

Das Fresko mit dem Triumph von 1364 sollte als Gegenstück dienen zur Darstellung des 1440 errungenen Sieges über die Mailänder bei Anghiari, mit der Leonardo bereits befasst war, als Michelangelo im Sommer des Jahres 1504 den Auftrag erhielt. Mit dieser Rückbesinnung auf alte Triumphe wollte die bedrängte Florentinische Republik ihre Legitimität untermauern und sich Mut machen in einer Zeit, da es wieder einmal galt, die aufständischen Pisaner im Zaun zu halten. Dass der Gonfaloniere Piero Soderini zwei Titanen für dieses Vorhaben gewinnen konnte, verlieh der propagandistischen Absicht zusätzlichen Nachdruck.

Aber der Wettstreit zwischen Michelangelo und Leonardo wurde nie zu Ende geführt. Leonardo brach die Arbeit an dem Fresko im Mai 1506 ab, Michelangelo war bereits im März 1505 dem Ruf des Papstes Julius II. nach Rom gefolgt. Er hinterließ einen Karton, von dem Benvenuto Cellini später schwärmte, Michelangelo habe in der Sixtinischen Kapelle „nicht zur Hälfte die Vortrefflichkeit dieses ersten Werkes“ erreicht, „und sein Talent erhob sich niemals zur Stärke dieser früheren Studien wieder“.

Die Bewunderung, die nachfolgende Künstler für diesen Karton hegten, der, wie Cellini berichtet, solange er im Palast der Medici ausgestellt war, „die Schule der Welt“ gewesen sei, führte zu seiner Zerstörung durch Abnutzung und Zerteilung. Geblieben sind lediglich eine auf dem englischen Landsitz Holkham Hall bewahrte Grisaille-Kopie des zentralen Teils der Komposition mit den „Badenden“ von Bastiano da Sangallo und zwei Dutzend über verschiedene Museen zerstreute Zeichnungen Michelangelos, die im Zusammenhang mit dem Projekt stehen.

Spät erfolgte erst die Zuschreibung

Die einzige noch in Privathand befindliche Studie für „Die Schlacht von Cascina“ wird jetzt am 5. Juli bei Christie's in London in der Abendauktion mit Alten Meistern angeboten. Es handelt sich um die schwarze Kreidezeichnung eines männlichen Rückenakts mit erhobenem rechten Arm, die wohl einem frühen Stadium der Ausarbeitung des Sujets zuzuordnen ist; denn die sich drehende Figur ist in der endgültigen Komposition nicht zu finden. Das Blatt gehörte einst dem Kunsthistoriker, Übersetzer und Sammler Benno Geiger, der seine Handzeichnungen mit einem Vorwort seines verehrten Nachbarn in Rodaun, Hugo von Hofmannsthal, publizierte.

Später befand sich die, damals noch dem Umkreis Michelangelos zugewiesene, Skizze im Besitz des Kunsthistoriker-Ehepaars Albin und Charlotte von Prybram-Gradona. Erst nachdem das Blatt über den Schweizer Handel vom amerikanischen Sammler Melvin R. Seiden erworben und dem Fogg Art Museum als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde, erfolgte die allgemein anerkannte Zuschreibung an Michelangelo selbst durch Konrad Oberhuber. Auf der Rückseite befinden sich drei weitere Skizzen, die mit den „Badenden“ in Verbindung zu bringen sind und für die Eigenhändigkeit sprechen. Die Zeichnung war unlängst in der Michelangelo-Ausstellung der Albertina zu sehen, deren Katalog der im Januar gestorbene Seiden noch finanziert hat.

Christie's versieht das Los mit einer - wohl seine Bescheidung und den etwas beriebenen Zustand in Rechnung stellenden - Schätzung von drei bis fünf Millionen Pfund, die deutlich unter dem im Juli 2000 mit dem auferstandenen Christus erzielten Rekord von 7,4 Millionen Pfund für eine Michelangelo-Zeichnung liegt. Allerdings war jene auch nur mit 4,5 Millionen Pfund taxiert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

Jüngste Beiträge

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 31

31.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.264,38 −0,26%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.364,39 −0,33%
Dow Jones 12.393,50 −0,21%
EUR/USD 1,2348 −0,11%
Rohöl Brent Crude 101,57 $ −0,05%
Gold 1.558,00 $ +1,17%