01.07.2009 · Über jeden Zweifel erhaben: Die große „Willkommensauktion“ bei Ketterer in München hat gezeigt, dass die Investition in etablierte Sachwerte weiterhin beliebt ist. Als krisenbeständig profilierte sich auch ein Werk von Franz Radziwill, das zum Spitzenlos avancierte. Der Nachbericht.
Von Brita Sachs, MünchenMit seiner Willkommensauktion im neuen Haus in München-Riem kann Robert Ketterer sehr zufrieden sein; er nannte sie „ausgezeichnet und spannend“. Insbesondere die über jeden Zweifel erhabene Klassische Moderne stand gut da mit siebzig Prozent verkaufter Lose und einer Zuschlagsumme von 97 Prozent der addierten Schätzungen. Der Wunsch nach Investition in etablierte Sachwerte hält sichtlich an, und wie so viele Auktionatoren betont auch Ketterer, dass es dieser Tage weitaus schwieriger sei, Besitzer guter Kunstwerke zum Einliefern zu bewegen, als solcherart krisenbeständige Werte bestens zu verkaufen. Der Spitzenpreis entfiel auf Franz Radziwills „Gespräch über einen Paragraphen“: ein Bild von 1929, das der Künstler um 1960 vermutlich mit der aufkommenden Diskussion über den Abtreibungsparagraphen 218 überarbeitete.
Langwährendes Bieten beendete der Hammer schließlich bei 292.000 Euro (Taxe 150.000/250.000); für den siegreichen Münchner Sammler bedeutet das einen Bruttobetrag von 355.000 Euro. Für den unterlegenen Repräsentanten eines griechischen Sammlers war dies bereits die zweite empfindlichen Schlappe; die erste verpasste ihm der Wiener Großsammler Rudolf Leopold mit dem Kauf von Hanns Bolz' Porträt einer „Dame mit Hut“ von 1909/11, für das Leopold mit 107.000 Euro die dreifache Obertaxe bewilligte, was dem nur bruchstückhaft erhaltenen Œuvre des eigenwilligen Avantgardisten auch gleich einen neuen Rekord bescherte: bittere Niederlage für den Gegenbieter, der 2008 bei Ketterer das exquisite Flechtheim-Porträt von Bolz für seinen griechischen Auftraggeber ersteigern konnte.
Begehrte Blätter von Kirchner
Erfolgreich wie so viele seiner Aquarelle, entsprachen Noldes „Pfingstrosen in blauer Vase“ mit 120.000 Euro ganz der Erwartung, während Renoirs in Cagnes gemalte „Allée d'arbres“ erst im Nachverkauf für 80.000 Euro (100.000) ging. Ein Liebespaar, von Max Liebermann durch den düsteren Grunewald geschickt, erreichte seine Taxe mit 50.000 Euro; deutlich mehr als gedacht brachte sein Pastell einer hochsommerlichen Blumenrabatte im Wannseegarten mit 34.000 Euro. Gute Kirchner-Blätter gelten als „sichere Aktien“, entsprechend umwirbt man sie: Das beste Ergebnis in einer erfolgreichen Suite verbuchte diesmal das frische Aquarell „Staffelalp“ mit 56.000 Euro, bewilligt vom Schweizer Handel.
Keinen Anklang fand aber Jawlenskys Landschaftsskizze vom Genfer See aus dem guten Jahr 1915. Ein Berliner Sammler gab die finalen Gebote für gleich drei bedeutende Bronzen ab: Barlachs „Geistkämpfer“ als einen von zwei Lebzeitgüssen höchster Rarität bekam er für 150.000 Euro, zur Untertaxe, zugeschlagen; dann Matarés „Große liegende Kuh“ für 85.000 Euro (50.000/70.000), und das Unikat der weiblichen „Elegie“ von Fritz Klimsch nahm er zur doppelten Taxe bei 55000 Euro.
Informel im Aufwind
Alte Kunst einschließlich solcher des 19. Jahrhunderts wird ab sofort viermal im Jahr bei Ketterer in München versteigert - wie die moderne und zeitgenössische Kunst auch. Zum Einstand konnten die Alten noch nicht im erhofften Umfang punkten. Immerhin 57 Prozent des übersichtlichen Angebots fanden Abnehmer, darunter eine felsige Waldsituation von Corot, zugeschlagen bei 23.000 Euro (30.000), und Wilhelm Buschs wunderbare, unter hellen Strömen verharrende „Große Gewitterlandschaft“, die 21.000 Euro (10.000) schaffte.
Einen weit erheblicheren Batzen zum Gesamterlös der Auktion von brutto 4,7 Millionen Euro lieferte die Strecke mit Kunst von 1945 bis heute. Dabei schnitt ausgezeichnet die weiterhin im Aufwind segelnde Malerei des Informel ab, wobei sich ein sehr wählerisches Vorgehen bei der Annahme bezahlt machte: Aufgerufen bei 14.000 Euro, stieg eine hochdynamische, besonders ausgewogene Komposition der gerakelten Schlingen des Karl Otto Götz mühelos auf 48.000 Euro (20.000/30.000). Ein kalligraphisches Geflecht von Peter Brüning verfehlte die Schätzung knapp mit 22.000 Euro, und Fritz Winters leuchtende, mit frischem Blau verzahnte „Rote Klänge“ von 1967 aus dem Werkkomplex der „Reihenbilder“ wechselten erst bei 60.000 Euro (15.000/20.000) in eine österreichische Privatsammlung.
Lucio Fontana als Sieger
Dem Schauspieler Bernhard Minetti gehörten zwei Schumacher-Werke mit dominantem Rot, die nun getrennte Wege nehmen: Während dem kleineren bei 44.000 Euro (25.000/35.000) der Einzug in eine Berliner Privatkollektion gelang, enttäuschte das größere mit einem Vorbehaltszuschlag. Norbert Krickes hinreißende Raumplastik aus glänzenden Edelstahlstäbchen korrigierte ihre Bewertung verdient auf 76.000 Euro.
Balkenhols „Mann mit Messer“ blieb unbeboten; er traf ohne weißes Hemd, aber waffetragend offenbar nicht das Ideal vom Werk des Bildschnitzers. Auch Jonathan Meese verbuchte einen Rückgang, einen Vorbehalt und für das Bild „Pazuzuz, Draculä . . .“ einen Zuschlag von 18.000 Euro (20.000). Als glorreicher Sieger dieser Strecke steht Lucio Fontana da mit einem weißen „Concetto Spaziale“ - kleiner als ein DIN-A4-Blatt, aber mit 120.000 Euro (70.000/90.000) vom britischen Handel belohnt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |