09.07.2009 · Wie Rosinen pickten sich die Bieter bei der Münchner Auktion mit Alter und Neuer Kunst ihre Wunschlose heraus - die Ergebnisse aus dem Haus Neumeister.
Von Brita Sachs, MünchenEin Bild sorgte in München auf Neumeisters Auktion Alter Kunst für Wirbel. Es zeigt eine Gruppe Kartenspieler, prassende Schlemmer dazu und Musikanten, im Hintergrund die arbeitende Bevölkerung in Gestalt eines Bauernpaars. Auf die Rückseite schrieb irgendwann jemand: „Castel Frank. Pinxit“. Im Katalog steht, dass diese Bezeichnung sich „offenbar auf Giorgione da Castelfranco, gen. Giorgione“ beziehe, der 1477 oder 1478 in Castelfranco im Veneto geboren wurde.
Die Experten bei Neumeister sahen jedoch einen ferraresischen Künstler des späteren 16. Jahrhunderts am Werk und schätzten die „Allegorie auf das maßlose Leben“ auf 2000 Euro. Ob die Bieter aus halb Europa, die Katrin Stoll am Pult nach Aufruf des Gemäldes unverhofft mit Geboten überschütteten, den Anonymus benamen können oder ob sie sich die Andeutung auf Giorgione zunutze machen wollten, wird man hoffentlich eines Tages von dem französischen Händler erfahren, der bei 225.000 Euro den Sieg am Telefon davontrug.
Spitzweg behauptet sich
Nicht immer saß die Brieftasche so locker, einige der Hauptlose schafften nicht den Mindestpreis; andererseits gelang einem Frauenbild des niederländischen Barocks, das vielleicht Maria Magdalena darstellt, ein Satz von 2500 auf 15.000 Euro. Und weil ein Wall-Street-Banker sich telefonisch für sie stark machte, sprangen auch zwei Löwen, die Andrea Appiani zeichnete, von 800 auf 9500 Euro.
Beim 19. Jahrhundert behauptete sich Spitzweg gut, als seine Ölskizze einer Landschaft mit Gehöft bei Aschau für 13.000 Euro (Taxe 12.000) den Eigentümer wechselte. Ein Rehbock-Bild Heinrich von Zügels bewies Beliebtheit mit 16.000 Euro (7000), und Hugo Ungewitters „Kosake mit Pferd und Hunden“ erzielte beachtliche 15.000 (5000). Aber den höchsten Preis verbuchte hier Ludwig Deutschs Riesenformat „Ägyptische Straßenszene“, das fast nach Griechenland gezogen wäre, aber endlich für 88.000 Euro (78.000) an einen Saalbieter mit Handy ging.
Eine Femme fatale für Griechenland
Als teuerste Skulptur schnitt ein niederrheinisches Relief aus der Zeit um 1500 ab: Die Darstellung von Judas, der für seinen Verrat dreißig Silberlinge beim Hohen Rat aushandelt, erfüllte mit 40.000 Euro die Erwartung. Das Gleiche tat ein „Chronos“ mit Sanduhr vom Barockbildhauer Johann Peter Wagner bei 12.000 Euro. Drei Amazonen ritten dem Kunsthandwerk voran auf ihrem dreißig Zentimeter hohen Kugelfußbecher, den Adolf Gaap gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Augsburg prächtigst schmiedete und der mit 40.000 Euro die Taxe traf.
Begonnen hatte Neumeister die Saison mit moderner Kunst. Da gab es ein stattliches Weib mit freigelegter Körperfront, das Fritz Erlers symbolistische Vorstellungskraft den Kopf eines zahmen Panthers streicheln ließ, derweil ihr der Fächer Kühlung gibt. Zu dieser Femme fatale saß dem Maler der Münchner Künstlergruppe „Scholle“ wohl eine Bajuwarin Modell, die auf ihrer mediterranen Terrasse gar nicht mal schlecht nach Griechenland passt, wohin sie für 45.500 Euro (18.000/20.000) verkauft wurde.
Kühe von Kirchner
Derselbe Sammler bewilligte auch das Höchstergebnis hier, nämlich 100.500 Euro (90.000/120.000) für ein ansprechendes Beispiel dessen, was Gabriele Münter ihren „abstrakten Anarchismus“ nannte - es erinnert entfernt an tropische Vegetation. Mit bis zu 200.000 Euro war Noldes Aquarell einer „Marschlandschaft“ mit leichten Zustandsmängeln zu optimistisch eingeschätzt. Anders „Auf der Alm“, wo Kühe tollen, die Kirchner 1928 je in einem Rutsch zeichnete, ohne den Stift neu anzusetzen; das Blatt stieg auf 23.500 Euro (14.000/16.000).
Auch bei der jüngeren Kunst pickten die Bieter nach den Rosinen; Günther Fruhtrunks 1975 mit dominantem Grün auf Leinwand gestreifte „Beharrung“ traf mit 13.000 Euro die Taxmarge, ebenso Walter Stöhrers „Syntax ist ein Unvermögen der Seele“ mit 22.000. Den gleichen Preis brachte Giacomo Manzùs Bronzeunikat der liegenden „Modella distesa“ (20.000/30.000). Vor drei Jahren erst malte Herbert Brandl sein „Kornfeld“, eine strikte Landschaft in Gelb vor Blau, die angestrebte 20.000 Euro erzielte.
Ein Glückspilz trennt sich
Noch jünger ist eine Monotypie Gerhard Richters, sie stammt vom 9. Juni 2008, und sie liefert ein gutes Beispiel für die stattliche Rendite, die derartige Richter-Serienstücke abwerfen können: 78 DIN-A4-große Vorzugsexemplare, die er in einer Art Abklatschverfahren von der Arbeit „Sindbad“ abnahm, übergab der Künstler als Finanzierungshilfe seiner Ausstellung „Abstrakte Bilder“, die erst in Köln zu sehen war und kürzlich in München zu Ende ging, den Fördervereinen beider Museen. Notariell verlost, kosteten die Blätter ihre Gewinner 7500 Euro plus Mehrwertsteuer. Ein Münchner Glückspilz hatte es jedoch eilig, sich von seiner Trophäe zu trennen: Geschätzt auf 16.000 bis 20.000, brachte ihm sein Juni-Bild nun bereits 26.000 Euro.
Unter den Hammer kam auch Kunst aus dem Nachlass des Münchner Galeristen Jürgen Hermeyer - zu Bedingungen, die schon vorher den Unmut betroffener Künstler erregt hatten: Sie beklagten die zum Teil großen Mengen an Werken, die den Markt zu überschwemmen drohten, zumal die Taxen weit unter eingeführten Galeriepreisen auf Schleuderpreisniveau lagen. Die hohe Verkaufsquote scheint ihnen recht zu geben. Unter Arbeiten von Dieter Appelt, Ralph Fleck, Antonius Höckelmann, Alfred Hrdlicka, Jürgen Klauke, Cornelia Schleime, Bernd Zimmer und vielen anderen schnitt mit 7000 Euro ein Gemälde von Helmut Pfeuffer bei weitem am höchsten ab. Ein paar Werke aus Hermeyer-Eigentum durften in die Abteilung der „Ausgewählten Werke“ einrücken, wie Josef Scharls Männerbildnis „Das Monokel“, das für 15000 Euro (15000/20000) in neue Hände kam.
Stücke aus der Sammlung Bareiss
Die angewandten Künste reüssierten mit modernen Entwürfen: Drei farbige Raumkonzepte Peter Kelers ließ sich ein Bieter mitsamt zwei Vintagefotos von ausgeführten Räumen des Bauhausschülers für die addierten Untertaxen bei 6150 Euro zuschlagen. Um 1988 schuf Philippe Starck eine Serie von kirschhölzernen Sitzgelegenheiten mit schmalen Aluminiumhörnern als Rückenstützen. Zwei Bänke und sechs Stühle kosteten ihren Käufer mit 5500 Euro den dreifachen Schätzpreis. Afrika, letztmalig bei Neumeister von Karl-Ferdinand Schädler betreut, bot sich nochmals mit einigen Stücken der Sammlung Walter Bareiss dar.
Sein bärtiger Schlangenmann der Djenné-Kultur aus Mali, den auch schon der Künstler Fred Sandback besaß, kam auf erwartete 3200 Euro, eine Hasenkopfmaske der Makonde blieb mit 2300 Euro im Taxrahmen. Aus anderer Einlieferung stammten zwei Stücke der Elfenbeinküste: Eine schwarze Maske der Guro mit feinen stilisierten Gesichtzügen spielte ebenso 13.000 Euro ein wie eine Stehende mit Kammfrisur von den Senufo (Taxe je 12.000/15.000).