Home
http://www.faz.net/-gz2-14x4o
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Josef Mengeles Notizen Der Böse im Banalen

04.02.2010 ·  In einem Kinderbucheinband verborgen: In Amerika sollte ein umfangreiches Notizheft von Josef Mengele versteigert werden. Das Zeugnis der „Banalität des Bösen“ blieb unverkauft, der Katalogtext offenbart die Abgründe.

Von Lorenz Jäger
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Wenn man nach der Pervertierung von Professionen im Nationalsozialismus fragt, dann bilden jene Mediziner, die ihren hippokratischen Eid vergaßen, wohl die unheimlichste Gruppe. Und emblematisch für diese steht der Name Josef Mengele. 1943 kam er als Lagerarzt nach Auschwitz, wo er an Selektionen für die Gaskammern teilnahm und Menschenversuche durchführte, deren Opfer am Ende durch Phenolinjektionen getötet wurden. Nach dem Krieg entkam Mengele nach Südamerika. Papiere aus seinem Nachlass tauchten nun im Auktionskatalog des Hauses Alexander Autographs auf. Es hat seinen Sitz in Stamford im amerikanischen Bundesstaat Connecticut.

Faksimiliert waren auf der Internetseite des Auktionators Aufzeichnungen Mengeles, die sich mit der Begabung einzelner Völker beschäftigten. Deutschland führe, so Mengele, im Fach „Lyrisch“ und „Philosophie“, England bei „Dramat. Lit.“ „Organisation“ und „Naturwiss.“ Russland und Frankreich bei „Erzähl.“ Es hat etwas Gespenstisches, den ausgebreiteten Bildungsanspruch eines Mannes zu sehen, der auch seine Tätigkeit im Lager mit wissenschaftlichen Interessen verbrämen wollte. Seine Zwillingsforschung endete in Auschwitz für die Betroffenen tödlich, die Einzelheiten sind grauenvoll.

Mengeles eugenisch-politische Gedanken

Umso mehr fällt in den Papieren, soweit sie bei „Alexander Autographs“ in englischer Übersetzung einsehbar waren, das auf, was Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“ nannte oder, anders gesagt: die völlige Normalität in vielen Bereichen bei exzessiver Brutalität und Menschenverachtung in anderen. Mengele, dessen Opfer vornehmlich Kinder waren, schrieb seine Notate in einem Kindernotizbuch zur illustrierten Zoologie nieder. 180 Seiten hat er darin beschrieben. Die Aufzeichnungen setzen am 10. Juni 1960 ein. Eugenisch-politische Gedanken sind das Hauptanliegen, dazwischen finden sich eigene Kindheitserinnerungen, Beobachtungen südamerikanischer Fauna und Flora.

Festgehalten wird die Überraschung, als Mengele zum ersten Mal einen Affen sieht. Dazwischen: die Gewissheit, dass inferiore Menschen ausgerottet werden müssten. Freude bereitet ihm die Lektüre des Romans „Dr. Schiwago“ von Pasternak. Die „germanische Religion“ werde falsch dargestellt, glaubt er: Sie sei doch „direkt auf die Natur bezogen, in der die Menschen sich logischerweise zu Hause fühlen“ - wir übersetzen aus dem Englischen des Auktionskataloges ins Deutsche zurück. Man habe auf die „tiefsten Quellen“ deutscher Existenz zurückgreifen müssen, denn die Kirchen, so geht es gleich weiter, hätten angesichts des Versailler Vertrages versagt.

Stolz berichtet Mengele, wie er selbst Sonnenwendfeiern ausrichtete. Und das nächste Notat: Er hat einer Kuh geholfen, die im Morast versunken war. Die britische Herrschaft in Indien sei alles in allem nicht so schlecht gewesen. Die Brahmanen verfügten über einen guten Körperbau: Nachkommen nordischer Rasse! Das Notizenheft war auf 60.000 bis 80.000 Dollar taxiert, aber das höchste Gebot endete bei 30.000 Dollar. Man möchte sich auch den Sammler nicht ausmalen, der solche Dinge im Safe hat.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Gescheitert in Athen

Von Günther Nonnenmacher

Man könnte Griechenland inzwischen einen „gescheiterten Staat“ nennen. Es ist an der Zeit, dass die Europäer daraus Konsequenzen ziehen: Entweder muss das Land den Staatsbankrott anmelden oder die Eurozone verlassen. Mehr 29 69

10.02.2012 16:56 Uhr
  Vortag
Dax 6.698,38 −1,33%
 OK