12.01.2010 · Was jenseits der Yves-Saint-Laurent-Auktion in Paris 2009 wichtig war: Das Resümee des Jahres zeigt einzelne Erfolge, insgesamt aber Umsatzrückgänge.
Von Angelika Heinick, ParisDie Versteigerung der Sammlung Yves Saint Laurent und Pierre Bergé durch die Auktionshäuser Christie's und Pierre Bergé & Associés im Grand Palais hat Paris im Februar 2009 zum Mittelpunkt des internationalen Kunstmarkts gemacht. Mit einem Erlös von 342 Millionen Euro spielte die Sammlung des Modeschöpfers und seines Lebensgefährten ein Drittel des gesamten Pariser Auktionsvolumens des Jahres ein, das auf diese Weise knapp die Milliardengrenze überstieg; allein die sechzig Lose der Moderne-Sammlung erbrachten die Rekordsumme von 206 Millionen Euro.
Also stammen die zehn teuersten Lose des Jahres allesamt aus dieser Sammlung: An der Spitze steht Matisse mit 32 Millionen Euro (Taxe 12/18 Millionen Euro) für sein Ölbild „Les coucous, tapis bleu et rose“, es folgt Brancusi mit der Skulptur „Madame L.R.“ für 26 Millionen Euro (15/20 Millionen), Mondrians „Composition avec bleu, rouge, jaune et noir“ für 19,2 Millionen Euro (7/10 Millionen) und nicht zuletzt der „Dragon Chair“ von Eileen Gray, dessen Zuschlag in Höhe von 19,5 Millionen Euro (2/3 Millionen) die irische Designerin zur absoluten Primadonna des französischen Art déco kürte.
Kaufkraft und Nachfrage bleiben konstant
Der darauffolgende Auktionsalltag fiel naturgemäß vergleichsweise nüchtern aus, auch wenn die Auswirkungen der Finanzkrise sich in Grenzen halten. Wenn man die Sammlung Saint Laurent und Bergé nicht mitrechnet, ist das Auktionsvolumen 2009 in Paris ungefähr um fünfzehn Prozent auf insgesamt rund 740 Millionen Euro zurückgegangen. Die größten Pariser Auktionshäuser haben allesamt Umsatzeinbußen hinnehmen müssen (siehe nebenstehenden Kasten). Erstaunlicherweise hält das Drouot gegenüber 2008 mit unverändertem Umsatz die Stellung. Trotz dieser Schrumpfung ist die Situation keineswegs hoffnungslos. Der Pariser Markt war auch 2007 nur wenig von dem Boom betroffen, und seine Akteure haben in der letzten Zeit verstärkt auf Qualität zu vernünftigen Preisen gesetzt.
Paris verfügt über eine mehrheitlich europäische Käuferschaft, deren Kaufkraft und Nachfrage, geschürt von einem gewissen Mangel an Spitzenstücken, offenbar intakt geblieben sind. Die meisten siebenstelligen Verkäufe des Jahres bestätigen die Vormachtstellung der modernen und zeitgenössischen Kunst: Ein Bronzeguss von Rodins „Denker“ aus dem Besitz des Industriellen Émile Chouanard wechselte bei Mathias-Baron Ribeyre & Associés im Drouot für 2,56 Millionen Euro (400.000) den Besitzer, gefolgt von der „Petite Eve“, ebenfalls ein Entwurf für die „Höllenpforte“, für zwei Millionen Euro (300.000).
Zuschläge in Millionenhöhe für Basquiat
Bei Christie's stand Alberto Giacomettis Gemälde „Portrait de Maurice Lefebvre-Foinet“ von 1964/65 mit 1,95 Millionen Euro (700.000/1 Million) hoch im Kurs; „Le Vide-poches“, eine Gipsskulptur in geometrischer Form von 1930, bestätigte mit 1,55 Millionen Euro (150.000/ 200.000) die Beliebtheit des Schweizer Bildhauers. Sotheby's erzielte für Seurats Zeichnung „Femme avec deux fillettes“ von 1882/84 im Mai 1,3 Millionen Euro (1/1,5 Millionen), und bei Aguttes lag ein Ölbild von Chagall, „Violons et Village“, mit 950.000 Euro (1,2/1,5 Millionen) knapp unter der Millionengrenze. Das Auktionshaus Daguerre verzeichnete im Drouot für den Bildhauer Pablo Gargallo einen Auktionsweltrekord: Seine in Kupfer gearbeitete „Bacchante“, ein Einzelstück von 1926, brachte es auf 560.000 Euro (150.000/200.000).
Jean-Michel Basquiat kann als Pariser Dauerbrenner der zeitgenössischen Kunst gelten - im vergangenen Jahr sorgten gleich drei seiner Werke für Zuschläge in Millionenhöhe: „Porter“ (900.000/1,2 Millionen) von 1984 und „VNDRZ“ (dahinter verbirgt sich der Name des Fotografen James Van Der Zee; 900.000/1,2 Millionen) aus dem Jahr 1982 schlugen bei Millon-Cornette de Saint-Cyr mit 1,25 Millionen Euro und 1,12 Millionen Euro zu Buche, und „Cantasso“ wurde bei Artcurial-Briest-Poulain-F.Tajan für 1,125 Millionen Euro (1,2/1,4 Millionen) zugeschlagen.
Die wichtigsten Alten Meister werden ausgeführt
Zu den solidesten Investitionsobjekten gehört die seit einigen Jahren im Wert steigende französische Nachkriegskunst. Nicolas de Staëls Ölbild „Bouteilles“ von 1954 bestätigt diese Entwicklung mit einem Zuschlag von 1,1 Millionen Euro (1/1,5 Millionen) bei Sotheby's ebenso wie die Gemälde des derzeit im Centre Pompidou mit einer Retrospektive gefeierten Pierre Soulages, dessen „Peinture, 195 × 130 cm, 27 février 1954“ im Dezember bei Sotheby's 740.000 Euro einspielte; bei Christie's bewilligte ein europäischer Sammler für „Peinture, 97 × 130 cm, 15 août 1961“ 670.000 Euro.
Der Pariser Markt für Gemälde Alter Meister und des 19. Jahrhunderts ist verhältnismäßig klein, da Christie's und Sotheby's seit langem die wichtigsten Werke ausführen und in London versteigern. Beide Häuser bestücken ihre Pariser Altmeisterauktionen vorzugsweise mit französischen Werken. So konnte Christie's im Juni eine zauberhafte „Allégorie de la Poésie“ von Eustache Le Sueur für 1,15 Millionen Euro (400.000/600.000) der Galerie Noortman zuschlagen. Sotheby's verzeichnete für François Le Moynes Gemälde auf Kupfer, „Adam et Eve“, mit 1,1 Millionen Euro (200.000/300.000) ebenfalls einen Auktionsweltrekord.
Erfolge mit Ostasiatika und Stammeskunst
Die Spitzenpreise des Jahres wurden naturgemäß für Gemälde aus der Sammlung Yves Saint-Laurent und Pierre Bergé erzielt. Das „Porträt eines Mannes mit einem Buch in der Hand“ von Frans Hals brachte es auf 3,1 Millionen Euro (800.000/1,2 Millionen) und Géricaults Kinderbildnis „Portrait d'Elisabeth et d'Alfred Dedreux“ von 1818 auf acht Millionen (4/6 Millionen). Piasa konnte mit einer monumentalen Leinwand von Jacob Jordaens, „Das Familienkonzert: So wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“, aus der ehemaligen Sammlung der Herzöge von Arenberg, für 1,5 Millionen Euro (1,2/1,5 Millionen) aufwarten.
Im März brillierten bei Sotheby's die Meisterzeichnungen der Sammlung des Schriftstellers Robert Lebel, allen voran eine „Madonna mit Kind und Johannes dem Täufer“ von Parmigianino für 650.000 Euro; im Juni stellte Jean-Marc Delvaux im Drouot mit einer Tuschzeichnung von Ingres, „Virgile lisant l'Enéïde“ der Jahre 1809 bis 1819, zum Preis von 800.000 Euro einen Rekord für eine Zeichnung des Malers auf.
Ostasiatika und Stammeskunst gehören zu den Stärken des Pariser Markts. Sotheby's konnte mit zwei Porzellanflaschen der Ming-Dynastie mit blauer Unterglasurmalerei der Yongle-Periode aus dem frühen 15. Jahrhundert dank des Interesses chinesischer Bieter 1,4 Millionen Euro und 1,5 Millionen Euro (200.000/300.000) verbuchen. Bei Beaussant-Lefèvre ging ein weißes Jadesiegel des Kaisers Qianlong für 1,38 Millionen Euro (300.000/ 400.000) ebenfalls nach China. Die 1,2 Millionen Euro, die ein europäischer Sammler bei Sotheby's für eine Bamana-Maske aus Mali bewilligte, erscheinen angesichts ihrer Seltenheit und außergewöhnlichen Schönheit als gerechtfertigt (300.000/400.000). Die antike Bildhauerei glänzte bei Boisgirard & Associés mit einem römischen Basrelief des zweiten Jahrhunderts, einer Darstellung der „Taten des Herkules“, für 540.000 Euro (400.000/ 500.000).
Ein Brief von Charles Baudelaire
Im Schatten der Superlative wies das Jahr 2009 eine Reihe von Liebhabersammlungen auf wie die Souvenirs des Schauspielers Jean Marais und seines Freundes Jean Cocteau, die bei Fraysse & Associés knapp zwei Millionen Euro erzielten, oder die des Pantomimen Marcel Marceau. Sie brachte es bei Rodolphe Tessier im Drouot auf 490.000 Euro. Fotografien aus den Nachlässen von Cami und Sasha Stone im April in Argenteuil und Ilse Bing im Oktober bei Millon-Cornette de Saint-Cyr brachten Werke zutage, die selten zu finden sind. Freunde edler Tropfen konnten sich im Dezember bei Piasa um 18.000 Flaschen aus dem Keller des legendären Restaurants „La Tour d'Argent“ bemühen; mit 25.000 Euro erzielte eine Flasche Cognac „Clos du Griffier Café Anglais“ von 1788 den höchsten Preis.
Am 30. Juni 1845 schrieb Charles Baudelaire an seinen Notar Narcisse Ancelle, er wolle sich töten, weil er „den anderen unnützlich“ und für sich selbst „gefährlich“ sei. Dieser „Lettre du suicide“ wurde bei Gros-Delettrez für 180.000 Euro (50.000/75.000) versteigert. Der Dichter hat seine Drohung nicht wahr gemacht, und zwölf Jahre später erschienen die „Blumen des Bösen“, von deren Erstausgabe bei Poulet-Malassis ein Exemplar aus dem ehemaligen Besitz des Notars mit 620.000 Euro (120.000/150.000) nun ebenfalls einen Rekordpreis erzielte.
Bilanzen der Pariser Auktionshäuser 2009
Der schon im Jahr 2008 beobachtete Rückgang des Umsatzes bei den meisten großen Pariser Auktionshäusern hat sich ein Jahr später fortgesetzt. Nach dem Boom im Jahr 2007 sind wieder bescheidene Zeiten angebrochen. Der alles überstrahlende Erlös der Sammlung Yves Saint Laurent und Pierre Bergé bei Christie's und Pierre Bergé & Associés, nämlich 342 Millionen Euro, kann an diesen Beobachtungen nicht viel ändern.
Mit 455,2 Millionen Euro setzte Christie's in diesem Ausnahmejahr mehr um als die 74 Auktionshäuser des Hôtel Drouot zusammen. Ohne die Sammlung von Yves Saint Laurent lag der Gesamtumsatz der Auktionsfirma von François Pinault bei 112,8 Millionen Euro. Trotz eines Rückgangs von 25 Prozent gegenüber dem Jahr 2008 rückte Christie's auf den ersten Platz der Pariser Rangliste. Sotheby's, das 2008 erstmals an der Spitze gestanden hatte, büßte 2009 mit 98 Millionen Euro 35 Prozent seines Umsatzes ein.
Artcurial-Briest-Poulain-F.Tajan folgt wie 2008 an dritter Stelle mit einem Umsatzrückgang um vier Prozent auf 80,5 Millionen Euro. Gemessen an den Umständen, ist das keine schlechte Leistung; mit einem Umsatz von 27 Millionen Euro bilden moderne und zeitgenössische Kunst den wichtigsten Pfeiler des Geschäfts. Pierre Bergé & Associés gehört zu den wenigen Pariser Firmen, deren Umsatz im vergangenen Jahr gewachsen ist, und zwar um stolze 35 Prozent auf 48,6 Millionen Euro. Davon wurden 26 Millionen in Brüssel umgesetzt, dessen Markt Pierre Bergé & Associés in wenigen Jahren erobert hat. Bei Tajan ist der Umsatz von 58Millionen Euro auf 36 Millionen Euro gesunken. Piasa hat sogar 25 Prozent verloren und verbucht nun 32,6 Millionen Euro.
Beaussant-Lefèvre zeigt, dass ein kleines Auktionshaus mit Geschick dem Abwärtstrend widerstehen kann: Mit
19,7 Millionen Euro lag der Umsatz um
ein gutes Drittel höher als 2008. Der Gesamtumsatz von Drouot ist mit 410 Millionen Euro, 2008 waren es 411 Millionen, stabil geblieben. Tatsächlich sind dort aus der Masse von 800000 Objekten im vergangenen Jahr so attraktive Sammlungen wie die des Industriellen Émile Chouanard (6,5 Millionen Euro), die Sammlung Vérité mit asiatischer Bildhauerei (3,7 Millionen Euro) und der Fundus Aupick-Ancelle mit Büchern und Autographen von Baudelaire (4 Millionen Euro) aufgerufen worden.
Angelika Heinick