Auf den brillanten Auftakt der am Montagabend versteigerten Modernesammlung Yves Saint Laurents und Pierre Bergés, die für 59 Lose den Rekorderlös von 206 Millionen Euro einspielte, folgte ein ebenso erfolg- und ereignisreicher zweiter Auktionstag. Gemälde Alter Meister und des 19. Jahrhunderts, Goldschmiedekunst der Renaissance und des Barock und angewandte Kunst des 20. Jahrhunderts erbrachten in einem langen Fluss von knapp dreihundert Losen rund 102 Millionen Euro einschließlich Aufgeld. Die wenigen vor allem bei den Gemälden unverkauft gebliebenen Lose fielen bei diesem Ergebnis kaum ins Gewicht - der am Abend erfolgte, zuvor unvorstellbare Rekordpreis von 19,5 Millionen Euro für Eileen Grays „Fauteuil aux Dragons“ von 1917-1919 ließ jegliche Ausfälle vergessen.
Doch zunächst war das festliche Gepräge des Premierenabends unter der Glaskuppel des Grand Palais hellem Nachmittagslicht und einer konzentrierten Atmosphäre gewichen. Dem gleich zu Beginn aufgerufenen kleinen Konvolut Alter Meister und Malerei des 19. Jahrhunderts war nicht in allen Punkten Glück beschieden. Auf den Auktionsweltrekord von acht Millionen Euro (Schätzwert vier bis sechs Millionen) für Théodore Géricault, dessen „Portrait d'Alfred et Elisabeth Dedreux“ ein Saalbieter erfocht, folgten die Rückgänge von vier Werken des Malers, darunter ein Jünglingsporträt und ein stehender Männerakt. Von 24 Losen gingen sechs zurück; der Gesamterlös belief sich auf 22,2 Millionen Euro.
Stabiler Markt in Krisenzeiten
Die Porträtmalerei, der Yves Saint Laurents und Pierre Bergés Vorliebe galt, schnitt fast immer über die Erwartungen hinaus gut ab: Frans Hals' „Porträt eines Mannes mit einem Buch in der Hand“ mit 3,1 Millionen Euro (800.000/1,2 Millionen), Thomas Gainsboroughs Porträt des Kastraten Giusto Ferdinando Tenducci mit 1,9 Millionen Euro zu mehr als dem dreifachen Schätzwert und Ingres' „Porträt der Comtesse de la Rue“ mit 1,8 Millionen Euro knapp unter der Taxe. Pierre Bergé hatte das Prunkstück der Gemäldesammlung, das „Porträt von Don Luis Maria de Cistué“ von 1791, schon im vergangenen Herbst dem Louvre geschenkt; kurz vor der Auktion schenkte er dem Musée d'Orsay einen Wandteppich von Edward Burne-Jones mit der „Anbetung der Könige“. Für 920.000 Euro erhielt ein Privatsammler am Telefon den Zuschlag für dessen Ölbild „Luna“ (300.000/500.000).
Die Goldschmiedekunstsammlung begegnete dem einhelligen Zuspruch einer kleinen, aber entschlossenen Kundschaft. Alle 111 Lose wurden ausnahmslos zu insgesamt 19,9 Millionen Euro zugeschlagen, fast immer über den moderat angesetzten Schätzungen. Die Galerie Kugel, bei der Yves Saint-Laurent und Pierre Bergé zahlreiche Objekte erwarben, konnte einige der Spitzenlose aus der Pokalsammlung des Hauses Hannover zurückkaufen. Für den vierfachen Pokal des Goldschmieds Christoph Uder von 1642, den die Stadt Osterode dem Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg zum Geschenk machte, bewilligte die Galerie mit 710.000 Euro (100.000/150.000) den höchsten Preis, gefolgt von der Bodendick-Tischfontäne des Hamburgers Evert Kettwyck zu 600.000 Euro (150.000/200.000) und dem 113 Zentimeter hohen Pokal der Stadt Lüneburg von Nikolaus Siemens zu 510.000 Euro (120.000/180.000).
Eine Armillarsphäre auf den Schultern von Chronos, um 1630 von Jakob Mannlinch in Troppau gefertigt, erzielte dank der Hartnäckigkeit eines Telefonbieters mit 650.000 Euro mehr als die doppelte Schätzung. Das durchweg glänzende Ergebnis ist sowohl eine Hommage an den von Kennern gelobten Geschmack der Sammler als auch ein Zeichen für einen in Krisenzeiten stabilen Markt.
Am Abend füllte sich der Saal abermals in Erwartung der legendären Art-Déco-Sammlung, die Yves Saint-Laurent und Pierre Bergé begonnen haben, als die angewandte Kunst des frühen 20. Jahrhunderts noch nicht in Mode war. Die irische Designerin Eileen Gray ist emblematisch für eine Epoche, die - mit höchster Raffinesse - mit neuen Formen und Materialien experimentierte.
Der „Drachensessel“: Kostbare Lackarbeit, exotische Gestalt
Die Modistin Suzanne Talbot, die Eileen Gray als erste mit der Ausstattung ihrer Wohnung beauftragte, erwarb von ihr ebenfalls den „Fauteuil aux dragons“, ein Einzelstück mit kostbarer Lackarbeit und exotischer Gestalt, das seit den frühen siebziger Jahren Yves Saint-Laurent und Pierre Bergé gehörte. Die Pariser Galeristen Robert und Cheska Vallois, die das Sitzmöbel 1971 in ihrer jungen Galerie präsentierten, haben den „Drachensessel“ nun zurückerworben. Der Saal wagte nicht mehr zu atmen, als die Gebote um jeweils eine halbe Million Euro zügig in die Höhe schossen. Der Preis von 19,5 Millionen Euro (samt Aufgeld 21,9 Millionen) ist der höchste, der jemals für ein Werk von Eileen Gray und ein Möbelstück des 20. Jahrhunderts auf einer Auktion gezahlt wurde.
Doch geht es dabei vermutlich weniger um irrationale Spekulationen als um den Wunsch des Händlerpaars Vallois, der Einzigartigkeit dieser Designerin ein Denkmal zu setzen. Das als Spitzenlos ausgewiesene Sideboard „Enfilade“ von 1915-1917 (Schätzwert 3 bis 5 Millionen Euro) erreichte hingegen nur 3,5 Millionen Euro und ging an den für einen europäischen Privatsammler bietenden Makler Philippe Ségalot. Die modernistische Hängelampe „Satellite“ aus bemalten Aluminiumringen von 1925 brachte es mit 2,6 Millionen Euro auf den dreifachen Schätzwert. Die beiden Monumentalvasen aus lackiertem Metall von Jean Dunand, die den „Grand Salon“ in der Wohnung Yves Saint-Laurents zierten, wechselten zu 2,7 Millionen Euro (1/1,5 Millionen) telefonisch den Besitzer. Mit siebenstelligen Preisen wurden auch das Paar Stehlampen von Eckhart Muthesius zu 2,2 Millionen Euro (400.000/600.000) und die „YSL-Bar“, die François-Xavier Lalanne 1965 im Auftrag des Modeschöpfers herstellte, zu 2,4 Millionen Euro (200.000/300.000) honoriert.
Während die Qualität der Goldschmiedekunstsammlung Yves Saint Laurent und Pierre Bergé als Ästheten mit Feingefühl für ein nicht leicht zugängliches Spezialgebiet ausweist, zeigt das Ergebnis von Art Déco und Design - der Gesamterlös liegt bei 59,2 Millionen Euro -, dass sie auf diesem Gebiet ihrer Zeit weit voraus waren.