27.08.2010 · Voller Neid blickt man in Spanien auf den Auktionsmarkt im Ausland. Spitzenzuschläge sind in diesem Jahr Mangelware, aber es gibt sie doch.
Von Clementine Kügler, MadridGerade mal ein halbes Dutzend Bilder spielten auf spanischen Auktionen im ersten Halbjahr 2010 mehr als 100.000 Euro ein. Hinzu kommen noch zwei Skulpturen und zwei Liebhaberstücke, ein deutsches Schränkchen nämlich und zwei chinesische Kelche. Nur wenige Sammler oder gut bestückte Familien waren gewillt, in solchen Zeiten ein Meisterwerk in eine spanische Auktion zu geben. Wie die hiesige Fachpresse unumwunden erklärt - und Spitzenpreise in Pfund für Luis Meléndez oder Joaquín Sorolla auch gerade wieder beweisen -, sind New York oder London vorzuziehen.
Ein schwieriges Halbjahr war das also in Spanien für die Auktionshäuser, die dennoch alle der Krise standhielten und neidisch die Rekorde der internationalen Auktionen beäugen. Was übrigens den spanischen Auktionsmarkt immer schon charakterisiert hat: Er köchelt auf kleinerer Flamme. Manch einer, der sich doch trennen wollte oder musste, wurde denn auch enttäuscht: So musste das Madrider Haus Ansorena eine „Hochzeit“ von Chagall, die auf 300.000 Euro geschätzt war, zurücknehmen, und ein kleines Ölbild der Leonora Carrington fand bei Odalys für 250.000 Euro keinen Käufer.
Der Missionar als Märtyrer
Die venezolanische Firma Odalys mit Repräsentationen in Miami und Madrid konnte in der spanischen Hauptstadt im Februar allerdings Werke von Dalí, Frank Stella und Jesús Rafael Soto absetzen - wenn auch leicht unterhalb der Schätzungen. Dalís „Composición Numérica“ von 1960 spielte 400.000 Euro (bei einer Taxe von 450.000/500.000) ein, Stellas Plastik „Modelange“ von 1992 kam auf 375.000 (400.000/450.000) und Sotos Assemblage von 1977 auf immerhin 110.000 Euro (130.000/150.000). Das Haus Arte in Sevilla fand für ein dramatisches Werk Francisco de Zurbaráns einen neuen Besitzer.
Dargestellt ist der selige Tomás de Zumárraga während seines Martyriums. Die Hände an einen Holzpfahl gebunden, zeigt das Antlitz des Dominikaners im Schein der lodernden Flammen gottgewollte Ergebenheit ob der Qual - wie es das Konzil von Trient vorgab, denn keine Gelegenheit befördere den Glauben mehr als der Anblick eines angstfreien Todes. Zumárraga war als Missionar auf die Philippinen und nach Japan geschickt worden, wo er 1622 den Feuertod erlitt. Zwischen 1630 und 1635 in Sevilla entstanden, wechselte Zurbaráns 122 Zentimeter hohes Gemälde im April aus andalusischem Privatbesitz per Telefon in Madrider Hände, zum Ausgangspreis von 350.000 Euro.
Marilyns Lippen von Tom Wesselmann
Ein Zeitgenosse Zurbaráns, Juan de Espinosa, gehörte im Mai mit zwei Stillleben bei Alcalá in Madrid zu den erfolgreichen Losen: Die ausgesprochen gut erhaltenen Bilder eines mit Früchten und Keramik bedeckten Tischs stammen ursprünglich aus dem Argillo-Palast in Saragossa; dort dienten sie mit zwei anderen ähnlichen Stillleben, die sich bereits in einer Madrider Sammlung befinden, als Supraporten. Eingereicht wurden sie aus Madrider Privatbesitz, und wie geschätzt wechselten sie für 150.000 Euro den Besitzer. Belebter ging es im Juli bei Fernando Durán zu: Hier wurde „Marilyn's Mouth“ aufgerufen, die verführerischen Lippen der Ikone, als letzte von mehreren Studien Tom Wesselmanns - makellose Zähne, leichte Rauchschwaden züngeln aus dem rechten Mundwinkel. Bei 150.000 Euro (90.000) sicherte sich eine spanische Sammlung das gerade 23,2 mal 31 Zentimeter große Ölbild von 1967.
Für eine Überraschung sorgten mehrere Bieter im Mai bei Balclis in Barcelona: Hier war das Bildnis eines jungen Mannes des italienischen Manieristen und Vasari-Freundes Francesco Salviati, auch Cecchino de Rossi oder Francesco de Rossi genannt, mit 24.000 Euro deutlich zu niedrig geschätzt und kletterte geschwind auf 125.000 Euro.
Staatliche Zurückhaltung
Großes Interesse riefen auch zwei Antiquitäten hervor: Ein hübsches deutsches Schränkchen aus dem 17. Jahrhundert bezauberte mit seinem barocken Schmuck aus Elfenbein und Schildpatt samt einer elfenbeinernen Venus im perspektivisch gearbeiteten Zentrum gleich mehrere Bieter, die ads Möbelstück bei Durán von 18.000 auf 250.000 Euro trieben. Bei Alcalá spielten sich zwei reichverzierte chinesische Opferkelche aus der Qing-Dynastie von 30.000 auf noble 190.000 Euro hoch; aus honigfarbenem durchbrochenen Rhinozeroshorn gefertigt und auf Sockeln aus geschnitztem Ebenholz montiert, datieren sie aus dem 19. Jahrhundert.
Der Staat, in früheren Jahren ein fleißiger und oft großzügiger Käufer bei Auktionen, hält sich in letzter Zeit bedeckt. Angetan hatte es dem Vertreter des Kulturministeriums, das für Museen und staatliche Sammlungen mit Vorkaufsrecht auftritt, aber ein kostbarer Porzellanteller bei Ansorena - für bescheidene 7000 Euro. Das Stück gehört zum „Servizio Ercolanese“ von 1781/82, das die Königliche Porzellanmanufaktur Neapel einst im Auftrag Ferdinands IV. für dessen Vater, den spanischen König Karl III., angefertigt hatte. Karl III. hatte, bevor er Spanien beherrschte, als Carlo IV. Neapel und Sizilien regiert. Das polychrome Motiv auf dem Teller ist ein tänzelnder Faun.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |