06.12.2008 · Die Herbstauktionen bei der Villa Grisebach in Berlin belegen eindrucksvoll ein klares Preis-Leistungs-Verhältnis: Qualität reüssiert weiterhin.
Von Swantje KarichBis auf den letzten Platz besetzt war die Villa Grisebach in Berlin, als das erste Los der Abendauktion mit „Ausgewählten Werken“ nach vorne getragen wurde: Menzels Porträt des Malers Justus Krauskopf gelang es noch nicht, die Aufmerksamkeit des Saalpublikums auf sich zu ziehen. Zwei Telefonbieter hielt das Bild jedoch in Atem, und bei 12 500 Euro (Taxe 9000/12.000) war der neue Besitzer gefunden.
Dieser gelungene Auftakt lockerte die etwas angespannte Stimmung. Daran änderte auch der Rückgang von Menzels „Tochter des Justizministers Maercker“ (90.000/150.000) im Anschluss nichts mehr. Die erfolgreiche Veranstaltung nahm ihren Lauf, deren großer Gewinner, wie erwartet, Kirchner wurde: Seine Farblithographie „Kokottenkopf in Federhut“ von 1909/10 erzielte mit 520.000 Euro (300.000/350.000) einen deutschen Rekord für eine Papierarbeit und ging damit an eine Berliner Privatsammlung.
Gartenwicken von Lovis Corinth
In der Lovis Corinth gewidmeten Sonderauktion konnten nicht alle zwölf Lose überzeugen, zwei gingen zurück. Dafür wurde das Aquarell „Gartenwicken“ zum zweiten Spitzenlos: Das 1923 wild auf die Leinwand getupfte Blumenstillleben ging mit 180.000 bis 240.000 Euro ins Rennen. Das Publikum raunte, als Auktionator Peter Graf zu Eltz dann einen neuen Weltrekord für den Künstler verkündete - ebenfalls 520.000 Euro, bewilligt von Berlin Privat.
In der Stadt blieb auch das drittteuerste Werk: Liebermanns „Strandleben“ von 1916 schaffte die untere Schätzung von 500.000 Euro. Dass Liebermann ein Garant für gute Ergebnisse ist, zeigte auch sein Gemälde „Karre in den Dünen“ von 1913. Das siebzig mal hundert Zentimeter große Bild löste einen lebhaften Wettbewerb aus, bis schließlich ein Bieter im Saal das finale Gebot von 210.000 Euro (180.000/240.000) abgab.
Gratulation zu einer Berliner Szene
Eine Dame im Saal erhielt einen kräftigen Händedruck von ihrem Nachbarn als Glückwunschgeste, nachdem sie erfolgreich auf Lesser Urys „Berlin bei Nacht“ aus dem Jahr 1889 geboten hatte; 85.000 Euro (60.000/80.000) war dem Interessenten an ihrem Telefon das extreme Hochformat wert. Ein weiter Blick über die Herbstlandschaft bei Neukastel, von Max Slevogt 1929 gemalt, schaffte 90.000 Euro (90.000/120.000).
Heinrich Vogelers „Barkenhoff in der Sonne“ von 1923 blieb mit 30.000 Euro (bis 40.000) an seiner unteren Taxe. Dreimal Paula Modersohn-Becker bedeutete drei unterschiedliche Ergebnisse: Ihr „Brustbild einer alten Frau mit Haube“ der Jahre 1897/98 erzielte 32.000 Euro und erfüllte damit die Erwartung von mindestens 30.000 (bis 40.000); der „Blühende Apfelbaum II“ (90.000/120.000) ging zurück. „Danke, das höre ich gerne“, freute sich der Auktionator, als ein Herr aus den hinteren Reihen erst bei 195.000 Euro für Modersohn-Beckers „Bäuerin mit Kind und Säugling zwischen Birkenstämmen“ in das Bietgefecht einstieg; auch das siegreiche Gebot von 205.000 Euro (150.000/200.000) für das erdige Familienbild kam von ihm.
Das Porträt einer Bäuerin von Barlach
Das grimmige Gesicht von Barlachs „Kopf einer russischen Bäuerin“ aus dem Jahr 1907 schreckte nicht ab: Bis auf 39.000 Euro trieben mehrere Bieter an Telefonen und im Saal die rund vierzig mal dreißig Zentimeter große Tuschpinsel-Zeichnung über die obere Schätzung von 35.000 Euro hinaus. Bei der Schiele-Partie hatte nur das „Nach links blickende Kind mit roter Kappe“ Erfolg; die untere Taxe von 90.000 Euro bewilligte hier ein Herr im Saal mit leichter Hand. Schnell hochgetrieben auf 130.000 Euro (90.000/ 120.000) wurde Noldes um 1935/40 entstandenes Aquarell „Rote Mohn-Blüten“.
Im Anschluss an diese Farbenpracht stand die Corinth-Offerte an: Neben dem Rekord-Blumenstrauß konnte sein Selbstbildnis von 1922 in Kreide auf Velin mit 23.000 Euro (15.000/20.000) punkten, und auch die Zeichnung vom „Brandenburger Tor“ aus dem Jahr 1922 kletterte hoch auf 42.000 Euro (20.000/30.000). Das Gemälde „Flieder in Vase“ für schließlich starke 400.000 Euro (250.000/ 350.000) löste ein beherztes Bietgefecht zwischen zwei Damen im Saal aus.
Im Jahr 1994 ein Spitzenlos
Im Herbst 1994 war Corinths „Weiblicher Halbakt am Fenster“ von 1908 Spitzenlos in der Villa Grisebach. Die Erwartung lag damals bei 500.000 bis 700.000 Mark, und das Porträt seiner Frau Charlotte ging für 450.000 Mark an ein privates Gebot aus Norddeutschland. Nun war das Bild mit 200.000 bis 300.000 Euro ausgezeichnet und wurde unter Vorbehalt bei 195.000 Euro zugeschlagen.
Ganz ohne Gebot aber blieb eines der höchsttaxierten Lose, nämlich Christian Schads „Hochwald“ (400.000/600.000) von 1936. Der inzwischen wohl bekannte Abgesandte eines griechischen Reeders eroberte dieses Mal Johannes Molzahns „Pulsenden Stern“ von 1919 nach zähem Ringen für 69.000 Euro (40.000/60.000). Fast hätte der Auktionator eine Handbewegung ganz hinten übersehen und Schmidt-Rottluffs „Jershöft (Pommern)“ von 1921 bei 100.000 Euro zugeschlagen, doch davor bewahrte ihn ein engagierter Zuschauer. So ließ das Aquarell doch noch seine untere Taxe hinter sich und brachte 125.000 Euro (100.000/150.000).
Bietgefecht um eine Barszene von Grosz
Die spektakulärsten Bietgefechte des Abends sollten nun folgen: Begehrt war die um 1935 entstandene „Barszene, New York“ von George Grosz für 110.000 Euro (50.000/ 70.000). Zum am stärksten umworbenen Kunstwerk avancierte Ueckers „Gespaltenes Feld“ aus der Reihe „Poesie der Destruktion“, eine ausgesprochen kraftvolle Nagelarbeit von 1984: Immer kleiner fielen die Schritte aus, in denen geboten wurde, „Wir haben eine Verabredung!“, rief jemand.
Doch keiner der vielen Interessenten wollte nachgeben - erst mit 232.000 Euro (150.000/200.000) war Schluss. Bei der Moderne gab es noch weitere hohe Zuschläge, Baselitz war ein sicherer Kandidat: Sein „Roter Vogel“ spielte 380.000 Euro (300.000/400.000) ein, seine Zeichnung „Held mit Fahne“ 65.000 (30.000/40.000) und sein „Schwarzes Gesicht“ 200.000 Euro (180.000/ 240.000). Die Gegenwartskunst wurde mit etlichen Rückgängen eher zum Sorgenkind; dort erzielte Havekosts „National Geographic“ mit 150.000 Euro (150.000/200.000) den höchsten Preis.
Für eine echte Überraschung sorgte am folgenden Tag das erste Los der Hauptauktion: August Heinrichs kleines Aquarell „Watzmann“ von 1821 stieg von geschätzten 10.000 bis 15.000 auf enorme 215.000 Euro. Insgesamt kann die Villa Grisebach ein mehr als nur solides Ergebnis vorweisen, das angesichts der wirtschaftlichen Lage für Erleichterung sorgen dürfte. Bei der Abendauktion wurden von 86 Losen 67 verkauft. Alle drei Auktionstage brachten einen Gesamtumsatz von sechzehn Millionen Euro.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |