03.02.2010 · Gehört sie nach Wittenberg? In Paris hütet ein Privatgelehrter eine von alter Hand kommentierte Augustinus-Ausgabe. Jetzt will er sie bei Sotheby's versteigern.
Von Peter RawertMan darf Peter Way getrost einen Besessenen nennen. Seit mehr als zehn Jahren lässt ihm sein Fund keine Ruhe. Hunderte mit roter Tinte in gotischen Minuskeln geschriebene Glossen hat der Doktor der Altphilologie, der neben Latein und Griechisch wie selbstverständlich auch klassisches Chinesisch beherrscht, entziffert. Worte, die kein gängiges Nachschlagewerk ausweist, hat er mit Hilfe modernster Datenbanken identifiziert. Akribisch hat er ungezählte Quellen ermittelt. Um die halbe Welt ist er gereist. Dutzende von Theologen, Historikern und Buchexperten hat er konsultiert. Und namhafte Kenner haben ihn in seiner Ansicht bestätigt: „Die Bücher müssen aus dem innersten Kreis um Martin Luther stammen. Ich halte sie für einzigartige Dokumente der frühen Reformationsgeschichte. Nicht ausgeschlossen, dass sie Vorarbeiten für eine Wittenberger Edition der Werke von Aurelius Augustinus sind.“
Ways These mag kühn klingen, aber sie hat Erstaunliches für sich. Entdeckt hat der in Paris lebende Amerikaner die „Omnia Opera“ des auch von den Reformatoren geheiligten Kirchenvaters im Jahre 1998. Es handelt sich um die berühmte und in Basel bei Peter Froben gedruckte „editio princeps“ von Erasmus. Sie hat zehn Bände und datiert von 1527 bis 1529. Gemeinhin gilt sie als erste vollständige Augustinus-Ausgabe. In einem Antiquariat der französischen Kapitale hatte sie ausgelegen. Noch nicht einmal mit einem Preis war sie versehen, als Peter Way sie sah und sogleich erwarb: „Mir war klar, dass ich ein getrüffeltes Exemplar vor mir hatte.“ Verteilt über etwa 15.000 Seiten im Folio-Format waren unzählige Textkorrekturen, Verweise und Bibelfundstellen sowie beinahe 400 größere Randnotizen von bis zu 3000 Worten Länge. Mit dem geübten Blick des kenntnisreichen Bibliophilen sah Way sofort, dass die penible Schrift des Verfassers mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Hand ein und derselben Person stammte - ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier nicht irgendjemand aus Vergnügen Notizen gemacht hatte, sondern ein kundiger Gelehrter akribisch einer Aufgabe nachgegangen war, die ihn Jahre seines Lebens gekostet haben musste.
26 Florin für das Gesamtwerk
Schnell fand Peter Way heraus, dass die vorzüglich erhaltenen Bände aus der Bibliothek des tschechischen Philosophiehistorikers Josef Kratochvil (1882 bis 1940) stammten. Dessen Familie hatte sie in den Handel gegeben. Von wem Kratochvil selbst sie einst erworben hatte, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Ihr erster Besitzer war allerdings vermutlich ein gewisser Peter Rich aus dem Umfeld von Erasmus. Das ergibt sich aus einem in den fünften Band geklebten und von Rich gezeichneten Vermerk. Später hat er die Bände weiterveräußert. Das kann man aus einer Berichtigung des Vermerks durch den pedantischen Korrektor der Bücher schließen. Schon damals muss die Reihe einen stolzen Preis gehabt haben.
Von alter Hand geschrieben ist auf der letzten Seite des ersten Bandes zu lesen: „Totum opus pretio xxvi fl“ - das Gesamtwerk kostet 26 Florin; ein kleines Vermögen zu einer Zeit, als man für ein Paar guter Lederstiefel einen Florin bezahlte.Anfangs waren die meisten der Randnotizen für ihre Betrachter ein Rätsel. Trotz der überaus gleichmäßigen Handschrift ihres Verfassers waren viele von ihnen nur schwer zu dechiffrieren. Teils auf Latein, teils auf Deutsch geschrieben und ihre Sprache zuweilen im selben Absatz wechselnd, stellten sie selbst den philologisch ausgebildeten Way vor Probleme.
Eine Indizienkette führt zu den Wittenberger Reformatoren
Vor allem mit Hilfe des vor einigen Jahren verstorbenen Tübinger Kirchenhistorikers Heiko Oberman, seines Kollegen Gerhard Hammer und des Manuskript-Experten Karlfried Froehlich von der Universität Princeton gelang es allerdings, einige der Marginalien des besonders üppig annotierten achten Bandes als Texte von Martin Luther, Philip Melanchthon und Wenzeslaus Linck zu identifizieren. Es sind insbesondere die augustinischen „Enarrationes in Psalmos“, denen der Glossator Kommentare aus Luthers „Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens“ und Lincks „Kurtz Summaria oder außzüge der Psalmen“ gegenüberstellt. Schlüsseltexte von Melanchthon wiederum finden sich vor allem bei Augustinus' Anmerkungen zu den Psalmen 31 und fünfzig. Bis heute sind allerdings kaum mehr als die Hälfte der Randbemerkungen ihren Quellen zugeordnet.
Vieles deutet darauf hin, dass der unbekannte Scribent seine Arbeit um 1536 beendet hat. Peter Way schließt das aus datierten Hinweisen auf zeitgenössische Ereignisse. Die letzte Notiz bezieht sich auf die Enthauptung von John Kardinal Fisher am 22. Juni 1535. Heinrich VIII. hatte sie befohlen. Sie findet in Form eines kurzen Nachrufs auf Fisher neben dem Vorwort im ersten Band der Edition Erwähnung. Für Way ist dieses Datum mehr als nur ein Kuriosum. Es ist Teil seiner Indizienkette, die mitten in die Denkstuben der Wittenberger Reformatoren führt: Der Annotator muss ein Mann mit Zeit, Geduld und außergewöhnlicher Bildung gewesen sein.
Ähnlichkeit mit Werken aus der Bibliothek Luthers
Offenbar hat er neben bemerkenswerten sprachlichen Fähigkeiten auch über profunde editorische Kenntnisse verfügt. Immerhin hat er ungefähr 50.000 Einzelkorrekturen vorgenommen. Für seine Arbeit muss er Zugang zu einer guten Bibliothek gehabt haben. Aber nicht nur das: Er muss in der Lage gewesen sein, auf Originalmanuskripte der großen Reformatoren zuzugreifen. Etliche der Textstellen, die in den Marginalen auftauchen, lagen zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift noch nicht in vervielfältigter Form vor: „Wie aber hätte jemand aus ihnen zitieren können, wäre er nicht einer jener Scholaren gewesen, die Luther an der Wittenberger Leucorea um sich geschart hatte?“
Bleibt freilich die Frage, warum ein Gelehrter, der die Texte seiner Brüder oder Auftraggeber den augustinischen Quellen gegenüberstellte, deren Urheber nicht offenbarte? Peter Way hat auch dafür eine Vermutung: „Vielleicht reflektiert die Anonymität der Marginalien ja den Versuch, eine Gemeinschaftsarbeit der großen Reformatoren vorzulegen.“ Und so, als bedürfte es für den Skeptiker noch eines buchstäblich sinnlichen Argumentes, weist Peter Way mit einem Lächeln darauf hin, dass die wahrhaft exquisiten Augsburger Einbände seiner Ausgabe - sämtlich aus blind geprägtem Schweinsleder mit fünf Bünden und schweren Messingverschlüssen - immerhin eine geradezu auffällige äußere Ähnlichkeit mit anderen Werken aus der Bibliothek Luthers haben, die in Wittenberg noch heute zu sehen sind. Kann das alles Zufall sein?
Digitalisiert von der Herzog-August-Bibliothek
Allerdings findet der Privatgelehrte, dass er mit seinen Möglichkeiten, die Bände zu analysieren, zwischenzeitlich an Grenzen gestoßen ist. Die weitere systematische Auswertung der Anmerkungen und ihre kritische Edition ist eine Aufgabe, die nur eine anerkannte wissenschaftliche Einrichtung leisten kann. Er hat die Bücher daher verschiedenen Stellen in Deutschland angeboten: in Berlin, in Wittenberg und in Wolfenbüttel.
Den besonders schönen achten Band seiner Edition hat man in der Herzog-August-Bibliothek gerne digitalisiert. Dort ist er sogar online zu bestaunen. Aber keine öffentliche Einrichtung sieht sich hierzulande in der Lage, den Erwerb der Originale zu finanzieren. Peter Way hat sich dieser Tage entschlossen, die Bücher in Paris versteigern zu lassen. Bei Sotheby's lautet die Taxe einstweilen 200.000 Euro - alle Geheimnisse inbegriffen.
Stellenwert von Bildung und Wissenschaft
Dirk Mathias Händler (dmhaendler)
- 03.02.2010, 10:39 Uhr
fake?
Karl Damp (le-martin)
- 05.02.2010, 23:15 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
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