Home
http://www.faz.net/-gz2-14lj5
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Asiatika Der Berg steht wie aus Holz geschnitten

10.12.2009 ·  Banzai! Lempertz feiert das hundertjährige Jubiläum seiner Asiatika mit einem sensationellen Angebot. Noch heute ist den Holzschnitten aus der Sammlung Walter von Schewens anzumerken, dass Spesen ihm als Kunstbudget nicht ausreichten.

Von Andreas Platthaus
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (0)

Der europäische Herr vor dem leicht diesigen Panorama des Fujiyama heißt Walter von Schewen. Der Weg von Krefeld, wo seine Familie eine Seidenweberei besaß, nach Japan war weit, aber naheliegend, wenn man am Beginn des 20. Jahrhunderts Pionier der Globalisierung sein wollte. Das Unternehmen unterhielt in China eine eigene Spinnerei, und der designierte Firmenchef wurde im Alter von vierundzwanzig Jahren am Jahresende 1902 auf zehnmonatige Fernostreise geschickt, um sich mit den dortigen Gegebenheiten vertraut zu machen.

Dieses kleine Kapitel deutscher Unternehmensgeschichte erweist sich nun nachträglich als wichtiger Abstecher für den deutschen Kunstmarkt. Kapitalisten verstehen etwas von den Genüssen des Lebens, und so entdeckte Schewen auf der Reise seine Sammlerleidenschaft. Aus China brachte er standesgemäß prächtige Textilien mit, in Japan begeisterten ihn Holzschnitte. Man könnte angesichts der Aufnahme aus dem von ihm selbst zusammengestellten Fotoalbum zu seiner Fernostreise vermuten, dass Schewen seine Pose vor dem Fuji einer Hokusai-Ansicht nachgestellt hat. Das aber trifft nicht zu. Denn mehr als vierzig Dollar gab das Spesenkonto für das firmenfremde Interesse an Holzschnitten nicht her; Schewen wurde erst nach der Rückkehr in die Heimat zum eifrigen Käufer.

Glück beim Doublettenverkauf der Bremer Kunsthalle

Pionier war er damit in Europa nicht mehr: Die Japonismus-Welle war aus Frankreich längst über den Rhein geschwappt, und so fand Schewen in Deutschland, aber auch bei Aoyama in Paris ein breites Angebot vor, aus dem er bis 1932 insgesamt 169 Blätter erwarb. Gemäß dem Zeitgeschmack dominierte dabei das späte 18. Jahrhundert um das Zentrum Utamaro herum; erst Ende der zwanziger Jahre wagte sich Schewen bis Hokusai und Hiroshige vor. Dabei gelang ihm 1928 aus einem Doublettenverkauf der Bremer Kunsthalle, der über den Berliner Händler Felix Tikotin abgewickelt wurde, der Glückserwerb einer „Großen Woge“ von Hokusai, des berühmtesten aller japanischen Holzschnitte.

Schewen, auch begeisterter Expressionistensammler, starb 1950. Seine Erben bewahrten den Holzschnittschatz und bieten am 12. Dezember 105 Blätter daraus bei Lempertz an. Damit hat sich das Kölner Auktionshaus zum hundertjährigen Jubiläum seiner Asien-Abteilung eine Sensation gesichert; denn alle Höhepunkte der Sammlung Schewen kommen zum Ausruf, darunter ein spektakuläres Konvolut von sieben Blättern Suzuki Harunobus, die angesichts ihres Alters und der damals verwendeten Naturfarben in verblüffend intensiver Kolorierung erhalten sind (Taxen von 500 bis 5000 Euro). Besonders bemerkenswert ist die Darstellung einer Geburtsszene (3000).

Berühmtheiten aus dem 19. Jahrhundert

Doch unter den Werken des 18. Jahrhunderts ragt die äußerst rare Darstellung des Sumo-Ringers Tamikaze und der Kurtisane Okita heraus, die Katsukawa Shuncho im Jahr 1790 geschaffen hat (10.000). Sie übertrifft sogar die insgesamt vierzehn Utamaros, unter denen sich gleichwohl auch motivische Raritäten finden, so eine hinreißende Puppenspielszene (1500) - und ein sehr prominentes Porträt: die Dame, die sich mit einem Tuch ihre Lippen abtupft, entstanden 1795 oder 1796 (3000).

Die Werke des 19. Jahrhunderts warten dann mit einer ganzen Suite von Berühmtheiten auf: Angeboten werden Hiroshiges beliebtester Holzschnitt, die Ohashi-Brücke im Regen, in der zweiten veränderten Auflage (8000), und natürlich Hokusais Woge mit der grandiosen Bremer Provenienz (20.000); dazu gleich drei weitere Blätter aus den „36 Ansichten“, darunter die beiden kaum minder beliebten Folgen „Roter Fuji“ und „Fuji im Gewitter“ (je 12.000).

Ein Angebot von japanischen Holzschnitten solcher Qualität und Geschlossenheit hat der deutsche Kunstmarkt lange nicht gesehen. Da erscheinen die Schätzungen erstaunlich vorsichtig. Immerhin sind diesmal zwei Blätter aus Hokusais Serie „100 Geschichten“, der berühmten, nur fünfteiligen Gespenster-Folge, mit 4000 und 5000 Euro marktgerecht eingeschätzt. Noch im vergangenen Juni hatte Lempertz die damals komplett angebotene Serie mit ähnlich guter Provenienz pro Blatt lediglich auf 1500 Euro taxiert. Am Ende waren die Preise teilweise auf mehr als das Zehnfache getrieben worden. Ähnliche Bietgefechte um einzelne Harunobus oder Utamaros wären auch diesmal keine Überraschung.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Der Fall Duisburg

Von Reiner Burger

Adolf Sauerland ist auf tragische Weise zum bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands geworden. Und zweifelsfrei ist der Duisburger Wahlgang ein Einschnitt in der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Mehr 1 14