24.05.2009 · Johann Nepomuk Seiler sammelte im neunzehnten Jahrhundert gut informiert und ausdauernd. Knapp dreitausend Blätter mit Seiler-Provenienz kommen jetzt bei Karl & Faber in München zum Aufruf - ein Blick in die Kataloge mit Alter Kunst und Moderne.
Von Brita Sachs, MünchenZeiten gab es, da genoss Druckgraphik so hohe Bewunderung, dass Künstler sie zeichnend imitierten. Hendrick Goltzius zum Beispiel, der Haarlemer Manierist, konnte täuschend echt Dürers Kupferstiche mit der Feder kopieren, legte es aber auch für eigene Motive darauf an, die Wirkung der Tiefdrucktechnik zu erzielen. Einen unbeabsichtigten Nebeneffekt haben solche virtuosen „Federkunststücke“, wenn erst sie die Bewunderung für das Stecherhandwerk wecken, das solche dichten Liniengespinste nicht per Hand aufs Papier bringt, sondern mit dem Stichel in die harte Platte gräbt.
Goltzius war im Übrigen auch selbst exzellent im Kupferstechen: Das zeigt sein elegant viele Quadratmeter Stoff bewältigender „Fahnenschwinger“, den Karl & Faber in München als Dublette aus der Wiener Albertina zur Taxe von 9000 bis 10.000 Euro in der Auktion Alter und Moderner Kunst vom 27. bis zum 29. Mai anbietet. Wären druckgraphische Blätter Monotypien - also nur einmal vorhanden -, hätten sie die gleichen Preise wie Zeichnungen. Aber da es nun mal in ihrer Natur liegt, mehr- bis vielfach produziert zu werden, sind sie für die unikatversessene Mehrheit der Kunstsammler eher am Rande interessant.
Dürers „Marienleben“
Gute Exemplare berühmter und seltener Blätter gehören zu den Ausnahmen, die diese Regel bestätigen und dafür sorgen, dass der überschaubare Kreis der Druckgraphik-Liebhaber nicht übermütig wird. Dürers „Marienleben“ etwa, das bei Karl & Faber als komplette und wohl in ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit erhaltene Folge der zwanzig Holzschnitte vorliegt, gilt eine Schätzung von 80.000 bis 100.000 Euro.
Das Beispiel des bayerischen Juristen Johann Nepomuk Seiler (1793 bis 1876) zeigt gut, wie selbstverständlich Sammler früher die Handzeichnung und die Druckgraphik beieinander sahen. Als Mitglied im Münchner Kunstverein war Seiler über die Kunst seiner Zeit informiert. Er kaufte viel Kunst auf Papier, die seine Nachfahren bis jetzt bewahrten. Nachdem Karl & Faber im vergangenen Herbst zunächst die Zeichnungen des kunstversessenen Richters versteigerten, kommen jetzt knapp 3000 Blatt Graphik zum Aufruf, hauptsächlich von deutschen, österreichischen und Schweizer Künstlern der Zeit um 1800.
Seiler schätzte Landschaft und Topographie, aber seine Mappen füllten auch Genre und biblische Geschichten. Fast lückenlos vertreten sind die Aquatinten und Radierungen Wilhelm von Kobells: Moderat taxiert, wie alle Seiler-Blätter, sollen etwa „Die Reiter“, eine Folge von sechs Blättern, 600 Euro kosten. Gut vertreten stehen auch Chodowiecki und Christian Reinhart da, Ludwig Richter, Angelica Kauffmann oder Adrian Zingg.
Werke von Erbslöh aus Familienbesitz
Adolf Erbslöhs kraftstrotzende Ölbilder des „Kranzhorn“ von 1911 (Taxe 20.000/25.000 Euro) und einer Parklandschaft von 1919 (25.000/30.000), beide eingeliefert aus Familienbesitz, akzentuieren den Bereich der Klassischen Moderne. Solchem Expressionismus der frühen Jahre erneut zugewandt zeigt sich dann 1932 Gabriele Münter mit „Schnee im Herbst“, erlebt im Murnauer Land (120.000/140.000).
Im Jahr 1964, als Titel für die Weihnachtsausgabe des Magazins „Mc Call's“, malte Norman Rockwell „A Balcony Seat“: Gemeinsam mit dem kleinen Mädchen, über dessen Schulter er schaut, blickt der Betrachter von der Treppe hinunter auf eine glitzernde Abendgesellschaft (50.000/60.000). Einen breit grinsenden Schwarzen mit schwebendem Hut zeichnete Basquiat 1984 in Ölkreiden auf Papier; mit seinem Zertifikat des Basquiat-Nachlasses liegt das Blatt bei 130.000 bis 140.000 Euro.