Home
http://www.faz.net/-gz2-12nfa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Alte Kunst und Kunstgewerbe in Köln Der Vesuv bricht gern nachts aus

 ·  Jakob Phillip Hackert lässt leuchtende Lava sprudeln: Sein Gemälde kommt bei Lempertz in Köln zum Aufruf. In den Orient führt indes das Hauptlos der Auktion bei Van Ham - ein Blick in die Kataloge.

Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Köln hat die Art Cologne erfolgreich hinter sich gebracht. Im Mai gehört die Bühne nun den Auktionshäusern. Lempertz und Van Ham versteigern - beide - am 15. und am 16. Mai Kunstgewerbe und Alte Kunst. Das Angebot lohnt einen Blick in die schweren Kataloge.

Unter den 1355 Losen der Alten Kunst bei Lempertz stechen vier Tafeln des Meisters von Attel aus dem Jahr 1490 hervor, die bis zur Säkularisation zum Hauptaltar der Stiftskirche in Rottenbuch gehörten und nun nach sechzig Jahren Marktferne aus einer belgischen Privatsammlung eingeliefert wurden; die Szenen erzählen die Passionsgeschichte (Taxe jeweils 160.000/ 180.000 Euro).

Ein Gemeinschaftswerk von Brueghel und Rottenhammer

Aus dem frühen 16. Jahrhundert fällt eine „Madonna mit Kind“ in der Nachfolge Jan Gossaerts, genannt Mabuse, auf; auch das Ölbild auf Eichenholz kommt aus einer belgischen Privatsammlung (50.000/60.000). Ebenfalls in diese Zeit, exakt ins Jahr 1608, fällt ein dramatisches Gemeinschaftswerk von Hans Rottenhammer und Jan Brueghel d. Ä., das die Geschichte „Aeneas und Anchises fliehen aus dem brennenden Troja“ erzählt (70.000/80.000).

Vorschau: Alte Kunst und Kunstgewerbe in Köln

Der Name des Holländers Simon de Vlieger taucht im Katalog gleich zweimal auf: Die „Dünen- und Strandansicht mit Leuchtturm und Fischern“ (200.000/240.000) und seine „Schiffe und Boote auf bewegter See“ (50.000/60.000) bezeugen seine ausgefeilte Verwendung von Licht und Schatten. Das Spitzenlos der Auktion schuf Isaak Soreau um 1630. An dem „Stillleben mit Früchtekorb“ ist seine Fähigkeit zur zeichnerischen Schärfe abzulesen (200.000/ 240.000).

Bekannt aus dem Wallraf-Richartz-Museum

Bedächtig schaut ein bärtiger Gelehrter, den Tiepolo um 1740 festhielt (100.000/110.000). Der Vesuv bricht bei Hackert gern in der Nacht aus; sein Gemälde von 1779 gehörte lange Zeit zur Sammlung des Kölner Wallraf-Richartz-Museums (110.000/130.000). Ein prächtiger Vogel krächzt im 19. Jahrhundert auf George Lances „Früchtestillleben mit Papagei“ (38.000/45.000). Zu den Höhepunkten dieser Sektion zählt der bedrohliche „Gewitterhimmel über der Burg Drachenfels“ auf Barend Cornelis Koekkoeks Gemälde von 1849 (70.000/80.000); im Vordergrund sieht ein Bauernpaar mit Hund zu, dass es nach Hause kommt.

Mit zwei Figuren gab sich Domenico Quaglio d. J. 1834 nicht zufrieden: Auf seiner Stadtansicht von Hannover finden sich viele Leute auf dem Kirchplatz ein (40.000/50.000). Ein Zeitsprung ins Jahr 1892: Hans Thomas „Spätsommertag im Schwarzwald“ könnte als Abstraktion durchgehen (25.000/35.000). In der Abteilung Zeichnungen setzt Lempertz für Veroneses „Studie für sechs Zwickelfiguren“ aus dem Jahr 1560, einst in der Sammlung Santacroce, die höchste Schätzung mit 8000 bis 12.000 Euro an. Wunderbar leuchten Redoutés „Pfingstrosen mit Schmetterling“ von 1836 (6000/8000). Bei der Skulpturen-Offerte gehört eine Maria des Meisters der Altöttinger Türen, um 1520 entstanden, zum Attraktivsten (20.000/25.000).

Eine Kapelle aus Porzellan

Tags zuvor am 15. Mai präsentiert sich bei Lempertz das Kunstgewerbe glänzend. Dafür sorgen seltene Porzellane aus dem 18. Jahrhundert. Mit Humor darf man wohl Kaendlers „Freimaurer und Dame vom Mopsorden“ nach einem Modell von 1744 nehmen: Sie sitzen beim Rotwein und genießen das Leben (15.000/20.000). Die Turteltauben gehören zu einer Porzellansammlung von dreißig Figuren, darunter sechzehn aus Kaendlers legendärer Affenkapelle (Taxen 2000 bis 15.000 Euro): Vom animalischen Dudelsackspieler bis zum Trommler ist hier alles dabei; ein Kaendler-Quacksalber mit Affe und Harlekin, um 1741, Ausformung und Bemalung wohl um 1750, soll 40.000 bis 50.000 Euro einspielen.

Zwei mit Meissen und KPM signierte Porzellane, Teekanne und Zuckerdose mit Höroldt-Chinoiserien, liegen bei 15.000 bis 20.000 und 12.000 bis 15.000 Euro. Spitzenlos bei den Möbeln ist mit 40.000 bis 60.000 Euro eine von Jacques Dubois gestempelte, zwei schübige kleine Louis-XV-Kommode. Auch beim Silber konnte Lempertz erfolgreich akquirieren: Eine große Augsburger Kranenkanne des Meisters Esaias III Busch aus der Zeit um 1721/25 ist dort mit einer Taxe von 12.000 Euro versehen.

Orientalisches bei Van Ham

Das Spitzenlos der Alten Kunst bei Van Ham kommt aus dem 19. Jahrhundert von dem Orientalisten Rudolphe Ernst; seine undatierte Haremsszene auf 72 mal 93 Zentimetern ist mit einer Schätzung von 170.000 bis 180.000 Euro ausgezeichnet. Jacques-François Courtins kokette „Venuspriesterin mit Taube“ wurde von 1740 an jährlich im Salon der Pariser Académie Royale ausgestellt; 1757 ersteigerte die Eremitage in Sankt Petersburg sie für Zarin Katharina II. Lange als verschollen geltend, ist das Bild nun in einer deutschen Privatsammlung aufgetaucht (50.000/60.000).

Johann Heinrich Schönfeldt malte 1636/37 seine dramatische Szene des Kreuzwegs (22.000/25.000). Das Porträt einer englischen Hofdame mit Kopfputz entstand im Umkreis Hans Holbeins (30.000/33.000). Bei den Zeichnungen fällt Menzels „Herrenfrühstück“ ins Auge (9500/12.000). Beim Kunstgewerbe fällt, neben Möbeln und Silber, ein Augsburger Vermeil-Emailkoppchen mit Unterschale aus der Werkstatt von Elias Adam, um 1707, auf (10.000/12.000); ein fast identisches Stück befindet sich in der Sammlung des Victoria & Albert Museum in London.

Aus einer hessischen Privatsammlung kommt ein Augsburger Deckelhumpen, den Hans Jacob Mair um 1669 mit der Allegorie von Tag und Nacht geschmückt hat (22.000/24.000). Eine apart geformte Reise-Toilettgarnitur mit Handspiegel, Flakons, Döschen der vierziger Jahre steckt hinter der Losnummer 851 - leider ist unterwegs ein Glasstöpsel verloren gegangen, so dass die Schätzung bei 3000 bis 4000 Euro liegt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge