07.11.2006 · In Köln ist die Messe noch nicht wieder bei ihrer Bestform angekommen. Der Anschluß an die internationale Spitze muß im Frühling 2007 passieren. Die aktuelle Ausgabe ist solide, aber ohne den Glanz, der den Kölner Kunstmarkt wieder unhintergehbar macht für die Kunden.
Von Swantje KarichAlle Kräfte waren mobilisiert - ist doch Zuversicht des Kölners Leitkultur -, aber die Erkenntnis kann nicht ausbleiben: In Köln ist die Messe noch nicht wieder bei ihrer Bestform angekommen. Der Anschluß an die internationale Spitze muß im Frühling 2007 passieren. Die aktuelle Ausgabe ist solide, aber ohne den Glanz, der den Kölner Kunstmarkt wieder unhintergehbar macht für die Kunden. Gérard Goodrow, der Messe-Direktor, formulierte am Eröffnungstag ganz ungewollt das Dilemma: „Wir bestimmen nicht den Markt, der Markt bestimmt die Art Cologne“ - das läßt sich ablesen am Resultat: Man hat es offenbar nicht geschafft, die Galeristen zu Höchstleistungen zu animieren, die besten Stücke nach Köln mitzubringen - endlich, sie davon zu überzeugen, daß die wichtigen Sammler warten.
Vielleicht ist Goodrow mit seinen Gedanken ja schon bei der Planung für 2007 und außerdem ganz woanders: Die KölnMesse hat die Gründung eines Ablegers der Art Cologne in Palma de Mallorca bekanntgegeben vom 19. bis zum 23. September. Gerüchte darüber gibt es bereits seit Mitte vergangenen Jahres. Jetzt wäre die Gründung der Art Cologne Palma de Mallorca auch eine Erklärung für die Präsenz mallorquinischer Galerien auf der aktuellen Art Cologne - neben Cano und Pelaires hat auch die Kölner Traditionsgalerie Kewenig ein Standbein auf Mallorca.
Perlensuche
Auf der vierzigsten Art Cologne präsentieren 185 Galerien in luftigen Kojen entlang von weiten Gängen ihr Angebot. Die Halle vermittelt durchaus ein Gefühl der Großzügigkeit; darin gilt es, die Perlen zu finden: Allein fünfzehn Galerien sind aus Spanien angereist, sechzehn kommen aus Österreich, drei aus London, eine aus Polen; Frankreich ist mit acht Teilnehmern vertreten, und aus Teheran ist die Galerie Elahe gekommen. Amerika macht sich rar, New York fehlt beinah ganz in Köln: Margarete Roeder ist mit einer überzeugenden Arbeit des 2003 verstorbenen Fred Sandback gekommen; der Künstler ist - nicht ganz plausibel - als einer der „Hidden Treasures“ eingestuft, eine etwas merkwürdige Kategorie, unter die zum Beispiel auch Valie Export zählt.
Auch Leo König und David Zwirner - er nur im Open Space - sind Köln treu geblieben. Fünf Neuzugänge sind aus Asien zu verzeichnen, aus Korea, Singapur oder Tokio. Zu den Asiaten zählt die Messe auch die L.A. Galerie aus Frankfurt, die schon seit einiger Zeit eine Dependance in Peking unterhält.
Private Eindrücke in mutiger Welt
Der Gang durch die Halle ist, wie schon im vergangenen Jahr, einer durch die Epochen der Kunstgeschichte von der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart: Im Erdgeschoß haben sich die Galerien Ludorff und Schlichtenmaier, Salis & Vertes oder Henze & Ketterer mit ihren musealen Offerten in Szene gesetzt. Bei Samuelis Baumgarte am anderen Ende der Halle dagegen lassen sich private Eindrücke nacherleben: Beobachtungen aus einer mutigen Welt. Patricia Thoma fixiert in der Serie „Am Rande“ (je 650 Euro) auf 21 mal 17 Zentimeter kleinen Holztafeln mit Buntstift ihre Notizen aus dem Alltag, vergnügt und melancholisch zugleich: Ein Motorrad scheint um die Ecke zu lugen, ein Mädchen schaut aus der Ferne herüber.
Im ersten Stock fährt Michael Schultz aus Berlin auf mit Stephan Kaluzas FotoReigen „Rippentrops Wohnzimmer“ (Auflage 3; Preis auf Anfrage). Auf 26 einzelnen Fotografien, je 24 mal 250 Zentimeter groß, begleitet Kaluza Schauspieler Szene für Szene in einem Theaterstück. Thomas Wredes Fotografie „Wohnwagen mit Feuer“ (6500 Euro) in der Düsseldorfer Galerie Beck & Eggeling läßt den Betrachter schwindlig werden; Größenverhältnisse und eigener Standpunkt sind hier ad absurdum geführt.
Bienenwachs über Mensch und Tier
Ein paar Kojen weiter, bei Stefan Röpke, legt José Maria Sicilia eine Schicht aus Bienenwachs über seine Motive von Mensch und Tier, die so zu Schemen mutieren (22.000 Euro). Welche Art von Statement die Galerie Sho aus Tokio abgeben will, indem sie das Fragment eines „Rosen“-Gemäldes von Renoir (240.000 Euro) in wenig herzliche Nachbarschaft bringt mit einer abstrakten Malerei von Blumenblättern der Japanerin Kusama Yahoi unter dem Titel „Kahen“ aus dem Jahr 1988 (13.000 Euro), muß das Geheimnis der Galerie bleiben.
Allgemein gibt es den Rumor, daß es in den Gängen der Sektion „New Contemporaries“ turbulenter zugehen soll: In der Galerie von Lena Brüning aus Berlin überzeugt immerhin John von Bergens Zeichnung „Ufo-Umis #5“ (2004; 5000 Euro): Ein fein gezeichnetes Objekt, einer Wurzel ähnlich, schwebt auf dem 1,5 mal 2,5 Meter messenden Blatt im weißen Nichts. Kaucyila Brooke läßt bei Andreas Huber auf ihren Fotografien „Kathy Acker's Clothes“ zu luftig-leichten Erfahrungsobjekten werden (je 3000 Euro). Ganz in der Nähe ist die Galerie Knäpper + Baumgarten aus Stockholm: In ihrem kleinen Raum bittet Lotta Hannerz' Stuhl-Skulptur „Looking for a home“ (3500 Euro) einsam und heruntergekommen um ein neues Zuhause - vorsätzlich symbolisch aufgeladen und auch ein wenig unfreiwillig.
Nasenbär aus China-Böllern
Die Koje der Galerie Schübbe aus Düsseldorf fällt nicht nur durch ihre Enge auf: Lebensgroße Nasenbären aus China-Böllern von Carl Emanuel Wolf räkeln sich dort und schauen vertrottelt drein, offenkundig sich nicht ihrer Sprengkraft bewußt (28.000 Euro). Ebenfalls bei Schübbe zeigt die japanische Performance-Künstlerin Yukako Ando zwei kleinformatige Werke, die einen verweilenden Blick fordern (1500 Euro): Auf einen feinglänzenden, weißblau gestreiften Untergrund hat sie eine Collage aufgebracht; zwei nackte Frauen kämpfen miteinander, völlig ohne Halt in diesem Raum. Die spanische Künstlerin Amparo Sard stanzt in der Galerie Ferran Cano aus Mallorca mit einer Nadel Loch für Loch ins Papier und schafft so eine filigrane Serie kleiner Motive - zum Beispiel das einer verärgerten Frau (“La Mujer Mosca“, 2006; 1800 Euro).
Bei dieser Sucharbeit, die auf der Messe zu leisten ist, hilft der Rummel im weitläufigen Projektraum des Open Space, der auch in diesem Jahr die Stimmung hebt: Schaukeln zum Glücklichsein sind von den Künstlern Winter und Hörbelt bei Nusser & Baumgart aus München installiert. Auch wenn der Open Space mit klangvollen Namen wie David Zwirner aus New York, Krinzinger aus Wien oder Buchholz aus Berlin gewiß ein Erfolgskonzept darstellt, fehlt ihm die entscheidende Anziehungskraft, um die Anmutung der Schau insgesamt hochzureißen.
Pferde in der Koje
Da bleibt auch die Pferde-Installation „Dodici Cavalli Vivi“ von Jannis Kounellis in ihrer Sonderkoje - 1969 in der Galleria L'Attico in Rom erstmals gezeigt und nun aus Anlaß von Kounellis' siebzigstem Geburtstag in Köln aufgeführt - bloß ein Versuch, für etwas Aufregung zu sorgen: Lebendige Pferde auf einer Kunstmesse irritieren wohl auch heute noch, stellen aber nicht zwingend einen Kunst-Wert dar.
An den Schauplatz des Open Space mit seinem samtigen Teppichboden grenzt die Koje des Düsseldorfer Galeristenpaares Sies + Höke in ihrer kargen Radikalität auch diesmal wieder erfrischend an: Florian Slotawa verhakt hier seine Bügeleisen zur unbetitelten Hochhaus-Skulptur ineinander (18.000 Euro).
Verschwinden der Videokunst
Monumental wird es dagegen in der Galerie Baer aus Dresden: Jan Brokhofs mehr als fünf Meter hoher Holzschnitt eines tristen Plattenbaus mit dem Titel „P 2“ (30.000 Euro) gibt die Kulisse ab für Sebastian Hempels „Fatboy-slim“ (6500 Euro), eine Rauminstallation aus Holz und mit pneumatischem Effekt: Ein großer Würfel mit einer Kantenlänge von einem Meter öffnet sich plötzlich und klappt seine Flächen auseinander, zur Kreuzform auf dem Boden, um sich nach kurzer Ruhepause wieder selbst zusammenzusetzen.
Auch auf der Art Cologne setzt sich ein Trend jedenfalls fort, das Verschwinden der Videokunst von der Messe. Allein der Spanier Eugenio Anpudia in der Galerie Max Esrella aus Madrid benutzt für seine Arbeit „En juego“ dieses Medium: Er zeigt das Finale der Fußballweltmeisterschaft 2002 Deutschland gegen Brasilien. Doch die Mannschaften kicken mit einem Buch mit flatternden Seiten anstatt mit einem Fußball.
Im nächsten Jahr im Herbst werden also sechzig Galerien nach Mallorca einfliegen, um dort in der Herbstsonne der Balearen Kunst zu verbreiten. Doch zuvor ist die Art Cologne noch einmal dran: Im Frühjahr 2007 sollte die Traditionsmesse wirklich klarstellen, daß sie noch immer in den Club der internationalen Spitzenmessen gehört.